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16.8.2002 | Von:
Christiane Thorn

Nachhaltigkeit hat (k)ein Geschlecht

Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

III. Feministische Nachhaltigkeitsdiskurse im Rio-Prozess

1. Eine neue Ethik für die Erde



Entscheidend für die Entwicklung eines frauenpolitischen Konzeptes von Sustainability aus zivilgesellschaftlicher Perspektive war der von WEDO (Women's Environment & Development Organisation) organisierte "Weltfrauenkongress für einen gesunden Planeten", auf dem der Frauenaktionsplan 21, die "Women's Action Agenda for a Healthy Planet", von 1342 Frauen aus 83 Ländern [31] einstimmig verabschiedet wurde. [32] Margarita Arias aus Costa Rica eröffnete den Weltfrauenkongress mit den Worten: "Niemand spricht mit so großer moralischer Autorität für den Schutz der Umwelt wie Frauen" [33] und trieb mit dieser Diktion ökofeministische Pflöcke ein, mit denen sie sowohl für diesen Kongress in Miami als auch den "Planeta Femea" in Rio das Terrain absteckte. Der NGO-Frauenkongress war in Form eines Tribunals organisiert worden. Er sollte "die Verflechtung von Wirtschaftssystem, Zerstörung des Planeten und Unterdrückung von Frauen" [34] sichtbar machen. Zeugnisse der Anklage waren der Weltmarkt und die Verschuldung, Militarismus, Wissenschaft und Technik, Demokratiemangel und Rechtsverletzungen - überhaupt das Entwicklungsmodell als Gesamtsystem. [35] Der Frauenaktionsplan 21 formulierte eine grundlegende Kritik an den herrschenden Entwicklungs- und Wohlstandsmodellen mit ihrer durchgängigen Wachstumsorientierung und forderte einen Paradigmenwechsel hin zu einer tief greifenden Transformation und (Re-)Moralisierung menschlichen Lebens und Wirtschaftens. Drei zentrale Forderungen lassen sich identifizieren: eine neue Ethik im Umgang mit der Natur; Gerechtigkeit zwischen Norden und Süden; Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Verbunden sind diese Kritikelemente mit der Aufforderung zu einer "neuen Moral des Produzierens, Handelns und des Konsums" [36] . Die Teilnehmerinnen in Miami distanzierten sich von dem Begriff "nachhaltige Entwicklung" als westlich dominiertem Modell und führten im Gegenzug "sustainable livelihood" [37] als neue Leitorientierung in die Debatte ein. Der Livelihood-Ansatz betont die Bedeutung der lokalen Ebene für die alltägliche Überlebenssicherung, den Erhalt lokaler Ressourcen und die Strukturbildung sozialer Systeme. Livelihood respektiert die Vielfalt lokal unterschiedlicher gesellschaftlicher und natürlicher Lebensbedingungen und wendet sich gegen den Geltungsanspruch universeller Entwicklungsparadigmen einer nachholenden Entwicklung.

2. Der "Planet der Frauen"



Auf dem "Planeta Femea" des globalen NGO-Forums in Rio wurden feministische Nachhaltigkeitsansätze erstmalig für eine weltweite Öffentlichkeit sichtbar. Die Frauen-Agenda war Struktur gebend für die Themen des "Planeta Femea". WEDO mit ihrer schillernden Leitfigur Bella Abzug setzte politikstrategisch auf einen partizipativen Empowerment-Ansatz, der die Kluft zwischen der Leistung von Frauen für Gesellschaft und Umwelt und ihrer Beteiligung an politischer und wirtschaftlicher Macht überwinden sollte. Angestrebt wurde dies mit Advocacy-, Mainstreaming- und Lobbyarbeit zunächst innerhalb etablierter Systemstrukturen. Die Vertreterinnen einer machtkritischeren Position mit DAWN an ihrer Spitze sahen die herrschenden Weltwirtschaftsstrukturen, ökologische Krise und Frauenunterdrückung miteinander zu einer umfassenden Entwicklungskrise verknüpft. Ihr Ziel war es, diesen Konnex transparent zu machen und ihm mit visionären Gegenentwürfen zu begegnen. [38]

3. Ambivalenzen eines Lobbyerfolges



Die grundsätzlich systemkritischen Positionen fanden jedoch keinen Eingang in die inhaltliche Ausformulierung der Agenda 21. Die machtkritische Reformulierung von Nachhaltigkeit lief dem Wachstumsoptimismus und frauenpolitischen Integrationsansatz des offiziellen Abschlussdokuments grundlegend zuwider. Dennoch ist die Agenda 21 das erste UN-Abschlussdokument eines Weltgipfels zu Umwelt- und Entwicklung, das ein Kapitel [39] über die Rolle von Frauen als Hauptakteurinnen (major group) in Nachhaltigkeits-Prozessen enthält, den "Globalen Aktionsplan für Frauen zur Erzielung einer nachhaltigen und gerechten Entwicklung" [40] . Darüber hinaus wurden rund 120 weitere Empfehlungen zu Geschlechtergerechtigkeit quer zu den Themen der Agenda 21 festgehalten. [41] Ewa Charkiewicz [42] von DAWN bilanziert die Agenda 21 als ein höchst ambivalentes Dokument. Von der Ebene der Politikformulierung hin zur realen Welt sei die Umsetzung der Vereinbarungen nicht substantiell gewesen. Die kohärente Vernetzung von Gender und nachhaltiger Entwicklung ist im Folgeprozess von Rio weder konzeptionell noch in der Umsetzung gelungen. Zwar gelten Umwelt- und Genderfragen mittlerweile als politische Querschnittsthemen, sie werden jedoch durch das sektorale Prinzip politisch administrativer Problembearbeitung nach wie vor zerschnitten und unverbunden evaluiert.

Fußnoten

31.
Vgl. Chr. Wichterich (Anm. 18), S. 15.
32.
Der WEDO-Kongress verlief parallel zur UNEP Vorbereitungskonferenz über Frauen & Umwelt in Miami.
33.
Chr. Wichterich (Anm. 18), S. 43.
34.
Peggy Antobus von DAWN, in: Chr. Wichterich (Anm. 18), S. 16.
35.
Vgl. Chr. Wichterich (Anm. 18), S. 16.
36.
Ebd., S. 23.
37.
Frei übersetzt: nachhaltige Lebensbedingungen, sichere Lebensverhältnisse bzw. -grundlagen.
38.
Vgl. Chr. Wichterich (Anm. 18 ), S. 37 ff. Konnex bezeichnet hier die Verknüpfung von Weltwirtschaft, ökologischer Krise und Frauenunterdrückung.
39.
Vgl. Bundesministerium für Umwelt (Anm. 15), Agenda 21, Teil III: Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen, Kap. 24: Globaler Aktionsplan für Frauen zur Erzielung einer N. E.
40.
Ebd.
41.
Vorausgegangen war ein langjähriges, zähes frauen- und genderpolitisches Lobbying. Noch im ersten Entwurf der offiziellen Agenda 21 war kein einziges Wort über Frauen enthalten.
42.
Vgl. Ewa Charkiewicz (DAWN Joint Coordinator on Sus"tainable Livelihoods), Towards the World Summit on Sus"tainable Development, Agenda 21: A viable Alternative to Hyper-Liberalisation, in: DAWN Informs, May 2002, S. 1 - 5, (www.dawn.org.fj).