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22.5.2002 | Von:
Manfred Öhm
Heribert Weiland

Afrika - ein chancenloser Kontinent?

Ein Memorandum erregt Aufsehen

Die zentrale Aussage des Afrika-Memorandums ist wenig schmeichelhaft: Für die meisten afrikanischen Staaten südlich der Sahara zeichnen sich in den nächsten 30 bis 50 Jahren kaum Entwicklungschancen ab.

I. Provokante Thesen zur Afrikapolitik

Im Oktober 2000 haben sechs deutsche Afrikawissenschaftler ein Memorandum zur deutschen Afrikapolitik veröffentlicht. [1] Der 20 Seiten umfassende, weitverbreitete Text sollte nach ihren eigenen Worten "zur Diskussion über die deutsche Afrikapolitik anregen". Das Memorandum geht von fünf Thesen aus: 1. Afrika südlich der Sahara habe sich in den letzten 40 Jahren politisch, ökonomisch und sozial erheblich ausdifferenziert. 2. Für eine wachsende Zahl von Staaten werde "Entwicklung" im Sinne nachhaltiger Entwicklung und Armutsminderung über einen sehr langen Zeitraum unmöglich bleiben. 3. Die Herausforderungen Afrikas können von der Entwicklungspolitik nicht allein und vor allem nicht von Deutschland im nationalen Alleingang gelöst werden. Von daher wird als Konsequenz aus diesen drei Thesen 4. die kohärente Politisierung und konsequente Europäisierung einer neuen deutschen Afrikapolitik gefordert. 5. Diese solle sich dem Ziel der strukturellen Stabilität verschreiben.

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  • Die Reaktionen auf das Memorandum waren sehr zahlreich. In den gängigen entwicklungspolitischen Zeitschriften wurden nahezu alle Aspekte des Textes aufgegriffen. Afrikawissenschaftler fühlten sich mehrheitlich zu grundsätzlichen Stellungnahmen herausgefordert. Sie konzentrierten ihre Kritik auf den methodischen Ansatz, die nicht unumstrittene Klassifizierung der afrikanischen Länder und auf die vermeintlich fragwürdigen Konnotationen von Begriffen wie "Entwicklung" und "strukturelle Stabilität". Die Entwicklungspraktiker nahmen in erster Linie zu den Folgerungen und Empfehlungen Stellung, die ihnen aus ihrer unmittelbaren entwicklungspolitischen Erfahrung richtig oder falsch erschienen. Die beiden direkt betroffenen Ministerien - Auswärtiges Amt (AA) und Entwicklungshilfeministerium (BMZ) hielten sich mit Stellungnahmen zurück, antworteten jedoch "indirekt" mit eigenen, wenig später publizierten Afrikakonzepten.


    Die Debatte wurde insgesamt qualifiziert, partiell aber auch höchst emotional geführt. Kontrovers, aber konstruktiv wurde auf einer Tagung von Afrikawissenschaftlern im Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institut (April 2001) diskutiert, auf der vor allem auf den wissenschaftlichen Analysewert des Memorandums eingegangen wurde. [2] Das BMZ lud zusammen mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung (DSE) zu einer Fachtagung (Mai 2001) ein, auf der über Ansätze für eine strategische Entwicklungspolitik in Subsahara-Afrika beraten werden sollte. Auf dieser hochrangig besuchten Konferenz wurde vor allem aus der Praxis heraus debattiert, wobei den kritischen Forderungen des Memorandums erfolgreiche Projekterfahrungen und Alternativkonzepte gegenübergestellt wurden. [3]

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Ulf Engel/Robert Kappel/Stephan Klingebiel/Stefan Mair/Andreas Mehler/Siegmar Schmidt, Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik. Frieden und Entwicklung durch strukturelle Stabilitöt, Berlin, Oktober 2000. Das Memorandum sowie einige wichtige Beiträge zur Debatte finden sich auch im Internet: http://www.epo.de/specials/afrikapolitik/index.html.
    2.
    Vgl. Heribert Weiland, Afrikadiskussion konstruktiv weiterführen, in: epd Entwicklungspolitik, (2001) 10, S. 32 - 34.
    3.
    Vgl. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Herausforderungen und Ansätze für eine strategische Entwicklungspolitik in Subsahara-Afrika, Impulspapier zur Fachtagung des BMZ und des DIE am 3. Mai 2001 in Bonn. Vgl. dazu auch die programmatische Stellungnahme der Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, Die Afrikanische Herausforderung, in: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, 42 (2001) 5, S. 158 - 164. Vgl. ebenso die kommentierenden Artikel in: E+Z, 42 (2001) 9, S. 252 - 265 unter dem Schwerpunktthema: Vorschläge für eine Afrikastrategie.