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16.8.2002 | Von:
Christiane Thorn

Nachhaltigkeit hat (k)ein Geschlecht

Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

I. Nachhaltige Entwicklung: Ein Leitbild macht Karriere

1. Zur Genese hegemonialer Konzepte



In den sechziger Jahren bezog sich klassisches umweltpolitisches Denken und Handeln zunächst auf die vielfältigen Gefährdungen lokaler und regionaler Naturstücke, wie die Schadstoffbelastung von Böden, Wasser, Luft und der Wälder oder die Zerstörung einzelner komplexer Biotope. [3] Doch bereits zu Beginn der siebziger Jahre globalisierte sich die Umweltfrage mit der Sorge um die Erschöpfung natürlicher Ressourcen, wie der Club of Rome sie in seiner 1972 publizierten Studie "Grenzen des Wachstums" formulierte.

In Reaktion auf diesen Bericht und die Weltumweltkonferenz 1972 in Stockholm entwickelte das im selben Jahr gegründete Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) den Ecodevelopment-Ansatz, [4] den Vorläufer Nachhaltiger Entwicklung. In den Guidelines for Ecodevelopment integrierte sein prominentester Vertreter, Ignacy Sachs, frühzeitig die Dimensionen ökologischer, sozialer, ökonomischer und politischer Entwicklung. [5] Indem er widerstrebende Interessen, Verteilungs- und Machtfragen thematisierte, trug der Ecodevelopment-Ansatz wesentlich zur Politisierung einer globalisierten Umweltdebatte bei. Der Begriff Sustainable Development wird mit dem Bericht World Conservation Strategy (WCS [6] ) in die internationale Umweltdebatte eingeführt. Er orientierte sich an einer eher klassischen Idee des Naturschutzes, projiziert auf die globale Ebene, und fällt hinsichtlich seiner Analysekomplexität hinter den Ecodevelopment-Ansatz zurück. Erst der Kontext der Weltkonferenzreihe in den siebziger Jahren und ihrer jeweiligen Nachfolgegipfel im Dekadenabstand förderte die systematische Entwicklung einer global-ökologischen Problemperspektive und einer (Re-)Politisierung der Umweltdebatte.

Ende der achtziger Jahre rückten neben der Sorge um die Verknappung natürlicher Ressourcen zunehmend die Probleme einer begrenzten Aufnahmekapazität von Umwelträumen für Abfall- und Schadstoffe in den Vordergrund. Zugleich gerieten immer komplexere Schadensmuster und globale ökologische Probleme in den Blick, allen voran Klimaveränderungen (anthropogener Treibhauseffekt), der Verlust der biologischen Vielfalt, Süßwasserknappheit, Überfischung und Verschmutzung der Weltmeere, fortschreitende Entwaldung und Desertifikation. [7] Diese Umweltkrisen waren eingebettet in komplexe gesellschaftliche Problemlagen. [8] Zivilisations- und Wirtschaftsmodelle, die auf kontinuierlicher Wachs-tumsorientierung und Externalisierung von Kosten zu Lasten der Umwelt basierten, insbesondere in hoch industrialisierten Staaten, rückten verstärkt auf die Agenda internationaler umwelt- und entwicklungspolitischer Diskurse.

2. Die Popularisierung "nachhaltiger Entwicklung" zur Paradiesformel ökologischer Modernisierung



Die zunehmende Verschränkung und wechselseitige Abhängigkeit ökologischer, ökonomischer und sozialer Problemlagen machte in der Analyse eine neue integrative Perspektive und in der politischen Bearbeitung eine Lang- und Querschnittsorientierung von Programmen notwendig. Einseitige und innerhalb nationaler Grenzen verharrende Lösungsversuche waren angesichts entgrenzter Problemlagen zum Scheitern verurteilt. Multilaterale und integrierte Lösungsansätze sollten am normativen Leitbild "nachhaltige Entwicklung" orientiert sein, forderte der Brundtland-Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft", [9] vorgelegt 1987 von der "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung". Sie fasste die bisherige internationale Debatte pointiert in einer Kernformel zusammen: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." [10] Zentrales Element des Brundtland-Konzeptes ist die Einforderung einer intergenerativen und intragenerativen Problemperspektive zur dauerhaften Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur Gewährleistung sozialer Gerechtigkeit. Dazu gehört die Ausrichtung aller politischen Strategien an einer vorsorgenden Langfrist- und integrativen Querschnittsperspektive sowie an transnational vernetzten Problemlagen. Problemanalysen und Lösungsansätze sollten erstmalig partizipativ und im Dialog mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen initiiert und unterstützt werden. [11] Dieses kooperative Politikverständnis implizierte eine neue Akteurs- und Prozessorientierung. Mit Beteiligung der Zivilgesellschaft eröffneten sich aber auch erste Partizipationschancen für ein genderpolitisches Mainstreaming nachhaltiger Entwicklung.

