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16.8.2002 | Von:
Christiane Thorn

Nachhaltigkeit hat (k)ein Geschlecht

Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

II. Nachhaltigkeit: Geschlechterpolitische "terra incognita"?

In der Genese hegemonialer Konzepte nachhaltiger Entwicklung sind gendersensible Ansätze nahezu unsichtbar, obgleich sich Wissenschaftlerinnen und Frauenaktivistinnen seit den frühen siebziger Jahren mit eigenen Positionen an der internationalen umwelt- und entwicklungspolitischen Debatte beteiligt haben. [18]

1. Die "Feminisierung" der Entwicklungspolitik



Esther Boserup legte mit ihrer einflussreichen Studie "Die Rolle der Frau in der Entwicklung" [19] 1970 den Grundstein zu einer systematischen Analyse der Beiträge von Frauen in den produktiven Sektoren der Ökonomien in Entwicklungsländern, insbesondere in der Landwirtschaft. Boserups Analyse leistete einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Gender in die Forschungsperspektive und gab mit anderen den Impuls zur Etablierung des Ansatzes Women in Development (WID) in der Entwicklungspolitik. Nach dem Scheitern wachstumsorientierter Strategien des Kapital- und Technologietransfers [20] schloss sich im Zuge der Neukonzeptionalisierung von Entwicklungsstrategien eine "Investition in die Armen" an. Deren wichtigste Implikation war der Zielgruppenbezug und eine Umorientierung auf die Basisbedürfnisse ärmster Bevölkerungsschichten. In diesem Kontext wurden Frauen als äußerst produktive, aber bislang vernachlässigte Ressource von multilateralen Entwicklungsorganisationen entdeckt. Mit dem WID-Ansatz sollte das ungenutzte Humankapital in Entwicklungsprogramme integriert und die (frauen)politische Blindheit überwunden werden. Die UN-Generalversammlung erklärte das Jahr 1975 zum Internationalen Jahr der Frau und beschloss die erste Weltfrauenkonferenz in Mexico City mit dem Ziel der vollständigen Integration von Frauen in alle Entwicklungsanstrengungen.

2. Ansätze einer (geschlechter)gerechten Entwicklung



Im Vorfeld der Abschlusskonferenz der Frauendekade in Nairobi 1985 fand das erste internationale Treffen von Development Alternatives with Women for a New Era (DAWN) 1984 in Indien statt. Frauenforscherinnen und Aktivistinnen aus dem Süden bündelten ihre Kräfte zur Kritik am westlichen Entwicklungsmodell und den Implikationen des WID-Ansatzes. Sie präsentierten ihr alternatives Entwicklungsmodell auf der dritten Weltfrauenkonferenz in Nairobi [21] unter dem Titel "Entwicklung, Krisen und alternative Visionen - Perspektiven von und für Frauen aus der Dritten Welt" [22] . Mit der Einführung ihres Empowerment-Ansatzes forderten sie Machtbildung für benachteiligte soziale Gruppen, die gesellschaftliche Transformation bestehender (geschlechts)hierar-chisierter Strukturen insgesamt sowie die Abkehr von wachstumsorientierten Zivilisationsmodellen. Ziel war eine grundlegende Revision und Neukonturierung bestehender Entwicklungsmodelle. [23] Die ernüchternde Bilanz von Nairobi gab ihnen Recht. Sie belegte eine zunehmende "Feminisierung der Armut". Der Integrationsansatz schlug fehl, weil er die Machtasymmetrien innerhalb der Geschlechterbeziehungen sowie die Ursachen ungleicher Ressourcenverteilung mit seiner ausschließlichen Fokussierung auf Frauenfragen unangetastet ließ und weiterhin auf Modernisierungsstrategien gründete. Er machte Frauen letztendlich angepasster und verfügbarer für die Entwicklungserfordernisse. Der Empowerment-Ansatz fand im Folgeprozess der Nairobi-Konferenz Eingang in die bi- und multilaterale Entwicklungszusammenarbeit sowie in die Abschlussdokumente der Weltkonferenzreihe der neunziger Jahre, jedoch bar seines ursprünglich machtkritischen Transformationsanspruches. Auf der institutionellen entwicklungspolitischen Ebene transformierten Ende der achtziger Jahre die WID-desks zu GAD (Gender and Development)-desks, [24] die das Einbringen der Geschlechterperspektive (engendering) in sämtliche Entwicklungsbereiche als eine verpflichtende Querschnittsaufgabe verstanden.

