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22.5.2002 | Von:
Gert-Joachim Glaeßner

Sicherheit und Freiheit

I. Soziologische und politische Dimensionen des Sicherheitsbegriffs

Sicherheit ist ein soziales Konstrukt, weil sie sich nicht so sehr auf unverrückbare soziale Gegebenheiten (z. B. klare Aussagen über ökonomische Risiken oder die Kriminalitätsentwicklung) bezieht, sondern eher auf bestimmte unterstellte soziale Gewissheiten. Als sozialwissenschaftlicher Begriff ist Sicherheit kaum präzise zu definieren, allenfalls in seinem Bedeutungsgehalt einzugrenzen. Zudem ist Sicherheit (ebenso wie "Unsicherheit") normativ hoch aufgeladen und dadurch zum "Wortsymbol einer gesellschaftlichen Wertidee" geworden, wie es Franz Xaver Kaufmann ausgedrückt hat. [2]

Vier Bedeutungsebenen des Begriffs Sicherheit lassen sich ausmachen:

1. Sicherheit bedeutet Gewissheit, Verlässlichkeit, Vermeiden von Risiken. Abwesenheit von bzw. Schutz vor Gefahren werden mit diesem Begriff assoziiert.

2. Sicherheit meint aber auch Statussicherheit, Gewährleistung des erreichten Lebensniveaus und der Lebensumstände einzelner Menschen und/oder sozialer Gruppen sowie Bewahrung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, in denen Menschen leben und sich eingerichtet haben.

3. Mit dem Begriff wird weiterhin ein bestimmtes institutionelles Arrangement assoziiert, das als geeignet erscheint, innere oder äußere Bedrohungen einer sozialen und politischen Ordnung abzuwehren.

4. Und schließlich wird Sicherheit im juristischen Sinne als Unversehrtheit von Rechtsgütern verstanden, die zu schützen und bei Verletzung wieder herzustellen Aufgabe der Rechtsordnung und des Staates ist. Einige Autoren sprechen sogar von einem Grundrecht oder Menschenrecht auf Sicherheit. Rechtssicherheit bedeutet Schutz vor willkürlicher Gewaltausübung und Beachtung von anerkannten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der individuellen Lebensführung. [3]

Ein wesentlicher subjektiver Aspekt von Sicherheit ist das Faktum, dass moderne Gesellschaften aus der Sicht des Einzelnen überkomplex geworden und als Gesamtordnung nicht mehr durchschaubar sind. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit stößt an Grenzen. Die wachsende Komplexität aller Lebensbereiche macht ein sachliches Urteil, eine rationale Entscheidung und eine begründbare sichere Zukunftserwartung immer schwieriger.

Das Verhältnis des Einzelnen zu seiner komplexen Umwelt kann wahlweise als Überforderung, vergebliche oder gelungene Anpassung oder aber als Chance für individuelle oder kollektive Gestaltung wahrgenommen werden. Die Überkomplexität moderner Gesellschaften und die nicht präzise prognostizierbaren zukünftigen Entwicklungen produzieren eher Unsicherheit, als dass sie das Gefühl von Sicherheit als verlässliche Erwartung aufkommen lassen - diese Zusammenhänge hat Niklas Luhmann ausführlich beschrieben. [4]

Das Sicherheitsversprechen in der modernen Welt, das sich Jahrzehnte lang auf die Erwartung einer immer besseren Beherrschung wirtschaftlicher, technischer oder anderer Lebensvollzüge und eine Minimierung der mit neuen Entwicklungen verbundenen Risiken und Unsicherheiten stützen mochte, ist brüchig geworden. Die umstandslose Verwandlung von Sicherheitsglaube in Sicherheitserwartung, in "Erwartungssicherheit", erodiert und erzeugt ein Gefühl von Unsicherheit. [5]

Unsicherheit im gesellschaftlichen und politischen Raum hat verschiedene Dimensionen: Sie kann als ökonomische, soziale und politische Unsicherheit erscheinen, und sie hat jeweils eine Binnen- und eine Außendimension.

Sicherheit nach Außen und im Inneren eines Gemeinwesens zu garantieren, ist Aufgabe staatlicher Instanzen. Angesichts neuer Bedrohungslagen - seien es Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten, sei es die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität oder sei es der internationale Terrorismus - zeigt sich immer deutlicher, dass das politische Institutionengefüge nur noch bedingt in der Lage ist, angemessene und wirksame Gegenstrategien zu entwerfen und erfolgreich umzusetzen. Das Beharrungsvermögen von Institutionen und ihr Bestehen auf (sich verflüchtigender) Problemlösungskompetenz korreliert nicht mit der beschleunigten Entstehung von neuen Problemlagen. Tendenzen der Internationalisierung und Privatisierung gefährden das Regelungs- und Gewaltmonopol der Nationalstaaten, ohne dass in jedem Falle erkennbar wäre, was an seine Stelle tritt.

Fußnoten

2.
Franz Xaver Kaufmann, Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem. Untersuchungen zu einer Wertidee hochdifferenzierter Gesellschaften, Stuttgart 1970, S. 62.
3.
Vgl. David Beetham, the Legitimation of Power, Basingstoke, Hampshire 1991, S. 138 ff.
4.
Vgl. Niklas Luhmann, Vertrauen. Ein Mechanisus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart 19893.
5.
Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1987, S. 412.