30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Malte Zierenberg

Ordnende Kraft des Geldes. Zur Geschichte des Schwarzmarkts vor und nach der Währungsreform

Währungsreform und Schwarzhandel in Berlin

Den Kriegsverlauf und die politische Großwetterlage zu beobachten, war für die meisten BewohnerInnen der Stadt bereits während des Krieges zur Normalität geworden.[4] Dazu gehörten auch Planungen für ein etwaiges Kriegsende. Mit der (militärischen) Wende 1943 setzten erste MarktteilnehmerInnen darauf, Waren im illegalen Handel zu erwerben, um Vorräte anzulegen. Ein Schwarzhändler gab in seiner Vernehmung zu Protokoll, er habe sich einen solchen Vorrat für die Nachkriegszeit anlegen wollen, ein anderer berichtet, er habe damit gerechnet, dass "der Gaskrieg" bald kommen würde. Immer wieder wurde bei den Vernehmungen durch die Polizei erkennbar, dass viele sich an die Inflationszeit erinnerten und deshalb etwas zurücklegten. Einige professionellere HändlerInnen antizipierten kommende Gewinnspannen und suchten auf dem schwarzen Markt zum Beispiel gezielt nach Seifen und Toilettenartikeln, weil sie mit einer entsprechenden Nachfrage in diesem Handelssektor rechneten. Mit der drohenden Niederlage hatte sich eine unsichere Zukunftsperspektive als bestimmender Zeithorizont in den Vordergrund geschoben.

Zunehmend rückten nach dem Kriegsende die internationale Politik und das Verhalten der Siegermächte auf die Tagesordnung. Berlin wurde zum Zentrum der allmählich sichtbaren Ost-West-Konfrontation, und das auch in den Augen der "einfachen Leute auf der Straße". Politische Entwicklungen und Tauschalltag verschränkten sich nachhaltig. Die Berliner Zeitungen notierten den Dollar-Kurs und auch die neuesten Preisentwicklungen auf dem Schwarzmarkt.

Die beiden Währungsreformen im Juni 1948 – in den Westzonen und der Sowjetischen Besatzungszone – können in diesem Zusammenhang als Momente besonderer Verdichtung gelten. Dabei war die Währungsfrage in Berlin aufgeladen, weil hier das Schicksal der einzelnen Sektoren eng mit dem Währungsschnitt zusammenhing. Der Zeitfaktor spielte eine entscheidende Rolle. Die Aufforderung der sowjetischen Militärregierung an die amtierende Oberbürgermeisterin Louise Schröder vom 22. Juni 1948, die Währung umzustellen, setzte die westlichen Alliierten unter Zugzwang. Wollten sie den Souveränitätsanspruch für die drei Sektoren behalten, mussten sie an einer eigenen Währung festhalten. Wie aber sollte ein währungspolitisch separiertes Westberlin versorgt, wie die Beschaffungs- und Absatzmärkte organisiert und abgesichert werden? Allen Unwägbarkeiten zum Trotz entschieden die westlichen Stadtkommandanten, dass die westdeutschen Währungsgesetze für Westberlin übernommen werden sollten. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür bot die am 24. Juni erlassene "Verordnung zur Neuordnung des Geldwesens". Damit konnte die "Deutsche Mark der Bank deutscher Länder" zur offiziellen Währung werden. Am Ende des damit einsetzenden Prozesses waren die beiden Stadthälften in das jeweilige Ordnungs- und Wirtschaftssystem integriert.

Dabei hatte die Erwartung des Währungsschnitts bereits ab dem Frühjahr zu Hortungen und einem Aufblühen des Schwarzmarkts geführt. Viele BewohnerInnen versuchten an Fremdwährungen zu gelangen und "flüchteten" in Sachwerte. Ein Bericht des britischen Enforcement Departments, das unter anderem über die Durchsetzung der alliierten Preispolitik zu wachen hatte, stellte schon im April fest: "Das Vertrauen in das Geld ist erschöpft. Der Arbeiter möchte, wo immer es geht, neben seinem kargen Lohn vor allem in Sachleistungen bezahlt werden, damit er sich die Dinge des täglichen Bedarfs besorgen kann. Was die Unternehmer angeht, so lässt sie ihr Misstrauen in die Geldwährung entweder ihre Produkte zurückhalten – oder sie geben sie nur gegen Rohstoffe im Tausch heraus. Große Vorräte werden als das Allheilmittel angesehen, um die Währungsreform unbeschadet zu überstehen."[5]

Als der Währungsschnitt dann erfolgt war, nutzten viele die besondere Situation in der Stadt der zwei Währungen auf eigene Weise. Ein Berliner schilderte die Technik wie folgt: "Seit den ersten Tagen der Währungsreform steht die Berliner Bevölkerung unter ständiger Hochspannung (…). Aus den anfänglichen Schlangen, zunächst vor den Lebensmittelläden, um noch die alten Reichsmarkbeträge unterzubringen, wurden sodann die Schlangen auf den Geldumtauschstellen und schließlich die tollsten Schwarzmarktbörsen, wie sie in dieser Zusammenballung bisher in Berlin noch nicht in Erscheinung getreten waren". Viele BerlinerInnen hoben jetzt gewissermaßen zwei Mal ab und nutzten nun "die Gelegenheit, um zunächst im Ostsektor die RM-70-Quote einzutauschen, da sie ja hier nur den Lebensmittelkartenabschnitt als Ausweis vorzulegen hatten, und holten sich sodann gegen Personalausweis die westliche Kopfquote von 60 DM. Als sich diese Möglichkeit herumgesprochen hatte, setzte ein wahrer Sturm aller Westberliner auf die östlichen Umtauschstellen ein, umso mehr, als nun sogar auch noch die Zeitungen auf diese Möglichkeit hinwiesen und die Berliner aufforderten, diese Chance für sich auszunutzen. Was sich hier vor den Umtauschstellen abgespielt hat, ist kaum zu beschreiben".[6]

Was in diesem Bericht als geschicktes Ausnutzen einer besonderen Situation in einer Stadt mit zwei gültigen Währungen erscheinen mochte, hatte eine Kehrseite, die von anderen BeobachterInnen zum Ausdruck gebracht wurde. Diese empfanden das Nebeneinander zweier Währungen als große Verunsicherung. So hielt eine Berlinerin fest: "Die neue Währung erschwert das Leben sehr, da wir sie uns aus dem Ostsektor holen müssen. Ich habe keine Kraft dazu. Dort stehen Tausende von Menschen an den Banken an. Es gibt Unglücksfälle und sogar Tote. Mit Ostgeld kann man Lebensmittel bezahlen. Für Textilien, Garn, Seife, Schuhe oder auch Obst wird Westgeld verlangt. Mieten und Renten werden in Ostmark ausbezahlt. Ein wüster Handel wird getrieben. Wo früher ‚Gold, Silber, Schokolade, Zigaretten‘ geflüstert wurde, wird jetzt nach Westgeld gefragt. Diese doppelte Währung bringt uns um".[7]

Fußnoten

4.
Vgl. hier und im Folgenden Zierenberg (Anm. 2), S. 289–298.
5.
Zit. nach ebd., S. 293.
6.
Zit. nach ebd., S. 294.
7.
Zit. nach ebd., S. 294f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Malte Zierenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.