Trotz seines innovativen Politikansatzes war der Bericht wegen seines durchgängig wachstumsoptimistischen Ansatzes [12] höchst umstritten. Umwelterhaltung und Wirtschaftswachstum in Nord und Süd konzipierte er gleichsam als win-win-Situation für alle und bot mit dieser Paradiesformel ökologischer Modernisierung Anschlussstellen für AkteurInnen unterschiedlichster Provenienz mit zum Teil gänzlich disparaten Ziel- und Interessenlagen. KritikerInnen ordnen den Brundtland-Bericht deshalb den Ansätzen einer "schwachen Nachhaltigkeit" [13] zu, die ökonomisches Wachstum und Nachhaltigkeit innerhalb der bestehenden ökonomischen, sozialen und politischen Systeme miteinander versöhnen will und nicht auf deren grundlegende Transformation hin angelegt ist.

3. Die Etablierung als politisches Leitbild



Mit der UN Konferenz zu Umwelt und Entwicklung 1992 nahm die internationale Staatengemeinschaft nachhaltige Entwicklung als politische Leitidee an, und sie durchwirkte sämtliche Programme und Konventionen [14] des Erdgipfels. Mit der UN-Konferenz von Rio sollten die politischen Weichen zu einer globalen Partnerschaft auf dem Weg zu einer ökonomisch, ökologisch und sozial verträglichen Entwicklung gestellt werden. [15] Damit wurden der Brundtland-Report und die Riokonferenz für die Konzeption, die politische Etablierung und Popularisierung eines globalen umwelt- und entwicklungspolitischen Leitbildes Sustainability zu historischen Meilensteinen. Bis heute dient die Brundtland-Erklärung als definitorischer Anker zahlreicher Nachfolgekonzepte, z. B. der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" [16] sowie der jüngst verabschiedeten Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung "Perspektiven für Deutschland" [17] . Diesen Ansätzen einer systemimmanenten ökologischen Modernisierung stehen an einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Transformation orientierte wachstums- und strukturkritische sowie gendersensible Positionen gegenüber.

Fußnoten

3.
Vgl. Egon Becker/Thomas Jahn/Engelbert Schramm, Sozial-ökologische Forschung - Rahmenkonzept für einen neuen Förderschwerpunkt, Frankfurt/M. 1999, S. 2
4.
Der Begriff wurde geprägt von Maurice Strong, erster Exekutivdirektor des UNEP.
5.
Vgl. zusammengefasst bei Hans Jürgen Harborth, Dauerhafte Entwicklung statt globale Selbstzerstörung. Eine Einführung in das Konzept des "Sustainable Development", Berlin 1991, S. 25. Gefordert wird die Befriedigung der Grundbedürfnisse, eine Abwendung vom westlichen Konsumstil, intergenerationale Solidarität, Ressourcen- und Umweltschonung, ein partizipativer Politikstil, self-reliance als "Vertrauen auf die eigene Kraft" und flankierende Erziehungsprogramme.
6.
Verfasser waren die Internationale Vereinigung für die Bewahrung der Natur und der natürlichen Ressourcen (IUCN).
7.
Aktuelle Trends in: Worldwatch Institute (Hrsg.), Zur Lage der Welt 2002. Zukunftsfähige Gestaltung der Globa"lisierung. Strategien für eine nachhaltige Klimapolitik, Frankfurt/M. 2002, und Ingomar Hauchler/Dirk Messner/Franz Nuscheler, Globale Trends 2002. Fakten, Analysen, Prognosen, Stiftung für Entwicklung und Frieden, Bonn 2001.
8.
Vgl. E. Becker u. a. (Anm. 3), S. 2.
9.
Volker Hauff (Hrsg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der WCED, Greven 1987.
10.
Ebd., S. 46.
11.
Vgl. ebd., S. 69.
12.
Vgl. ebd., S. 52 ff. u. S. 92 ff.
13.
Eine "starke integrale Nachhaltigkeit" ist orientiert an sozialer Gerechtigkeit, einer grundlegenden Transformation etablierter Wohlstands- und Wirtschaftsmodelle, dem Erhalt des Umweltraums bzw. Naturkapitals in seiner jetzigen Gestalt und nicht an dessen weitgehender Ersetzung durch künstliches Kapital.
14.
Das waren Agenda 21, Rio-Deklaration, Klimarahmenkonvention, Walderklärung, Biodiversitätskonvention (ergänzt um das Protokoll über biologische Sicherheit, 2000), Wüstenkonvention ('94).
15.
Vgl. Bundesumweltministerium (BMU) (Hrsg.), Umweltpolitik. Konferenz der VN für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Dokumente, Agenda 21, Bonn o. J., Präambel.
16.
Vgl. Deutscher Bundestag, Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt - Ziele und Rahmenbedingungen einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung", Drucksache 13/11200 vom 26. 6. 1998.
17.
Bundesregierung (Hrsg.), Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategien für eine nachhaltige Entwicklung, Berlin 2002, S. 1 (www.bmu.de/fset.800php).