Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
André Steiner

Werden und Vergehen der DDR-Mark

Die Bevölkerung betrachtete zunächst einmal die Preisentwicklung als Indikator für die Währungsstabilität. Die SED-Spitze erachtete stabile (oder sinkende) Preise von Anfang an als Vorzug der Planwirtschaft und als einen Ausweis des sozialen Charakters des eigenen Systems. Mit der seit Anfang der 1970er Jahre verfolgten verstärkten Konsum- und Sozialpolitik erhielt dieses Dogma stabiler Preise eine neue Qualität. Der offizielle Index für die von der Bevölkerung zu tragenden Lebenshaltungskosten lieferte aus vielerlei Gründen ein unzureichendes Bild der Preisentwicklung, was auch mehrfach intern eingeräumt wurde. Deshalb kann für deren Abbildung nur auf mit vielfachen Unsicherheiten belastete Schätzungen zurückgegriffen werden: Danach nahmen diese Preise in den 1950er Jahren im jährlichen Durchschnitt um 0,5 Prozent zu, wohinter sich aber außerordentlich differenzierte Entwicklungen versteckten.[29] In den 1960er Jahren stiegen die Lebenshaltungskosten im Mittel jährlich maximal um 1,0 Prozent. In der Ära Erich Honeckers hat die Inflationsrate wohl bei etwa 1,5 Prozent pro Jahr gelegen. In den einzelnen Warengruppen fiel dieser Preiszuwachs allerdings höchst unterschiedlich aus. Zudem stiegen die durchschnittlichen Verbraucherpreise Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre deutlich schneller als vorher und nachher.[30]

Nebenwährung D-Mark

Diese Werte erscheinen auch vor dem Hintergrund der Inflationsraten anderer Länder zur gleichen Zeit moderat, und in den Augen der Wirtschaftsverantwortlichen waren diese Preissteigerungen durchaus sinnvoll, da auf diesem Wege der Kaufkraftüberhang eingedämmt werden konnte und die Staatseinnahmen stiegen. Aber politisch war die Teuerung für die SED-Spitze ein Debakel, weil sie von der Bevölkerung als Bruch des Versprechens stabiler Preise wahrgenommen wurde.

Dazu kam – mehr oder weniger staatlich sanktioniert – die Nebenwährung D-Mark. Die Existenz und der Ausbau der als Devisenquelle genutzten Intershops belegten, dass sich die SED-Spitze mit der (harten) Nebenwährung arrangiert hatte. Seit 1974 konnte die DDR-Bevölkerung offiziell in den Intershops einkaufen, und damit war der Besitz von Westgeld nicht mehr kriminalisiert. Die daraus resultierende Zweiklassengesellschaft wurde aufgrund der wirtschaftlichen Zwänge sehenden Auges in Kauf genommen. Darüber hinaus erwuchsen aus der Versorgungslage zunehmend schwarze Märkte für Mangelwaren, was weitere soziale Differenzen nach sich zog. Auch Korruption und Nepotismus spielten eine wachsende Rolle, um knappe Konsumgüter zu erlangen.[31] Schwarzer Markt, "Zwangssparen" und Preissteigerungen für Güter des gehobenen Bedarfs führten schließlich dazu, dass die DDR-Währung nur noch eingeschränkt alle Geldfunktionen wahrnehmen konnte.

Die Nebenwährung D-Mark wurde immer wichtiger. Bei Bezahlung mit D-Mark gab es weder Warenmangel noch überhöhte Preise. Der Verfall der DDR-Mark zeigte sich im seit Mitte der 1970er Jahre fast ständig steigenden Schwarzmarktkurs der D-Mark. Es wurde geschätzt, dass sich der Anteil der innerhalb der DDR umlaufenden D-Mark (umgerechnet zum Schwarzmarktkurs) am gesamten Geldvolumen in der DDR von mehr als einem Prozent im 1974 auf über 13 Prozent 1988 erhöhte. Die in der DDR gehaltenen D-Mark-Barbestände (die vielfach als Wertaufbewahrungsmittel dienten und daher nicht vollständig umlaufwirksam wurden) erreichten 1988 einen Anteil von 62 Prozent am insgesamt umlaufenden Bargeld.[32] Gleich ob diese Schätzung im Detail zutrifft, sie verdeutlicht den Verlust an Vertrauen in die DDR-Währung und zeigt auch, dass das System in den Augen der Bevölkerung ökonomisch, ideologisch und moralisch versagt hatte.

Selbst in der SED-Zentrale wurde in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eingeräumt, dass die Stabilität der eigenen Währung gefährdet sei. Die Ursachen wurden vor allem darin gesehen, dass mehr verbraucht als produziert wurde, die Auslandsverbindlichkeiten und Kreditkosten angewachsen waren, die Weltmarktpreise für Rohstoffe gestiegen waren, die Staatsausgaben zunehmend über Kredite finanziert wurden sowie der Außenwert der DDR-Mark gegenüber den westlichen Währungen zurückgegangen war.[33] Nach dem Fall der Berliner Mauer kam auch die DDR-Regierung unter Hans Modrow an diesem Befund nicht vorbei, aber sie hielt eine Währungsreform zu diesem Zeitpunkt – eine Währungsunion mit der Bundesrepublik wurde in der DDR noch nicht in Betracht gezogen – für "politisch und ökonomisch unvertretbar".[34] Letztlich waren es einerseits die wirtschaftlichen Zwänge und andererseits die Forderungen auf den Demonstrationen ab dem Winter 1989/90 und das Ergebnis der ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990, die den Weg zur Währungsunion mit der Bundesrepublik und der damit erfolgten Einführung der D-Mark und gleichzeitigen Aufgabe der DDR-Mark im Juli 1990 ebneten.[35]

Fußnoten

29.
Vgl. André Steiner, Preispolitik und ihre Folgen unter den Bedingungen von Diktatur und Demokratie in Deutschland im Vergleich, in: ders. (Hrsg.), Preispolitik und Lebensstandard. Nationalsozialismus, DDR und Bundesrepublik im Vergleich, Köln 2006, S. 171–203, hier S. 197; Jennifer Schevardo, Preispolitik und Lebensstandard in der DDR der fünfziger Jahre, Stuttgart 2006.
30.
Steiner (Anm. 12), S. 179f. und S. 247.
31.
Vgl. André Steiner, Bolsche Vita in der DDR? Überlegungen zur Korruption im Staatssozialismus, in: Jens Ivo Engels/Andreas Fahrmeir/Alexander Nützenadel (Hrsg.), Korruption im neuzeitlichen Europa, München 2009, S. 249–274.
32.
Vgl. Bodo von Rüden, Die Rolle der D-Mark in der DDR. Von der Nebenwährung zur Währungsunion, Baden-Baden 1991, S. 98–101.
33.
Zusammengefasste Darstellung über Faktoren, die die Entwicklung der Kaufkraft und der Stabilität der Währung der DDR positiv und negativ beeinflussen, 5.9.1988, SAPMO-BA DY 3023/1601.
34.
Ministerrat, Beschluss über die Einschätzung zur Stabilität der Währung der DDR, 4.1.1990, BArch DC 20-I/3-2887, Bl. 43ff.
35.
Vgl. Dieter Grosser, Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Politische Zwänge im Konflikt mit ökonomischen Regeln, Stuttgart 1998; André Steiner, Der Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion vom 1. Juli 1990, in: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Revolution und Vereinigung 1989/90, München 2009, S. 441–455.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: André Steiner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.