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Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Malte Zierenberg

Ordnende Kraft des Geldes. Zur Geschichte des Schwarzmarkts vor und nach der Währungsreform

Ökonomische Theorien erklären das Auftreten von Schwarzmärkten kurz und plausibel als Folge staatlicher Preisstopps, die eine Reduzierung des Angebots und in letzter Konsequenz einen Nachfrageüberschuss und die Bildung von Schwarzmarktpreisen auf illegalen Märkten bewirken.[3] Diese ökonomischen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Schwarzmärkte zu berücksichtigen, erklärt aber gewissermaßen nur die Hälfte. Denn den Schwarzmarkt lediglich so zu beschreiben, hieße zu übersehen, dass der Markt als soziales Phänomen alltäglich produziert wurde. Erst die AkteurInnen realisierten permanent und in komplexen, soziale Gefüge neu austarierenden Handlungen den Markt als Markt. Die Perspektive auf die Mikroebene unzähliger Aushandlungsprozesse öffnet den Blick für den Markt als "eingebettetes" Phänomen, in dem ökonomische und soziale, kulturelle und politische Ebenen des alltäglichen Lebens miteinander verwoben waren.

Der Umgang mit Geld und Waren nahm hier neue Formen an und bewirkte zugleich, dass auf den illegalen Märkten neue soziale Scheidelinien entstanden: Der Markt als ein "Markt der Gelegenheiten" unterschied zwar weiterhin zwischen denjenigen, die über begehrte Waren und Dienstleistungen verfügten, und denen, die das nicht taten. Er unterschied aber auch nach der Fähigkeit, die neuen Marktbedingungen zu erkennen, sich die Regeln aneignen und umsetzen zu können. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die die neue Schwarzmarktökonomie hervorbrachte, wurden zu einem der wichtigsten Themen empörter Stellungnahmen eines zeitgenössischen Diskurses über raffgierige SchieberInnen oder SpekulantInnen und die notleidenden Anderen. Dieser Diskurs rief die Inflationszeit der 1920er Jahre in Erinnerung, konnte sich aber auf aktuell beobachtbare Formen einer neuen illegalen Tauschkultur beziehen.

Netzwerke und öffentliche Schwarzmarktplätze

Wegen der intensiven, wenngleich auch zunehmend wirkungslosen Verfolgung des illegalen Handels durch die Polizei, Gewerbeaufsichtsämter, aber auch denunzierende "Volksgenossen" selbst, blieb der illegale Handel für die längste Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Praxis, die vor allem in Tauschnetzwerken und in semi-öffentlichen oder privaten Räumen stattfand. Hier trafen sich NachbarInnen, ArbeitskollegInnen, hier tauschten Familienmitglieder untereinander oder aber auch Fremde, die sich etwa in einem Restaurant mit anderen KundInnen oder aber den dort arbeitenden KellnerInnen über Tauschgeschäfte verständigten. Angeörige jener Berufe, die mit dem Verkauf oder der Verteilung von nachgefragten Waren beschäftigt waren, spielten auf dem Markt eine große Rolle, weil sie Zugang zu den beliebten Tauschmitteln hatten. Das Kernproblem des illegalen Handels, Vertrauen herzustellen und aufrechtzuerhalten, konnte dadurch gelöst werden, dass man entweder miteinander bereits vertraut war; oder aber dadurch, dass man die Regeln des neuen Marktes lernte und anzuwenden verstand. Dazu gehörten Vertraulichkeit, das Anbieten oder Zurschaustellen von Produkten durch deren demonstrativen Konsum, aber auch zum Beispiel Preisaushandlungsregeln, wonach man gemachte Angebote nicht zurücknehmen konnte. Diese illegalen Tauschgeschäfte wirkten nur an der Oberfläche spontan und ungeregelt. In Wirklichkeit bildeten sich bald relativ stabile Marktordnungen aus, die sowohl die benutzten Räume als auch das Verhalten in ihnen regelten – und damit ein Mindestmaß an Erwartungssicherheit herstellten.

Bereits gegen Ende des Krieges begann der illegale Markt, sein Gesicht zu verändern. Aus klandestinen Treffen in Bars, Cafés oder der eigenen Wohnung wurde jetzt zusehends ein öffentliches Markttreiben, das die Obrigkeit vor erhebliche Probleme stellte. Die Märkte wurden damit einerseits bald zu regelmäßig stattfindenden, im Stadtbild sichtbaren Einrichtungen, die man im Grunde besuchen konnte wie einen Wochenmarkt. Andererseits blieben Unsicherheiten bestehen: Mit wem konnte man gefahrlos tauschen? Wie sollte man sich bei Razzien durch die Polizei verhalten? Was war, wenn man gefälschte oder gepanschte Produkte erworben hatte? Aus diesem Grund avancierten die öffentlichen Marktplätze in den zeitgenössischen Schilderungen zu aufregenden und auch das öffentliche Leben nach dem Krieg zelebrierenden, aber auch gefährlichen Orten, die paradigmatisch für die Paradoxien einer Nachkriegsgesellschaft standen.

Ganz gleich, welche Strategie die Alliierten bei der Bekämpfung der Märkte auch verfolgten – von der kriminalistischen Verfolgung organisierter "Schieberbanden" über großflächige Razzien bis hin zur teilweisen Legalisierung –, der Schwarzmarkt blieb bestehen, teilweise bis über die Zeit der Währungsreformen im Juni 1948 hinaus. Neben den oft in Geschichten über die Nachkriegszeit wieder aufgerufenen Plätzen, wie vor dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor in Berlin, war er bald an fast allen Orten vorzufinden, an denen Menschen sich auch sonst trafen: an Bahnhöfen, in oder vor Restaurants und Geschäften, aber auch in den Wärmehallen oder im Klassenzimmer.

Die Währungsreform war eine währungs- und wirtschaftspolitische Weichenstellung, die auf westlicher Seite auf eine grundsätzliche Abkehr von der Rationierungs- und Verwaltungswirtschaft abzielte und mit der langsamen Aufhebung der Bewirtschaftung die illegalen Märkte ins Abseits drängte. Das ist die Makro- und Ex-post-Perspektive. Doch für die ZeitgenossInnen waren die Wochen und Monate vor und nach der Reform wiederum vor allem eine Phase der Unsicherheit: Erwartungen an einen Währungsschnitt verbanden sich mit Fragen nach der weiteren Entwicklung auf der großen politischen Bühne. Und besonders dringlich stellten sich diese Fragen in Berlin. Denn hier hingen Währungspolitik und die Zugehörigkeit zu einer der beiden Seiten im beginnenden Kalten Krieg unmittelbar miteinander zusammen.

Fußnoten

3.
Vgl. etwa Wilhelm Henrichsmeyer/Oskar Gans/Ingo Evers, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 19919, S. 202ff.
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