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5.8.2002 | Von:
Günther Bachmann

Nachhaltigkeit: Politik mit gesellschaftlicher Perspektive

IV. Kommunikation und Aufmerksamkeit

Zu Recht gehört die Kommunikation der Ziele und Anliegen einer nachhaltigen Entwicklung zu den wichtigsten Aufgaben der Nachhaltigkeitspolitik. Denn wie sollen in einer demokratischen Gesellschaft sonst kollektiv bindende Auffassungen und Entscheidungen über Langfristthemen zustande kommen, zusätzlich zu den bewährten Formen der politischen Meinungsbildung und diese ergänzend? Zu kommunizieren ist vor allem zweierlei: Zum einen die primäre Problemeinsicht in das "So wie es geht, geht es nicht (mehr lange)" hinsichtlich der globalen Ungleichgewichtigkeit von Zukunftschancen und der Nutzung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, meist sogar zunächst: von Überlebenschancen der Menschen. Zum anderen stellt auch die Vermittlung neuer Politikformen hohe Anforderungen. Nachhaltigkeitspolitik rückt die gemeinsamen Handlungschancen in den Vordergrund, soll Freiwilligkeit und selbstständige Übernahme von Verantwortung anregen und mit der Anerkennung individuellen Bemühens als einer gesellschaftlichen und nicht vorrangig monetären Größe arbeiten. Vor diesem Hintergrund ist die Kommunikation des Anliegens der nachhaltigen Entwicklung nicht als werblich-gekaufte Kommunikationsmaßnahme denkbar, weil sie sich in der Endlosigkeit der kommerziellen Werbewelt verlöre. Vielmehr muss sie als eine politische Kommunikation um Inhalte, Handlungschancen und Verantwortung aufgefasst werden. [23]

Die Einstellung vieler Menschen gegenüber der Nachhaltigkeit ähnelt der, die sie dem Staat gegenüber haben und die sich mit einem Schlagwort beleuchten lässt: Von ihr/ihm wird alles erwartet, aber nicht viel gehalten. Gegenüber "Nachhaltigkeit" als politischem Begriff wird Skepsis angemeldet. Zuviel werde versprochen, zu wenig erkennbar getan. Der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeits- und Staatsverständnis ist nicht zufällig, da das vorherrschende Verständnis beim Thema Nachhaltigkeit immer noch überwiegend auf die Handlungskompetenz des Staates abstellt und noch kaum die zivilgesellschaftliche Dimension sieht. Hier liegt ein großer Gestaltungsspielraum für bürgerschaftliches Engagement. Skepsis gegenüber dem Begriff Nachhaltigkeit signalisieren auch wissenschaftliche Beiträge, die den Begriff Nachhaltigkeit mit kritischem Unterton diskutieren. [24]

Nachhaltigkeitskommunikation trifft auf ein höchst uneinheitliches Publikum, das nicht in einer gemeinsamen Weise mit einer Idee, einem Begriffsinhalt angesprochen werden kann. Die Vielfalt der special interest-Magazine am Medienmarkt signalisiert, dass sich die Publikumsansprache zunehmend auf diese Spezial-"Welten" bezieht und dass eine landesweit durchgängige Agenda nur bei wenigen und kurzfristig aktuellen Themen wie Lebensmittelskandalen, Kriegen und personalisierten Themen greift. Globale Meinungsumfragen helfen heute letztlich nur noch bei Wahlkämpfen, und auch darüber kann man sicher streiten. Kommunikationsdefizite werden auch bei anderen, nicht minder zentralen Gesellschaftsthemen festgestellt, wie zum Beispiel dem bürgerschaftlichen Engagement, der Bürgergesellschaft und Demokratie, allerdings ohne dass hier die Leitbegriffe in Frage gestellt würden. Der Leitbegriff Nachhaltigkeit ist zwar sperrig, aber echt - denn er ist authentisches Ergebnis der Fortentwicklung von Umwelt- und Entwicklungspolitik; er ist zwar eine schlechte Übersetzung, aber international anschlussfähig - denn man versteht sich in der Welt, wenn man von sustainability spricht; er ist zwar unsinnlich, aber zutreffend - denn er beschreibt den Kern des Anliegens, Armut zu bekämpfen, die Umwelt zu bewahren, dem Umweltraubbau entgegenzuwirken und die Lebenschancen zukünftiger Generationen zu erhalten. Partizipative Diskussionsformen in Nachhaltigkeitsprozessen erscheinen sicherlich zunächst als etwas Widerständiges und Umständliches, das seinen Zweck erst langfristig zu erreichen vermag. Ihre Anwendung setzt auch ein gewisses Verständnis und eine Einübung voraus.

