Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Ulrike Herrmann

Hüterin der D-Mark. Über die Bundesbank und ihre Unabhängigkeit - Essay

Trotzdem konzedieren selbst keynesianische Ökonomen wie Heiner Flassbeck, dass es damals keine Alternative gab und die Bundesbank die Zinsen nach oben treiben musste: "Der erste Anstieg der Arbeitslosigkeit war unvermeidbar, weil sonst die Gewerkschaften in der Welt und in Deutschland niemals begriffen hätten, dass es Zeit war, zur Vernunft zurückzukehren".[18]

Die Gewerkschaften lernten sofort: Seither haben sie nie wieder Löhne durchgesetzt, die jenseits des Wachstums lagen und zur Inflation geführt hätten. Dennoch hat die Bundesbank immer wieder die Zinsen nach oben geschraubt: bei der zweiten Ölpreiskrise 1979 genauso wie nach der Wiedervereinigung 1990.

Die Ölkrise ab 1979 war für Deutschland deutlich schwieriger zu verkraften als der erste Preisschock 1973, weil diesmal nicht nur Energie teurer wurde, sondern gleichzeitig auch der Kurs des Dollars stieg, in dem alle Rohstoffe abgerechnet werden. Die Importpreise legten in Deutschland bis 1981 jährlich um zwölf bis 15 Prozent zu.

Dennoch hielt sich die Inflation in Grenzen und lag bei durchschnittlich 5,5 Prozent. "Das ist erstaunlich", konstatiert Emminger in seinen Memoiren.[19] Trotzdem schaltete die Bundesbank auf rabiate Prophylaxe. Die Zinsen wurden in astronomische Höhen geschraubt, denn Emminger war der Meinung: "Inflationen muss man, ebenso wie Diktaturen, bekämpfen, bevor sie sich etabliert haben."[20]

Die Folgen waren desaströs: War 1979 die deutsche Wirtschaft noch um vier Prozent gewachsen, setzte bald darauf der Abschwung ein. 1983 waren schon mehr als zwei Millionen Menschen arbeitslos – und so sollte es bis zur Wende 1989 bleiben. Denn für die Unternehmen lohnte es sich nicht mehr zu investieren. Für sie war es rentabler, ihr Geld bei der Bank zu parken, wo es mindestens zwölf Prozent Zinsen gab. Nichtstun wurde prämiert: Die Betriebe mutierten zu Finanzunternehmen und kassierten hohe Zinsrenditen bei null Risiko.

Helmut Schmidt versuchte mehrfach, auf die Bundesbank einzuwirken. Genüsslich erinnerte sich Emminger, dass der Kanzler "fast bei jedem Treffen mit Nachdruck sagte: ‚Sie werden doch nicht schon wieder die Zinsen erhöhen!‘ Doch die Bundesbank blieb bei ihrem Kurs."[21]

Schmidt war keineswegs der Einzige, der sich bei der Bundesbank beschwerte. Selbst konservative Ökonomen waren frappiert und sprachen von "Zinsterror", "Hysterie in Frankfurt", "Überreaktion" und "übertriebener Schocktherapie".[22]

Doch die Bundesbank wollte allen deutlich machen, dass sie allein entscheidet. Oder wie es Emminger ausdrückte: "auf den Tisch hauen, damit die Ohren gespitzt werden".[23] Dieses Bild sagt alles: Für den Bundesbankier waren demokratisch gewählte Kanzler nur Schuljungen, die Oberlehrer Emminger nach Belieben maßregeln darf.

Teufel in Gestalt der Inflation

Durch die Wirtschaftskrise ab 1979 sanken die Steuereinnahmen des Staates, während gleichzeitig die Ausgaben stiegen, unter anderem für zwei Millionen Arbeitslose. Im Bundeshaushalt tauchten immer neue Löcher auf; die Koalition von SPD und FDP wurde brüchig. Am 1. Oktober 1982 war es so weit: Wie einst Ludwig Erhard wurde nun auch Helmut Schmidt durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Die Liberalen waren zur Union gewechselt und wählten Helmut Kohl zum Kanzler.

Öffentliche Kritik an der Bundesbank gab es kaum, denn die allgemeine Angst vor der Inflation war noch immer groß – und wurde von der Notenbank geschürt. Über die Reden des Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer (Amtszeit 1993 bis 1999) schrieb "Der Spiegel": "Wo Tietmeyer öffentlich auftritt, redet er nicht, er predigt. Die Bühne weitet sich zum Altarraum, das Rednerpult wird zur Kanzel. Seine Vorträge folgen einer schlichten Dramaturgie: Der Teufel erscheint in Gestalt der Inflation, die Erlösung aus den Fängen des großen Geldvernichters verspricht allein eine unabhängige Notenbank. Und natürlich darf auch die mythologische Höllenfahrt nicht fehlen: das deutsche Trauma von 1923, die Erinnerung an eine Zeit, als eine Schachtel Zigaretten so viel kostete wie zuvor ganze Industriegelände."[24]

Doch es war nicht nur die Angst vor Inflation, die vor allem wohlhabende Deutsche zu treuen Verehrern der Bundesbank machte. Geldbesitzer profitieren, wenn die Zinsen hoch sind. Für Arbeitnehmer hingegen sind niedrige Zinsen gut, weil dies die Wirtschaft ankurbelt und Arbeitsplätze schafft.

Für diesen Konflikt gibt es keine optimale Lösung, daher ist es in England oder den USA selbstverständlich, dass er demokratisch ausgetragen und ausgehandelt wird. Die Notenbanken sollen nicht nur auf die Inflation achten, sondern auch auf Vollbeschäftigung, und sind zudem verpflichtet, sich mit ihren Regierungen und Parlamenten zu verständigen.

Fußnoten

18.
Heiner Flassbeck/Friederike Spieker, Das Ende der Massenarbeitslosigkeit. Mit richtiger Wirtschaftspolitik die Zukunft gewinnen, Frankfurt/M. 2007, S. 176.
19.
Emminger (Anm. 7), S. 420f.
20.
Ebd., S. 450.
21.
Ebd., S. 446.
22.
Eine unhaltbare Strangulierung. Professor Norbert Walter zum Kurs der Bundesbank, in: Der Spiegel, 2.3.1981, S. 105.
23.
Emminger (Anm. 7), S. 451.
24.
Der Erzbischof aus Frankfurt, in: Der Spiegel, 2.6.1997, S. 40ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ulrike Herrmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.