Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
André Steiner

Werden und Vergehen der DDR-Mark

Probleme der Geldentwicklung

Gerade in solchen Situationen zeigte sich aber der begrenzte Spielraum der DNB. Gegenüber der Regierung wies sie zwar immer wieder auf den ausufernden Geldumlauf hin, konnte diesen ebenso wie die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Entscheidungen aber nicht selbst konsequent beeinflussen, weil ihr dazu die Kompetenzen fehlten.[22] 1956/57 eskalierte die Situation, und Notenbankpräsidentin Greta Kuckhoff bezeichnete gegenüber dem Regierungschef die Währungssituation als ernst. Der Geldumlauf, insbesondere der des Bargeldes, war stark angestiegen. Kurzfristige Kredite – auch zur Finanzierung des Staatshaushaltes – waren überwiegend zulasten der Geldemission ausgegeben worden. Für langfristige Kredite wurden auf Anweisung des Finanzministeriums jederzeit kündbare Spareinlagen der Bevölkerung herangezogen. In den Fällen ungenügender Liquidität bei den Sparkassen musste wiederum die Notenbank zulasten der Emission eingreifen. Das Hauptproblem aus der Sicht der Verantwortlichen bestand aber darin, dass der bei der Bevölkerung vorhandenen Kaufkraft kein entsprechendes Warenangebot gegenüberstand, was dazu führte, wie die Notenbankpräsidentin ausführte, "dass viele Bürger bedeutende Geldbeträge in der Tasche mit sich herumtragen, um bei sich bietender Gelegenheit schwer erhältliche Waren kaufen zu können". Außerdem werde mehr und mehr DDR-Geld illegal in die Bundesrepublik und Westberlin gebracht.[23] All das schuf in den Augen der Verantwortlichen Momente des Unkalkulierbaren und Nichtgeplanten.

Daraufhin bereitete das Finanzministerium einen Umtausch der alten gegen neue Banknoten vor, der am 13. Oktober 1957 ohne Vorankündigung umgesetzt wurde. Offiziell sollte damit das nach Westberlin und in die Bundesrepublik abgeflossene Geld entwertet werden, weshalb man den Vorgang auch als "Aktion Schiebertod" propagierte. Getroffen wurden aber auch jene DDR-Bürger, die – wie Einzelbauern, Privatunternehmer und Selbstständige – größere Bargeldmengen besaßen und nun deren rechtmäßigen Erwerb nachweisen mussten. Ein beträchtlicher Teil des Bargeldes wurde daraufhin nicht zum Umtausch eingereicht; sei es, weil es sich im Westen befand, oder sei es, weil die Besitzer der Überprüfung aus dem Weg gehen wollten. Jedoch erklärte man nur einen geringen Teil des Bargeldes im Zuge des Überprüfungsverfahrens als wertlos. Im Ergebnis wurde die gesamte Geldmenge nur um etwa ein Zehntel verringert.

Der Geldumlauf stieg jedoch bereits 1958 wieder an.[24] Das war nicht überraschend; schließlich wurden die systemimmanenten Ursachen des Geldüberhangs nicht beseitigt, die an erster Stelle in der weichen Budgetbeschränkung der Betriebe zu suchen waren. Darüber hinaus begünstigte das Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft strukturell das Entstehen eines Geldüberhangs, weil Ersteres im Interesse der Machtsicherung bereit war, Zugeständnisse über die wirtschaftlichen Möglichkeiten hinaus zu finanzieren. Bezeichnend für den Stellenwert der DNB innerhalb des Institutionengefüges war, dass dieser Geldschnitt an der Spitze der Notenbank vorbei organisiert und diese vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.[25]

