Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Ulrike Herrmann

Hüterin der D-Mark. Über die Bundesbank und ihre Unabhängigkeit - Essay

Die deutsche Einheit 1990 hat die Bundesbank erneut überfordert, denn für die Wiedervereinigung gab es keine ökonomisch "saubere" Lösung. Die Ostdeutschen erwarteten zu Recht, dass sie nun ebenfalls am Reichtum der Bundesrepublik partizipieren würden. Ganz Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg begonnen – aber vor allem die östlichen Gebiete hatten hinterher ökonomisch gelitten. Die Ostdeutschen skandierten daher: "Kommt die Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr."

Die Bundesregierung entschied das Unvermeidliche: Am Tag der Währungsunion, am 1. Juli 1990, wurden die ostdeutschen Löhne und Renten 1:1 auf die Westmark umgestellt; für Sparguthaben gab es die Hälfte. Dieser großzügige Umtauschkurs war nötig, weil die allermeisten Ostdeutschen sonst in Armut versunken wären.[25]

Die Geldmenge vergrößerte sich daher schlagartig um 180 Milliarden D-Mark. Zudem wurde das frische Geld kaum gespart, sondern sogleich in Umlauf gebracht, denn die Ostdeutschen wollten sich lang gehegte Konsumträume erfüllen. Diese zusätzliche Nachfrage ließ die Inflation zeitweite auf fünf Prozent schnellen – allerdings verpuffte der Kaufrausch wieder, als das Geld ausgegeben war.

Die Bundesbank hätte also gelassen abwarten können, doch stattdessen setzte sie die Zinsen drakonisch nach oben und würgte die Wirtschaft ab. Am Ende waren die Kredite sogar noch teurer als 1974, obwohl die Inflation diesmal deutlich niedriger lag. Das erste Opfer war der Staatshaushalt: Die Bundesregierung musste jährlich etwa 150 Milliarden D-Mark in den Osten investieren, um marode Straßen und Häuser zu sanieren, um Industrieanlagen zu modernisieren, um Arbeitslose und Rentner zu versorgen. Zwangsweise stiegen also die Staatsschulden, die nun aber doppelt so teuer wurden, weil die Bundesbank die Zinsen nach oben trieb. Bissig kommentierte Altkanzler Helmut Schmidt: "Ein derartiges Gegeneinander von Geldpolitik und Fiskalpolitik hat es bei uns seit 1949 noch nie gegeben."[26]

Zudem war erneut das Timing schlecht: Just als die Bundesbank die Zinsen nach oben setzte, begann die Weltkonjunktur zu schwächeln. Von Tokio bis Washington brach das Wachstum ein. Auch die deutschen Unternehmen hatten zu kämpfen, aber sie hatten noch eine zusätzliche Last zu tragen: Der Kurs der D-Mark stieg, weil Finanzanleger aus der ganzen Welt nach Deutschland drängten, um von den hohen Zinsen zu profitieren. Die Exporte brachen ein, denn die teure D-Mark machte die deutschen Waren im Ausland kostspieliger. US-Investmentbanken rechneten damals aus, dass der hohe D-Mark-Kurs einen ganzen Prozentpunkt beim Wachstum gekostet habe, was umgerechnet 30 Milliarden Mark pro Jahr waren.

Von der Bundesbank zur Europäischen Zentralbank

Auch im Ausland wirkte die deutsche Zinspolitik verheerend: Ob britisches und irisches Pfund, französischer Franc, italienische Lira, spanische Peseta, portugiesischer Escudo, dänische oder schwedische Krone – sie alle fielen ins Bodenlose. Denn in diesen Ländern waren die Zinsen niedriger als in Deutschland. Also zogen die Spekulanten ihr Geld dort ab und schoben es nach Deutschland.

Der Extremfall war Schweden: Um die eigene Krone zu stützen, wurden Zinsen von 500 Prozent geboten. Aber auch in Italien stiegen die Zinsen auf 18 Prozent, in Frankreich und Großbritannien waren es zehn Prozent. Alle Europäer mussten ihre Kredite verteuern, obwohl sich die weltweite Rezession bemerkbar machte – nur weil die Bundesbank ihre Zinsen erhöhte. Bitter kommentierte Giacomo Vaciologo, Wirtschaftsberater des damaligen italienischen Ministerpräsidenten Giuliano Amato: "Europa muss die Zeche für die deutsche Einheit zahlen."[27]

Auch die Briten haben diese Episode nie vergessen. Kürzlich schrieb Ex-Botschafter Paul Lever, der lange in Berlin stationiert war: "Die Brutalität, mit der die Bundesregierung und die Bundesbank auf die flehenden Bitten des britischen Premiers John Major reagierten, war frappierend. Kanzler Kohl war nicht bereit, einzuschreiten, und der Präsident der Bundesbank, Helmut Schlesinger, weigerte sich knallhart, entweder Pfund zu kaufen oder die Zinsen um mehr als 0,25 Prozent zu senken (…). Er ließ sich sogar am Telefon verleugnen, als der britische Premier anrief."[28]

Dieser Macht der Bundesbank wollten sich viele Europäer nicht länger unterwerfen. Deswegen gibt es den Euro.[29] Doch um der Bundesbank zu entkommen, mussten sie genau diese Bundesbank zufriedenstellen. Die Europäer mussten einwilligen, dass auch die Europäische Zentralbank gänzlich unabhängig ist und wieder nur ein einziges Ziel verfolgt: eine stabile Währung.

Fußnoten

25.
Vgl. Richard Schröder, Irrtümer über die deutsche Einheit, Freiburg/Br. 2014, S. 139ff.
26.
Zit. nach Hat die Rezession begonnen?, in: Der Spiegel, 19.10.1992, S. 21.
27.
Zit. nach ebd.
28.
Paul Lever, Berlin Rules. Europe and the German Way, London 2017, S. 149f.
29.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Sebastian Teupe in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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