Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Ulrike Herrmann

Hüterin der D-Mark. Über die Bundesbank und ihre Unabhängigkeit - Essay

Auch das Timing stimmte nicht: Just als die Notenbank die Konjunktur in Deutschland strangulierte, begann das Wachstum in den USA zu schwächeln. Die weltweite "Konjunkturlokomotive" fiel zeitweise aus, was auch die deutsche Exportindustrie traf. Schnell und still rückte die Notenbank von ihrer drastischen Geldpolitik ab: Schon ab September 1956 senkte sie ihre Zinsen wieder. Die Wirtschaft erholte sich sofort – und damals blieb die Intervention der Notenbank nur Episode. Doch das Grundproblem zeigte sich schon 1956 und wurde von Adenauer genau erkannt: Die Notenbank nahm in Kauf, dass die Wirtschaft lahmte – solange nur die D-Mark stabil blieb.

In der Bundesbank herrschte ein elitärer Dünkel, und für die Politik hatte sie oft nur Verachtung übrig. Eine prägende Gestalt war Otmar Emminger, der ab 1953 im Direktorium saß und von 1977 bis 1979 Präsident der Bundesbank war. Seine Memoiren sind eine einzigartige Quelle, um das Innenleben der frühen Bundesbank zu verstehen. Autoritär heißt es dort: "Eine pluralistische Massengesellschaft ist immer in Versuchung, in eine 'Gefälligkeits-Demokratie' abzugleiten."[7]

Was Emminger nicht erwähnt: Ab 1937 war er Mitglied der NSDAP gewesen. Damit war er kein Einzelfall. Von 1948 bis 1980 bestand die Führungsebene der Landeszentralbanken und der Bundesbank zu 39 Prozent aus ehemaligen Nationalsozialisten.[8]

Unantastbare Notenbanker

Bereits in ihren Anfängen schien die Notenbank überaus erfolgreich zu sein: Zwischen 1950 und 1960 betrug die Inflation in Deutschland insgesamt nur 22 Prozent – während Frankreich in der gleichen Zeit auf stattliche 72 Prozent kam. Großbritannien verzeichnete eine kumulierte Inflation von 49 Prozent.

Die geringe Inflation in Deutschland hatte jedoch nichts mit der Geldpolitik der Bundesbank zu tun, sondern war eine indirekte Kriegsfolge: Von 1949 bis 1961 strömten rund 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten und der DDR nach Westdeutschland. Sie alle waren zunächst arbeitslos und bereit, auch für wenig Geld zu arbeiten. Die Gehälter in der Bundesrepublik stiegen daher nicht so stark wie in den anderen westlichen Ländern.

Dank der geringeren Inflation waren die deutschen Waren im weltweiten Vergleich billiger, sodass die ausländischen Kunden beherzt zugriffen. Ab 1952 führte die Bundesrepublik weit mehr aus, als sie importierte, und begann, Milliarden-Überschüsse anzuhäufen. Die Wirkung zeigte sich sofort: Bereits Mitte der 1950er Jahre galt die D-Mark als die "stärkste Währung Europas".[9]

Normalerweise hätte die D-Mark jetzt teurer werden müssen, weil sie weltweit so gefragt war. Doch die Weltwährungsordnung von Bretton Woods sah feste Wechselkurse vor. Zwar wurde die D-Mark zwischendurch leicht aufgewertet, blieb aber dennoch international viel zu billig.

Als "Hüterin der D-Mark" hat die Bundesbank vom Nimbus der neuen Währung profitiert, obwohl die Stärke der D-Mark nur ein Produkt der Umstände war. Die Notenbanker galten schnell als allwissend und unantastbar. Bundesbankier Emminger konstatierte: "Man kann wohl sagen, dass die deutsche Notenbank (…) die am wenigsten angefochtene Institution unserer Republik ist."[10]

Lange begnügte sich die Bundesbank mit kleinen Schritten, doch ab 1965 griff sie massiv in die Wirtschaft ein. Damals herrschte nicht nur Vollbeschäftigung, sondern sogar "Überbeschäftigung": Nur noch 147.352 Menschen suchten einen Job – während es drei Mal so viele offene Stellen gab.

Da Arbeitskräfte begehrt waren, stiegen die Löhne um rund neun Prozent. Die Preise blieben dennoch moderat und legten um nur etwa drei Prozent zu. Trotzdem war die Bundesbank alarmiert und erhöhte ab Mitte 1965 die Zinsen, um Kredite zu verteuern und die "überhitzte" Wirtschaft abzuwürgen.

Die Vollbremsung gelang: Das Wachstum halbierte sich – und war 1967 mit minus 0,3 Prozent sogar negativ. Plötzlich gab es keine "Überbeschäftigung" mehr, sondern 500.000 Arbeitslose. Die Deutschen waren schockiert, dass mitten im "Wirtschaftswunder" die Armut zurückkehrte. Doch nicht etwa die Bundesbank wurde kritisiert, sondern CDU-Kanzler Ludwig Erhard.

Allen außer Erhard war deutlich, dass die CDU die nächste Bundestagswahl verlieren würde, falls er Kanzler bliebe. Also wurde Erhard von seiner eigenen Partei im Herbst 1966 zum Rücktritt gezwungen. Gleichzeitig verließen auch die Liberalen das Kabinett, während die Union eine große Koalition mit der SPD einging. Das sozialdemokratische Zeitalter begann.

Die Wucht dieser Ereignisse war der Bundesbank offenbar peinlich, denn in Emmingers 480-Seiten-Memoiren wurden die Jahre 1965 bis 1967 mit nur einem einzigen Absatz abgehandelt. Wolkig wurde dort eine "Gewinnkompression" bei den Unternehmen erwähnt.[11] Über den Kanzler hieß es abfällig: "Dass Erhard kein Organisationstalent besaß und im Herbst 1966 ohne Rückhalt in seiner eigenen Partei dastand, war seine persönliche Tragik."[12]

Fußnoten

7.
Otmar Emminger, D-Mark, Dollar, Währungskrisen, Stuttgart 1986, S. 25.
8.
Vgl. Marsh (Anm. 1), S. 155f.
9.
Emminger (Anm. 7), S. 20.
10.
Ebd., S. 28.
11.
Ebd., S. 137.
12.
Ebd., S. 23.
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