Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Sebastian Teupe

Ängste und Sehnsucht. Von der D-Mark zum Euro

Streit der Nationen

Die durch zahlreiche Feste markierte Einführung verdeckte, dass der Euro in Europa keineswegs von großer Eintracht getragen war. Schon die Wahl des Zentralbankchefs, die am Ende auf den Niederländer Wim Duisenberg fiel, war umkämpft. Tiefgreifender jedoch war der Streit zwischen Frankreich und Deutschland: Die Franzosen waren wesentliche Impulsgeber für die gemeinsame Währung, da sie diese als Möglichkeit sahen, Deutschland wirtschaftlich zu integrieren. Zugrunde gelegen habe dem, so der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt, "die französische Besorgnis vor einem übermächtigen Deutschland – genauer gesagt: vor einer übermächtigen D-Mark".[4] In der öffentlichen Debatte, die sich Mitte der 1990er Jahre zuspitzte, stritten die beiden Länder vor allem um die Frage, wie unabhängig die Zentralbank sein sollte.[5]

Die Perspektive auf nationale "Interessen" oder "Kulturen" prägte zwar den öffentlichen Diskurs, aber im transnationalen Projekt der Europawährung war sie nur ein Aspekt unter vielen. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft beispielsweise verliefen die Konfliktlinien keineswegs zwischen den Ländern. Mit ihrer Politik einer starken D-Mark hatte die Bundesbank Unternehmen und Arbeiterschaft immer wieder frustriert. Bankiers und Industrielle waren daher frühzeitig für den Euro. Innenpolitisch formierte sich in den späten 1990er Jahren dagegen parteiübergreifender Widerstand.[6] Skeptisch zeigte sich nicht nur SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder. Auch parteiintern hatte Kohl gegen Widerstand zu kämpfen, insbesondere gegen Edmund Stoiber und Kurt Biedenkopf, die ihre Sorge eines "weichen" oder "labilen" Euro äußerten. Auch die Ökonomen waren tief gespalten in eine kleine Zahl von Unterstützern und eine größere Zahl von Gegnern.[7] Viele der Argumente beruhten auf kaum belastbaren Prognosen. Der Euro war eben ein noch nie dagewesenes Experiment. Lange waren die Deutschen eine der euroskeptischsten Gruppen, auch wenn in den frühen 1970er Jahren noch eine Mehrheit die Ablösung der D-Mark durch ein "einheitliches europäisches Geld" befürwortet hatte.[8] Danach sanken die Zustimmungswerte kontinuierlich. Anfang der 1990er Jahre sprach sich gerade einmal ein knappes Drittel der Deutschen in Ost und West für den Euro aus.[9] Europäische Kommission und Bundesregierung hatten sich frühzeitig auf einen Mangel an Informationen und Verständnis seitens der europäischen Bevölkerung eingestellt.[10] Viele Werbe- und Informationsaktionen – etwa ein Euro-Infomobil, das in die Ostseebäder geschickt wurde –, verpufften jedoch. Es war schwierig, eine Währung zu vermitteln, die nicht greifbar existierte. Kurz vor der Einführung 1999 konnte sich immerhin gut die Hälfte der Bevölkerung für die Einheitswährung erwärmen.

Stabilitätskriterien und EZB

Stabilität und Wohlstand waren offensichtlich keine rein "deutschen" Tugenden, sondern auch Ziele der internationalen Experten der EZB. Sie hatten bei der Konstruktion der zukünftigen Währung nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Geldwertstabilität ein primäres Ziel darstellen müsse.[11] Zwei Grundlagen sollten inflationäre Entwicklungen verhindern: erstens die Unabhängigkeit der Bank und zweitens die wirtschaftliche Stabilität der Beitrittsländer. Beides wurde bereits 1995 vereinbart, wobei die Unabhängigkeit der Zentralbank deutlich konsequenter umgesetzt wurde als die Einhaltung der Stabilitätskriterien.

Das institutionelle Gebilde des gemeinsamen Währungsraums war insofern einmalig, als die Entstehung moderner Nationalstaaten im 19. Jahrhundert immer eine eigene Währung mit sich gebracht hatte, sodass jede Nation ihre eigene Währungsgeschichte machte. Die Zentralbanken waren mit der Regierung häufig eng verknüpft und instrumentalisierbar. Die Deutschen machten diese Erfahrung zunächst während der Inflation von 1914 bis 1923, als die Reichsbank dem Geldbedarf des Staates durch die Notenpresse nachkam, später dann im Kontext der Schwarzmarktpreise der 1940er Jahre.[12] Das hatte bekanntermaßen traumatische Folgen, die auch nachfolgende Generationen prägten.[13] Die Bundesbank hob daher stets das Ziel der Geldwertstabilität und ihre Unabhängigkeit hervor. In dem Wissen, dass es gerade mit zunehmender Demokratisierung wichtig geworden war, das Vertrauen der Bevölkerung durch symbolische Handlungen und Kommunikation zu sichern, trat sie zudem als "energischer öffentlichkeitspolitischer Agent" hervor.[14] Auch deshalb galt die Bundesbank in den öffentlichen Medien als eine "für Politiker uneinnehmbare Festung",[15] die von zwölf deutschen Schäferhunden bewacht wurde.[16]