Ein kurzfristiges Umschwenken auf partizipative Verfahren, etwa weil dies bei leeren öffentlichen Kassen momentan opportun erscheint, ist kaum Erfolg versprechend; sie sind nicht als Mittel zum Zweck einzusetzen, ansonsten sind unveränderte Politikinhalte "besser" durchzusetzen. Beispiele aus Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien zeigen, [25] dass die Partizipation eine Veränderung der Rollen zwischen den Beteiligten mit sich bringt und erst dann tragfähig wird, wenn sich die Beteiligten aus Willen zum Ergebnis und zum Prozess darauf einlassen. Nachhaltige Entwicklung strebt das Konsensprinzip an, aber die erforderliche Partizipation wird nicht mit Konsens-Suche gleichgesetzt. Die Erfahrung aus lokalen Agenda-Prozessen wie auch aus den Stakeholder-Dialogen multinationaler Unternehmen ist, dass Partizipation und diskursive Beteiligung durch die Festlegung auf nur im vollständigen Konsens erzielbare Ergebnisse blockiert werden und im Übrigen auch die breitenwirksame Kommunikation erschweren.

Für eines der Kommunikationsprojekte des Nachhaltigkeitsrates wurden, ausgehend von einem Beteiligungswettbewerb und der Durchführung von Schreibwerkstätten, mehrere hundert Schülerinnen und Schüler im Alter von ca. 15 bis 18 Jahren eingeladen, ihre Vorstellungen, Wünsche und Anregungen zur nachhaltigen Entwicklung in literarischer Form zu präsentieren. [26] Es zeigte, dass Motivation und Engagement sich erst in einem authentischen Umfeld entfalten, das mit den Schreibwerkstätten geschaffen wurde. Jede Gruppe gestaltete hier ein eigenes Umfeld oder suchte es in markanten Landschaften wie z. B. Braunkohleabbaugebieten. Die Kommunikation von Nachhaltigkeit setzte hier am Authentischen, Wahrhaftigen und Sinnlichen an, um Begeisterung für Nachhaltigkeit zu erzeugen und den Anstoß für einen sozialen Lern- und Kreativvorgang zu geben. Diese Erfahrungen weisen auf die aktuelle Debatte um Bildung und Bildungsinhalte hin: Wenn Jugendliche den überwiegenden, mindestens aber einen großen Teil ihrer Lern- und Lebenserfahrung außerhalb der Schule machen, dann sollte das Bemühen um verstehendes Lernen, lernendes Verständnis und das Erkennen sozialer Verantwortung auch im Bereich der informellen Bildung ansetzen. So verstanden, stellen die PISA-Ergebnisse auch Fragen an die Familien-, Jugend- und die Kulturpolitik.

Bildungspolitische Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung sollten auch die demographische Entwicklung reflektieren. Zu erwarten sind Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Entwicklung der Lebensstile der Menschen, auf die soziale Infrastruktur, auf ihre Anforderungen an das soziale Lernen und an die Beschäftigung im Dritten Lebensabschnitt, auf Lebensgewohnheiten in der städtischen Umwelt, auf die sozialen Leistungen und die - wenn man so will - Sozialkultur der Gesellschaft. Die Menschen werden Bildung in die eigenen Hände nehmen müssen, so erforderlich, wichtig und gut auch die Anstrengungen der Lehrer, Bildungspolitiker und der freien Einrichtungen mit ihren Programmen für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung sind. [27]

Nachhaltigkeit spricht neben technischen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen [28] vor allem Normen und Spielregeln der Gesellschaft an, die ethische Bindungen herausbilden, erhalten und fortentwickeln. Diese stehen im Mittelpunkt des bildungspolitischen Bemühens um die Lerninhalte für eine nachhaltige Entwicklung. Eine Gesellschaft mit einem Mangel an solchen Bindungen bedroht sich langfristig selbst; Rechts- und Unrechtsbewusstsein schwinden, Korruption, Unmenschlichkeit und Naturzerstörung breiten sich aus. Der alte Fortschrittsglaube in seinem nahezu ausschließlich auf ein Wachstum "an sich" reduzierten Verständnis von Entwicklung passt als Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit nicht mehr.

Fußnoten

23.
Vgl. Umweltbundesamt (Hrsg.), Perspektiven für die Verankerung des Nachhaltigkeitsleitbildes in der Umweltkommunikation - Chancen, Barrieren und Potenziale der Sozialwissenschaften, UBA-Bericht 04/01, Berlin 2001.
24.
Vgl. Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU), Umweltgutachten 2002. Für eine neue Vorreiterrolle, Berlin 2002, S. 848; ders., Umweltgutachten 1994 - Für eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung, Stuttgart 1994; Umweltbundesamt, ebd., S. 352; M. Jänicke / H. Jörgens (Hrsg.), Umweltplanung im internationalen Vergleich. Strategien der Nachhaltigkeit, Berlin 2001.
25.
Vgl. Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerlichen Engagements" (Anm. 5), S. 463 ff.
26.
Vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung, Jugend schreibt Zukunft (i. E.).
27.
Vgl. Bund-Länder-Kommission, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, vgl. die Materialien auf (www.blk21.de/); Bundesregierung, Bericht zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Bt-Drs. 14/7971 vom 3. 1. 2002.
28.
Vgl. I. Balzer/M. Wächter (Hrsg.), Sozial-ökologische Forschung. Ergebnisse der Sondierungsprojekte aus dem BMBF-Förderschwerpunkt, München 2002, S. 570.