Die in diesem Vorgang zutage getretenen Defizite blieben aber auch für die weitere DDR-Geschichte kennzeichnend. Daran änderte auch die neue Währungsbezeichnung nichts: Seit Juli 1964 lautete ihr Namen "Mark der Deutschen Notenbank", was mit einem längerfristigen Banknotenumtausch verbunden war. Die damit eingeführten Geldscheine trugen erstmalig das Emblem der DDR und repräsentierten damit nun auch ikonografisch den ostdeutschen Staat. Mit der Aufgabe der "Deutschen Mark" fiel eine noch bestehende Gemeinsamkeit mit dem Westen weg, was dort auch so registriert wurde. Seit Dezember 1967 bezeichnete man schließlich die ostdeutsche Währung als "Mark der Deutschen Demokratischen Republik", womit nun – wie es offiziös hieß – "der prinzipielle Unterschied zu der in der BRD umlaufenden Deutschen Mark der Bundesbank (DM) sichtbar gemacht" werden sollte.[26]

Aber in welchem Maße konnte die Währung nun tatsächlich stabil gehalten werden? Der Geldumlauf bei der Bevölkerung nahm in den 1950er und 1960er Jahren nahezu doppelt so schnell wie das erwirtschaftete Produkt zu. Hingegen konnte der private Geldumlauf in den 1970er und 1980er Jahren deutlich stärker begrenzt werden, sodass er nur noch etwa 10 Prozent schneller wuchs als das erwirtschaftete Nationaleinkommen.[27] Das lag wohl auch an der zunehmenden Bedeutung der D-Mark des Westens, die sich als Nebenwährung fest etablierte. Wenn man allerdings die gesamte Geldmenge – also einschließlich des Buchgeldes der Wirtschaft, das zu einem großen Teil über Kredite geschöpft wurde – betrachtet, ändert sich das Bild etwas: In den 1950er Jahren konnte das Bar- und Buchgeld insgesamt in Relation zum Wirtschaftsergebnis noch am besten in Zaum gehalten werden. In den 1960er Jahren entwickelte es sich fast doppelt so schnell wie die Bezugsgröße, was wohl mit der gewachsenen Bedeutung des Kredits im Rahmen der Wirtschaftsreformen zusammenhing. In den 1970er Jahren wuchs die Geldmenge insgesamt nur noch 40 Prozent schneller als das Produkt. Die 1980er Jahre zerfallen in zwei deutlich unterschiedliche Abschnitte: In ihrer ersten Hälfte wurde im Zuge der allgemeinen Sparbemühungen und der Investitionsreduzierungen offenbar auch die Geldschöpfung stark beschränkt, sodass die Zunahme der Geldmenge etwa dem Wirtschaftswachstum entsprach. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre (insbesondere 1987) nahm sie wieder deutlich schneller zu.[28] Dies war letztlich Ausdruck dessen, dass die Staatsausgaben zunehmend nur noch über die Geldschöpfung zu finanzieren waren, und es war Spiegelbild der zunehmenden wirtschaftlichen Auszehrung des Landes.

Fußnoten

22.
Vgl. Kuckhoff an Grotewohl, 8.7.1954, SAPMO-BA NY4090/336, Bl. 36f.
23.
Kuckhoff an Grotewohl, 6.6.1957, SAPMO-BA NY4090/336, Bl. 67–73.
24.
Teils berechnet nach Matthias Ermer, Von der Reichsmark zur Deutschen Mark der Deutschen Notenbank. Zum Binnenwährungsumtausch in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (Juni/Juli 1948), Stuttgart 2000, S. 188–200.
25.
Vgl. Zschaler (Anm. 7), S. 67; Ermer (Anm. 24), S. 194ff.
26.
Ökonomisches Lexikon H-P, Berlin (Ost) 1979, S. 464. Zur Ikonografie und Reaktion im Westen siehe Gries (Anm. 19), S. 587f.
27.
Berechnet nach Statistisches Jahrbuch der DDR 1990, Berlin (Ost) 1990, S. 13f., S. 52.
28.
Berechnet nach Kreditanstalt für Wiederaufbau (Hrsg.), Materialien. Anhang zur Dokumentation "Mit der DM zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und zur deutschen Einheit", Frankfurt/M. 1996.
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