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9.6.2002 | Von:
Holger H. Mey

Herausforderungen für die Bundeswehr

Die Bundeswehr muss sich auf eine Vielfalt möglicher Konflikte einstellen. Humanitäre Einsätze sind zwar mit abzudecken, aber nicht strukturbildend; der Kämpfer bleibt der "Prototyp" des Soldaten.

I.

In einer Zeit des Umbruchs ist der permanente Wandel ein prägendes Kennzeichen auch für die Streitkräfte; aber der Wandel muss möglichst stetig verlaufen. Keine Armee verträgt grundsätzliche Brüche in Serie. Daher müssen Formen und Methoden flexibel, die Grundlinien hingegen langfristig angelegt sein. Sie müssen Antwort geben auf die strategischen Rahmenbedingungen, deren langfristige Gültigkeit erkennbar, wenngleich nicht bereits in jedem Detail beschreibbar ist.

Struktur, Ausrüstung und geistig-moralischer Zuschnitt der Bundeswehr werden bestimmt durch die allgemeinen strategischen Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts und die besonderen Bedingungen der deutschen Sicherheitspolitik. Das heißt, dass auch die immanenten Spannungen und partiellen Widersprüche dieser Determinanten sich unvermeidlich in der Streitkräfteplanung widerspiegeln. Die perfekte Lösung wird es kaum geben, und zwar nicht nur wegen der finanziellen Engen, sondern auch aus konzeptionellen Gründen. Kompromisse, Prioritätensetzungen und Abstriche sind die Regel.

Die große Vielfalt möglicher Formen bewaffneter Auseinandersetzungen ist ein Charakteristikum der Militärstrategie des 21. Jahrhunderts. Eine Ausrichtung der Streitkräfte auf einige wenige Konfliktformen liefe gegen diesen Trend. Dem polymorphen Bild der Herausforderungen muss die polyvalente Struktur der Antwort entsprechen. Die Bundeswehr wird sich also auf die ganze Bandbreite von verdeckten Aktionen bis zu voll entwickelten Großoperationen einzustellen haben. Priorisierungen sind unvermeidlich und der Spannungsbogen zwischen der Eintrittswahrscheinlichkeit eines geringeren und der Schadenshöhe eines existenziellen Risikos wird immer wieder erneut auszumessen sein. Wenn und soweit Risiken nicht abgedeckt werden können, sind sie zu definieren, politisch zu bewerten und zu verantworten.

Eine Konstante aller Varianten möglicher Kriegsformen ist die Anwendung von Gewalt und deren Abwehr durch Gegengewalt. Trotz aller ideologischer und anderer Einwände wird dies das Hauptfeld der Streitkräfte als Instrument der Politik bleiben, auch der Bundeswehr. Dies schließt den Einsatz für humanitäre und zivilisatorische Zwecke nicht aus, aber der militärische Zweck bestimmt die Generallinie der Entwicklung. Dies gilt auch und gerade angesichts der Tatsache, dass nur noch der kleinere Teil des Personals unmittelbar an Kampfhandlungen teilnimmt. Der Prototyp des Soldaten bleibt der Kämpfer, ungeachtet aller sonstigen Vielseitigkeit des Berufsbildes. Dies kann zu Widersprüchen mit gegenläufigen Tendenzen in der Gesellschaft führen, zu deren Lösung oder Abmilderung es einer pragmatischen Politik bedarf.

Neue Technologien werden im Verein mit sozialen und politischen Umschichtungen Strukturen und Einsatzformen der Streitkräfte schrittweise, aber tiefgreifend verändern. Hierzu treten mit Weltraum und Informationsraum zwei neue Operationsräume zu den bisherigen - also Land, See und Luft. Die Bundeswehr wird neue Verbandstypen und Führungsstrukturen entwickeln müssen. Das modulare Prinzip wird die Bildung der Einsatzgruppen weitgehend bestimmen und die klassischen Formationen der Teilstreitkräfte und Waffengattungen in die Rolle der ,,Kampfkraft- und Fähigkeitsbereitsteller abdrängen. Allerdings findet das ,Baukastensystem seine Grenze in der notwendigen Gruppenkohäsion, die nur eine eingespielte Gemeinschaft erzeugen kann. Die Wege zu diesem Kompromiss werden auzuloten sein.