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9.6.2002 | Von:
Lothar Rühl

Interventions- und Eskalationsproblematik bei der militärischen Konfliktbewältigung

Die ,,Ultima ratio des bewaffneten Eingriffs als Mittel der Sicherheitspolitik

II. Aggression und Intervention

Die wichtigsten Beispiele von Interventionskriegen bzw. militärischen Konflikten im vergangenen Jahrhundert nach 1945 waren: der als internationale Polizeiaktion eingeleitete Krieg in Korea 1950 - 1954 in Erwiderung der nordkoreanischen Aggression gegen Südkorea; der als Abwehr einer kommunistischen Bürgerkriegsdrohung aus dem Tonking für die Unabhängigkeit begonnene Indochinakrieg zur Wiederbegründung der französischen Oberhoheit 1947-1954; der Algerienkrieg Frankreichs gegen die Rebellion der Unabhängigkeitsbewegung 1954 - 1962; der Vietnamkrieg zur Verteidigung Süd-Vietnams gegen den kommunistischen Norden 1960 - 1975 mit aktiver amerikanischer Beteiligung 1965 - 1973, ausgeweitet auf Laos 1970 und auf Kambodscha 1971 - 1975; die türkische Intervention auf Zypern 1974 mit anschließender und fortdauernder türkischer Besetzung Nordzyperns; die sowjetrussische Intervention in den afghanischen Bürgerkrieg zur Verteidigung des gefährdeten kommunistischen Regimes in Kabul Ende 1979 bis zum Abzug der Sowjetarmee Anfang 1989; die israelische Intervention im Libanon 1982 (das Unternehmen ,,Friede für Galiläa) mit andauernder Besetzung Süd-Libanons bis zum Jahre 2000; die internationale militärische Intervention zum Schutze Saudi-Arabiens und zur späteren Befreiung Kuwaits (,,Wüstenschild und ,,Wüstensturm) 1990/91 mit dem Effekt des II. Golfkriegs gegen den Irak und seitheriger anglo-amerikanischer Luftraumkontrolle mit gelegentlichen Luftangriffen zur Durchsetzung der Waffenstillstandsbedingungen zum Schutze der Schiiten im Süden und der Kurden des Irak im Norden; die Nato-Interventionen in den Bosnischen Krieg im Herbst 1995 mit der Folge eines Friedensschlusses, aber auch fortdauernder internationaler Militärpräsenz in Bosnien-Herzegowina; die Nato-Intervention gegen das serbisch-montenegrische Rumpf-Jugoslawien zur Wiederherstellung einer Autonomie des Kosovo unter internationalem Schutz. An diese Beispiele schloss sich im Herbst 2001 nach dem Terroranschlag vom 11. September die militärische Intervention der ,,internationalen Koalition gegen Terror unter der Führung der USA in Afghanistan gegen das islamistische ,,Taliban-Regime und die islamistische Terrororganisation ,,Al Qaida an.

In jedem dieser Fälle vor dem ,,Krieg gegen Terror folgte die Intervention von außen einer inneren Konfliktentwicklung, die äußere Eskalation einer inneren in einer komplexen Verbindung von Wirkung und Gegenwirkung: Die verschiedenen Ursachen der Konfliktsteigerung (wie in Vietnam und Afghanistan) und der Konfliktausbreitung (wie in Vietnam auf ganz Indochina) bestimmten mit ihren kumulativen Effekten die Dauer und schließlich den Ausgang des graduell gesteigerten Krieges, der in den meisten Fällen mit dem Rückzug der Interventionsmacht endete. Dies ist bisher in den jüngeren Interventionsfällen auf dem Balkan und auf Zypern noch nicht geschehen, wo die Kampfhandlungen zum Stillstand gebracht und Ansätze zu politischen Regelungen geschaffen werden konnten, in Bosnien sogar ein international abgeschlossener Friedensvertrag mit einer neuen Verfassung und inneren Teilung des Landes zustande kam. In Bosnien war dafür die Voraussetzung eine überwältigende Machtentfaltung in einer Koalition mit Beteiligung der nichtserbischen Kriegsparteien und die Errichtung eines internationalen Quasiprotektorates in Regie der Nato und unter dem Mandat der VN; [1] im Kosovo eine ähnliche Kombination mit einem noch stärker ausgeprägten internationalen Protektorat als Übergang in eine noch nicht im Einzelnen bestimmte Regelung für Autonomie.