3. Frauen, Umwelt und nachhaltige Entwicklung



Nachdem Frauen in den siebziger Jahren als Ressource von Entwicklungsplanern entdeckt worden waren, vollzog sich rund zehn Jahre später der Integrationsprozess von Umwelt und Entwicklung. Ende der achtziger Jahre wurde der WID-Ansatz sukzessive zum Dreieck "Women - Environment - Development" (WED) [25] erweitert, der Frauen diesmal als Umweltmanagerinnen entdeckt und einbindet. Kritik an der Funktionalisierung von Frauen erst für Entwicklungs-, dann für Umweltprozesse und an einer Feminisierung der Umweltverantwortung folgten auf dem Fuße. [26] Später ist WED in einen Women-Environment-Sustainable Development-Ansatz überführt worden. Seit Anfang der neunziger Jahren wurde dann vor allem der Gender-Begriff kontrovers diskutiert. Ökofeministische Theoriekonzepte, wie sie etwa von Maria Mies und Vandana Shiva [27] vertreten wurden, basieren auf einem essentialistischen Gender-Begriff, der das "weibliche Prinzip" als Garant für den respektvollen Umgang mit der Natur und ein friedvolles Leben in menschlichen Gemeinschaften konstruiert. Diesen Ansätzen wurde eine Ontologisierung der Zweigeschlechtlichkeit vorgeworfen sowie die Perpetuierung androzentristischer Legitimationsfolien der Natur- und Frauenunterdrückung durch die unterstellte größere Nähe von Frauen zur Natur. Die naturalistische "Wir-Frauen-Kategorie" wurde vor allem durch schwarze nichtwestliche Frauen [28] zurückgewiesen, "die ihre feministischen Kolleginnen bezichtigten, nichtgeneralisierbare weiße Mittelstandstheorien zu produzieren und diese in kolonialer Attitüde ihren marginalisierten Schwestern überzustülpen" [29] . Poststrukturalistische feministische Ansätze [30] hingegen verstehen sex nicht als biologisch präformierte Entität, sondern als Material kultureller Aneigung bzw. Konstruktion. Für sie existiert keine vordiskursive Zweigeschlechtlichkeit. Sex wird zur gendered category. Neben Gender treten Kategorien wie Rasse, Klasse und Kultur, die ebenfalls als performative, prozessural sich wandelnde und aktiv veränderbare Kategorien verstanden werden. Mit zunehmender Mobilität der Individuen beschreiben sie keine statisch festgelegten Zuschreibungen, sondern sind fluide und können in wechselnden gesellschaftlichen Kontexten an Relevanz verlieren bzw. de- und wieder neu rekonstruiert werden. Im Rio-Prozess dominierten jedoch weiterhin ökofeministische Positionen.

Fußnoten

18.
Vgl. Rosi Braidotti u. a., Women the Environment and Sustainable Development. Towards a Theoretical Synthesis, London 1995², S. 77 ff.; Christa Wichterich, Die Erde bemuttern. Frauen und Ökologie nach dem Erdgipfel in Rio. Berichte, Analysen, Dokumente, Köln 1992; Ester Boserup, Women"s role in Economic Development, New York 1970.
19.
E. Boserup, ebd.
20.
Der erhoffte trickle-down-Effekt des wirtschaftlichen Wachstums und der neuen Produktivität trat nicht ein. Im Gegenteil, die Verelendung der armen ländlichen und städtischen Bevölkerungen wuchs.
21.
Auf dem Forum '85 in Nairobi waren insgesamt 13 000 NGO-Teilnehmerinnen aus 150 Ländern akkreditiert, 60 Prozent von ihnen kamen aus den so genannten Entwicklungsländern.
22.
Gita Sen/Caren Grown, Development, Crisis and Alternative Visions. Third World Women"s Perspective, Stavanger 1985.
23.
Vgl. R. Braidotti u. a. (Anm. 18), S. 80 ff.
24.
Vgl. dies., S. 82.
25.
Dies., S. 86 f. Eine der ersten Untersuchungen zu diesem Forschungsfeld publizierten 1988 Irene Dankelmann und Joan Davidson, Women and the Environment in the Third World - Alliance for the Future, London 1988; 1989 legte eine Expertengruppe multilateraler Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit die ersten verbindlichen Guidelines für WED-Projekte vor.
26.
Vgl. Chr. Wichterich (Anm. 18).
27.
Vgl. Vandana Shiva, Das Geschlecht des Lebens, Berlin 1988; Maria Mies/Vandana Shiva, Ökofeminismus, Zürich 1995; Veronika Bennholdt-Thommsen/Maria Mies/Claudia von Werlhof, Frauen, die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit, Zürich 19923.
28.
Vgl. Chandra T. Mohanty, Aus westlicher Sicht: Femi"nistische Theorie und koloniale Praxis, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, (1984) 23, S. 149 - 162; Bell Hooks, Ain't a woman: Black women and feminism, Boston 1982.
29.
Susanne Schröter, "Essentialismus" und "Konstruktivismus" in der feministischen Forschung, in: Peripherie, 20 (April 2000) 77/78, S. 9 - 27, hier S. 12.
30.
Vgl. etwa Judith Butler, Gender trouble. Feminism and Subversion of Identity, New York-London 1990 (Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Judith Butler in diesem Heft); Donna Haraway, Situated knowledges: The Science Question and the Privilege of Partial Perspective, in: Feminist Studies der University of Maryland, 14 (1988) 3, S. 575 - 599.