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20.9.2002 | Von:
Gitta Scheller

Individualisierungs-Prozesse in den neuen Bundesländern

Zur Freisetzung aus den Arbeitskollektiven

Wie sieht es aus mit der Wertedifferenz zwischen Ost- und Westdeutschen? Eine weitreichende Analyse unter individualisierungstheoretischer Perspektive.

I. Problemstellung

Die soziologische Gegenwartsanalyse hat für die alten Bundesländer einen Individualisierungstrend diagnostiziert. Nach Auffassung prominenter VertreterInnen dieser Forschungsrichtung wie Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim vollzieht sich seit Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein Prozess, in dem die Menschen aus traditionalen Sozialbeziehungen freigesetzt und zunehmend auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal verwiesen werden. [1] Vor dem Hintergrund eines vergleichsweise hohen materiellen Lebensstandards, umfassender sozialer Sicherheiten und Wahlmöglichkeiten in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wird dies von Ulrich Beck als ein historischer Kontinuitätsbruch gewertet.


Unmittelbar nach der Wende wurde die Individualisierungsthese auf die neuen Bundesländer übertragen; die Veränderungen im Zuge des gesellschaftlichen Transformationsprozesses wurden als Individualisierungsschub interpretiert. [2] Umfassende empirische Untersuchungen, inwieweit die auf westliche Industriegesellschaften, vor allem aber die alte Bundesrepublik zugeschnittene Individualisierungsthese [3] auf die neuen Bundesländer übertragbar ist, stehen jedoch noch aus. Ob die transformationsbedingten Veränderungen im Erwerbs-, Wohn-, Freizeit- sowie im Bereich der privaten Lebensformen in den neuen Bundesländern dem entsprechen, was Ulrich Beck als Individualisierung bezeichnet, wird nun im Rahmen des Forschungsprojektes "Die Wende als Individualisierungsschub" untersucht. [4] Dabei wird von der übergreifenden Annahme ausgegangen, dass sich der Transformationsprozess zwar als Individualisierung beschreiben lässt, dass er aber in den neuen Bundesländern auf Grund der im Vergleich zur alten Bundesrepublik ganz anderen Ausgangslage und Sozialisation der Menschen in der DDR Besonderheiten aufweist. [5] Die ‘nach "unten nivellierte Sozialstruktur" (Manfred Lötsch), die sozial stärker gemischte Bewohnerstruktur, die nahezu vollständige Erwerbsintegration ostdeutscher Frauen, die umfassendere Entlastung der Familie von privaten Reproduktionsarbeiten sowie die stärkere kollektive (Ein-)Bezogenheit haben die Menschen geprägt und dazu geführt, dass in früheren Zeiten erworbene Orientierungen auch unter grundlegend veränderten Bedingungen nicht einfach über Bord geworfen, sondern als Ressourcen der Bewältigung neu entstandener Situationen eingesetzt werden. [6]

Insofern wird von einer lang anhaltenden Unterschiedlichkeit ost- und westdeutscher Orientierungen ausgegangen und davon, dass die Menschen in den neuen Bundesländern anders als die in den alten auf die weitgehend angeglichenen institutionellen Rahmenbedingungen reagieren und sich die Inhalte der Freisetzungen in den neuen Bundesländern deutlich von denen in den alten unterscheiden.

In diesem Beitrag wird nach einer kurzen Erläuterung des methodischen Vorgehens ein Teilergebnis dieser zur Zeit noch andauernden Studie vorgestellt. Da die DDR eine stark auf das Kollektiv bezogene Gesellschaft war, stellt sich unter individualisierungstheoretischer Perspektive insbesondere die Frage, in welchem Umfang das mit den Arbeitskollektiven verbundene Gemeinschaftsideal nach der Wende noch wirksam ist. Nach der Beschreibung der Funktion der Arbeitskollektive wird untersucht, inwiefern nach der Wende eine Freisetzung aus den ehemaligen solidarischen Arbeitsbeziehungen stattgefunden hat (bzw. immer noch stattfindet), ob soziale Beziehungen außerhalb der Erwerbssphäre fortgesetzt werden und ob die Menschen in der Freisetzung aus den Arbeitskollektiven eine Chance für eine autonomere Lebensgestaltung sehen. Im Fazit werden die Befunde unter individualisierungstheoretischer Perspektive resümiert.

Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986; Elisabeth Beck-Gernsheim, Vom "Dasein für andere" zum Anspruch auf ein Stück "eigenes Leben". Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang, in: Soziale Welt, 34 (1983) 3, S. 303 - 340. Bei den traditionellen Sozialbeziehungen, aus denen die Menschen herausfallen, handelt es sich z. B. um Klassenbedingungen, Versorgungsbezüge der Familie, Ge"schlechts"rollen und kleinräumliche Sozialmilieus.
2.
Vgl. Ulrich Beck, Bindungsverlust und Zukunftsangst. Leben in der Risikogesellschaft, in: Hans-Hermann Hartwich (Hrsg.), Bindungsverlust und Zukunftsangst. Leben in der Risikogesellschaft. Eine Disputation, Opladen 1994.
3.
Die Individualisierungsthese ist bisher auch für die alte BRD nur unzureichend auf ihre Gültigkeit geprüft und heftig umstritten. Vgl. z. B. die Beiträge in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Die Individualisierungs-These, Opladen 1998.
4.
Das Projekt wird von Ulfert Herlyn geleitet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert. Vgl. auch Peter A. Berger, Individualisierung. Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt, Opladen 1996.
5.
Kritisch vgl. Jürgen Dorbritz, Sozialer Systemwandel und die Folgen für die Familienbildung, in: Berliner Journal für Soziologie, (1993) 3, S. 355 - 368.
6.
Vgl. Burkart Lutz, Schwächen und Verkürzungen der frühen Transformationsforschung, in: ders./Hildegard M. Nickel/Rudi Schmidt/Arndt Sorge (Hrsg.), Arbeit, Arbeitsmarkt und Betriebe, Opladen 1996.