Das Wesentliche an diesen Interventionen in Konflikte und den daraus folgenden längeren Kriegen oder kriegsartigen Zuständen war das Widerspiel zwischen der inneren Eskalationsdynamik der Konflikte und der graduellen Steigerung der äußeren Eskalation durch Ausweitung und Verstärkung der Intervention, die sich damit immer weiter von ihrer anfänglichen Selbstbegrenzung entfernte und bei zunehmenden Kosten, Verheerungen und Verlusten, schließlich bei wachsenden Risiken internationaler Konfrontationen und innenpolitischer Krisen im eigenen Land (Frankreich im Algerienkrieg, die USA im Vietnamkrieg, Israel im Libanonkrieg) ihr anfangs gesetztes Ziel zu verfehlen drohte oder tatsächlich verfehlte.

Fazit: Die graduelle Intervention und äußere Eskalation Schritt für Schritt mit immer knapp bemessenem Kräfteeinsatz und kalkuliert dosierter Gewaltanwendung wird im Allgemeinen von den Regierungen als vermeintlich beste Methode ,,kontrollierter Eskalation im Sinne des ,,Primats der Politik über die militärische Gewaltanwendung bevorzugt, hat sich aber bisher in den meisten Fällen als die riskanteste Strategie mit der geringsten Erfolgschance erwiesen. Deshalb hat nach den amerikanischen Vietnamkriegserfahrungen der damalige Chef des US-Oberkommandos (Vorsitzender des Komitees der Generalstabschefs der Streitkräfte), General Colin Powell, vor dem Beginn des Golfkriegs einen massiven Kräfteansatz mit etwa 200 000 bis 300 000 amerikanischen Soldaten als Minimum gefordert und war am Ende bei einer Gesamtbereitstellung für ,,Desert Storm zur Befreiung Kuwaits von 541 000 US-Truppen plus weiteren 254 000 alliierten Soldaten der Koalitionskräfte als Endstand 1991 angelangt. [2] Doch lagen in diesem Aufwand eine strategische Reserve für den Fall eines längeren Krieges und das überwältigende psychologische Moment einer auf die gesamte Region wirkenden Abschreckung, die von dieser Militärmachtdemonstration ausging: Mit diesem Kräfteansatz konnte das Ziel ohne Risiko erreicht werden.

Die Voraussetzung für den Erfolg der amerikanischen Interventions-Strategie der kontrollierten Eskalation für einen begrenzten, rapiden Krieg in engem Raum ohne raumgreifende Offensiven war am Golf 1990/91 - wie zehn Jahre später in Afghanistan - die Stabilität des politisch-strategischen Umfeldes. Deshalb musste weder ein Vernichtungskrieg noch ein lang hingezogener Zermürbungskrieg geführt werden, und die internationale Koalition konnte auf eine konsequente Niederwerfungs-Strategie verzichten - auch wenn das politische Resultat in beiden Fällen offen bleibt.

Das Letztere - das offene Resultat bei massivem Militärmachtaufgebot in einem engeren Rahmen und proportional geringerem Kräfteeinsatz - gilt auch für die israelische Intervention bzw. die Okkupation von Teilen des palästinensischen Autonomiegebietes zur Prävention von Terrorangriffen auf Israel oder jüdische Siedlungen und auf israelische Kontrollposten. Mit ihrem Höhepunkt ,,Unternehmen Schutzwall im April 2002 hatte sie den Charakter eines offensiven, wenngleich im Wesentlichen stationären Besatzungskrieges in engen Grenzen angenommen, nachdem die palästinensischen Terroristen und militanten Aktivisten seit dem Beginn ihrer ,,Al-Aqsa-Intifada im September 2000 eine sich stetig intensivierende Grenzguerilla und Terrorkampagne bis zur Eskalation des Konflikts in eine kriegsartige Situation - die von beiden Seiten auch so genannt wurde - als ihre Politik ,,des nationalen Widerstands gegen die Besatzungsmacht Israel (Arafat), die ihrerseits ,,Krieg gegen das palästinensische Volk führe, vorangetrieben hatten. Beides - die Kombination von Terroranschlägen sowie der Guerilla von seiten der Palästinenser gegen jüdische Siedlungen einerseits, von israelischen Gegenschlägen zur Vergeltung und Abschreckung sowohl mit militärischer Eskalation wie mit gezielter Liquidierung von Personen, die als Terroristen bezeichnet wurden, andererseits - hat seither dazu beigetragen, die Realität des unerklärten Krieges zu verändern.

Fußnoten

1.
Vgl. Richard Holbrooke, To End A War, New York 1998, S. 94 ff., S. 153 ff.
2.
Vgl. Lawrence Friedman/Evraim Karsh, The Gulf Conflict 1990-1991. Diplomacy and War in the New World Order, Princeton, N.J. 1993, insbes. S. 86 und S. 409.