Die D-Mark aber blieb ein nationales Gebilde. Und eben das war der Euro nicht mehr. Von ihren Grundstrukturen her entspricht die 1998 gegründete EZB der Bundesbank insofern, als es ein Direktorium gibt, in dem Präsident, Vizepräsident sowie eine Gruppe von vier Generaldirektoren sitzen. Die Aufgabe dieses Gremiums ist es, Weisungen an die Nationalbanken entsprechend der Geldpolitik des EZB-Rates zu erteilen. Der EZB-Rat wiederum setzt sich aus den Mitgliedern des Direktoriums sowie den Zentralbank-Präsidenten der beteiligten EU-Länder zusammen und ist das oberste Entscheidungsorgan. Als internationale Institution und von der Zusammensetzung ihrer Mitglieder her war die EZB jedoch ein Novum, auch wenn die Mitglieder explizit nicht als Vertreter ihres Landes in Rat und Direktorium sitzen.

Ganz wohl war den meisten Beteiligten bei diesem transnationalen Experiment nicht, sodass neben der Unabhängigkeit die zweite Grundlage als gegenseitiger Vertrauensbeweis dienen sollte: die Vereinbarung von Stabilitätskriterien. Die Kriterien waren unter anderem eine geringe Inflationsrate, ein öffentliches Defizit, das nicht höher als drei Prozent des BIP sein durfte, sowie ein öffentlicher Schuldenstand von unter 60 Prozent des BIP. Im Vordergrund stand in der zeitgenössischen Debatte die Frage der Staatsschulden, die mit dem sogenannten Stabilitäts- und Wachstumspakt von 1997 zusätzliche Verbindlichkeit und Öffentlichkeit erhielt.

Fußnoten

4.
Helmut Schmidt, Deutschland in und mit Europa, in: Dirk Meyer (Hrsg.), Die Zukunft der Währungsunion. Chancen und Risiken des Euros, Berlin 2012, S. 9–22, hier S. 12.
5.
Vgl. Bernhard Löffler, "Eine Art Religionskrieg". Argumentationsmuster, Diskursstrategien und politische Symbolik in den deutsch-französischen Debatten um die Einführung des Euro, in: ders. (Hrsg.), Die kulturelle Seite der Währung, S. 123–168; Markus Konrad Brunnermeier/Harold James/Jean-Pierre Landau, Euro. Der Kampf der Wirtschaftskulturen, München 2018.
6.
Vgl. Jens Peter Paul, Zwangsumtausch. Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften, Frankfurt/M. u.a. 2010.
7.
Vgl. Ronald I. McKinnon, Mundell, the Euro and the World Dollar Standard, in: Journal of Policy Modeling 22/2000, S. 311–324.
8.
Vgl. Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 8/1983, S. 603.
9.
Vgl. Eurobarometer, ec.europa.eu/echo/eurobarometer_en.
10.
Vgl. Pia Maria Froehlich, Das Problem der Politikvermittlung in der Demokratie. Die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung bei der Einführung des Euro, Würzburg 2001.
11.
Vgl. Harold James, Making the European Monetary Union. The Role of the Committee of Central Bank Governors and the Origins of the European Central Bank, Cambridge MA 2012.
12.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Malte Zierenberg in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Vgl. Dieter Lindenlaub, Deutsches Stabilitätsbewußtsein. Wie kann man es fassen, wie kann man es erklären, welche Bedeutung hat es für die Geldpolitik?, in: Löffler (Anm. 5), S. 63–100.
14.
Bernhard Löffler, Währungsgeschichte als Kulturgeschichte? Konzeptionelle Leitlinien und analytische Probleme kulturhistorischer Ansätze auf wirtschafts- und währungsgeschichtlichen Feld, in: ders. (Anm. 7), S. 3–35, hier S. 25.
15.
Die Gold-Sucher, in: Der Spiegel, 2.6.1997, S. 28.
16.
Siehe hierzu auch die Beiträge von Ulrike Herrmann und Ralph Michael Wrobel in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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