APUZ Dossier Bild

5.8.2002 | Von:
Eick von Ruschkowski

Lokale Agenda 21 in Deutschland - eine Bilanz

V. Chancen und Hemmnisse eines Lokale-Agenda-21-Prozesses

Durch die Offenheit des LA-21-Prozesses ist sein Verlauf in der Praxis mit einer Reihe von Problemen behaftet, die sich entscheidend auf die Zeitdauer, die Zielrichtung und die Ergebnisse auswirken können.

Die Chancen eines Agenda-Prozesses liegen auf der Hand: Akteurs- und Veränderungspotenzial können gebündelt und vielseitige Interessen berücksichtigt werden. Dies ermöglicht ein gemeinsames Handeln. Ungewollten Entwicklungen und Konflikten kann frühzeitig durch langfristig angelegte Planung entgegengewirkt werden. [24]

Aus dem mehrjährigen Erfahrungsschatz der Kommunen mit LA-21-Prozessen lassen sich auch die auftretenden Probleme identifizieren:

- Die inhaltliche Reduktion des Ansatzes der nachhaltigen Entwicklung auf den Umweltaspekt. Dieses Problem ist insbesondere ein Phänomen in westlichen Industriestaaten. [25] Allerdings muss berücksichtigt werden, dass diese Vorgehensweise auch Erfolgspotenzial für den LA-21-Prozess beinhalten kann - nämlich dann z. B., wenn örtliche ökologische Problemkonstellationen die "Eintrittskarte" in den Agenda-Prozess sind.

- Die Überforderung der Akteure in einem Agenda-Prozess aufgrund der hohen Komplexität der Thematik und mangelnder Erfahrung. [26] Das Erlernen von Schlüsselqualifikationen wie vernetztes Denken und Interdisziplinarität, das bisher in der Bildung keine Rolle gespielt hat, [27] ist ebenso ein Grund hierfür wie der oben bereits erwähnte Mangel an Konzepten zum Erreichen einer nachhaltigen Entwicklung.

- Die fehlende Unterstützung (materiell und ideell) durch Politik und Verwaltung. [28]

- Die Neigung zu blindem Aktionismus und zum "muddling through" beim unsystematischen Vorgehen ("Durchwurschteln"). [29]

- Die mangelnde Bereitschaft zur Überwindung von Spannungsfeldern, wie z. B. zwischen Ökologie und Ökonomie, bei den einzelnen Beteiligten. [30]

- Die Konkurrenz der Agenda-Foren (Runde Tische etc.) zu den herkömmlichen, etablierten Institutionen der demokratischen Ordnung (z. B. Rat und Verwaltung). [31] Es besteht die Gefahr, dass politisch unzureichend legitimierte "Schattenparlamente" als Nebenschauplätze zur Kommunalpolitik entstehen.

- Die mangelnde Wahrnehmung von Bürgerinteressen seitens der Verwaltung sowie die unterschiedliche Qualität von Bürgerbeteiligung. [32]

- Die Freiwilligkeit der Teilnahme und die damit verbundene hohe Fluktuation der Teilnehmenden. [33] Ein schwieriges Unterfangen bleibt auch die ausgewogene Repräsentation von Gemeindemitgliedern. Ein bekanntes Syndrom sind die "usual suspects" [34] , d. h. die Partizipation nur derjenigen, die ohnehin bereits innerhalb der Gemeinde aktiv sind.

- Die mangelnde Verbindlichkeit und der mangelnde Wille zur Umsetzung des verabschiedeten Handlungsprogramms.

Vielen dieser Probleme kann bereits im Vorfeld durch eine umsichtige Organisation begegnet werden. So kann z.B. die Entwicklung von Leitbildern dazu beitragen, der Überforderung der Akteure vorzubeugen und gleichzeitig die globalen Aspekte der Agenda 21 auf den lokalen Bereich zu projizieren. [35]

Für eine erfolgreiche Gestaltung eines LA-21-Prozesses ist die Beachtung dieser potenziellen Risiken von entscheidender Bedeutung.

LA-21-Beschlüsse in DeutschlandLA-21-Beschlüsse in Deutschland

Fußnoten

24.
Vgl. S. Stark, Lokale Agenda 21. Hemmnisse - Risiken - Chancen. Handlungsspielräume und -empfehlungen unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Kommunalverwaltung, Wuppertal Papers, Nr. 73 (5/1997), S. 37
25.
Vgl. G. Müller-Christ (Anm. 15), S. 28
26.
Vgl. Forum Umwelt &Entwicklung (Hrsg.), Lokale Agenda 21.1 Ein Leitfaden, Bonn 19999, S. 28.
27.
Vgl. U. Jüdes (Anm. 6), S. 27.
28.
Vgl. Forum Umwelt &Entwicklung (Anm. 26), S. 28.
29.
M. Thierstein/M. Walser, Stein der Weisen oder Mogelpackung. Sustainable Development als Strategie für Regionen, in: Dokumente und Informationen zur Schweizerischen Orts-, Regional- und Landesplanung (DISP), Nr. 125 (1995), S. 12.
30.
Vgl. S. Stark (Anm. 24).
31.
Vgl. J. Hucke (Anm. 13), S. 653.
32.
Vgl. Forum Umwelt &Entwicklung (Anm. 26), S. 28.
33.
Vgl. ebd.
34.
E. v. Ruschkowski (Anm. 20), S. 78 ff.
35.
Vgl. S. Stark (Anm. 24), S. 34.