Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Sebastian Teupe

Ängste und Sehnsucht. Von der D-Mark zum Euro

Die Realität der wirtschaftlichen Entwicklung in den 1990er Jahren ließ die am Reißbrett entworfenen Zahlen bald utopisch erscheinen. Ein Land nach dem anderen drohte aus dem Raster zu fallen. Am Ende erfüllten nur Luxemburg und Finnland die Kriterien. Eines der vieldiskutierten Sorgenkinder in den Jahren vor der Einführung war die Bundesrepublik, die lange Zeit sowohl an der 60-Prozent-Grenze (Schuldenstand) als auch an der 3,0-Prozent-Grenze (öffentliches Defizit) zu scheitern schien – auf den letzten Metern erfüllte sie zumindest letzteres Kriterium. Die genau festgelegten Grenzen erwiesen sich als Problem, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Art Damm betrachtet wurden. Einmal durchbrochen, müsste auch höher verschuldeten Ländern der Zugang gewährt werden. Das war an sich kein logischer Schluss. Klar war aber, dass sich Deutschland mit der Verschuldung in eine problematische Verhandlungsposition begab.

Dass die Bundesrepublik die Kriterien nicht erfüllen konnte, führte zu Buchungstricks, die alles andere als stabilitätstauglich waren. Einen Knalleffekt bewirkte die Forderung an die Bundesbank, ihren Goldschatz neu zu bewerten. Da der Goldwert seit der letzten Bewertung stark gestiegen war, ließ sich der Wert derselben Menge an Gold – in D-Mark berechnet – über Nacht vergrößern. Ein Teil des dadurch "gewonnenen" Geldes sollte nach Bonn überwiesen werden, was als Rückgriff auf die Notenpresse interpretiert wurde. Eine solche Strategie war mit dem Trauma der Inflation belastet, das Kohl und Finanzminister Theo Waigel unterschätzt hatten. Die Regierung musste unter dem öffentlichen Druck einen Rückzieher machen. Hierbei handelte es sich primär um ein psychologisches und symbolisches Problem. Das wird dadurch deutlich, dass der Wert der D-Mark in keiner Weise vom Gold der Bundesbank abhängig war und stabile Länder wie Finnland und Luxemburg vergleichsweise geringe Goldbestände in ihren Zentralbanken hatten.

Euro als Buchgeld

1. Januar 1999, der Euro wird offizielles Zahlungsmittel: Der Umrechnungskurs ist unwiderruflich festgelegt. Das Geld taucht auf den Konten auf. Die Geschäfte zeichnen die Preise bereits doppelt aus. Was die europäische Bevölkerung vom Euro mitbekommt, sind aber zunächst nur vereinzelte Feiern mit jungen Menschen in merkwürdigen Euro-Kostümen. Ansonsten ist der Euro noch kaum Teil ihres Alltags. Verglichen mit dem Tag der Währungsreform von 1948 geht das Ereignis unter. Die meisten Steuern werden nach wie vor in D-Mark gezahlt. Auf den Tastaturen taucht das Euro-Zeichen nicht auf. Aus den Geldautomaten ziehen die Menschen Scheine, die immer noch Carl Friedrich Gauß und Annette von Droste-Hülshoff zeigen. Entsprechend kalkulieren die Deutschen in D-Mark. Nur vereinzelte Unternehmen stellen ihre Bilanzen auf die neue Währung um. Ansonsten machen nur Schauspieler, deren Filme nach 2002 erscheinen, erste Bekanntschaft mit dem neuen Geld.

In den drei Jahren des Übergangs vom offiziellen, aber virtuellen Buchgeld zum tatsächlichen Zahlungsmittel war der Euro vor allem ein Wechselkursphänomen. Mit der Einführung änderte sich der Fokus, der zuvor meist im Kontext widerstreitender nationaler Interessen gestanden hatte. Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung führte dazu, dass sich ein einheitliches Europa den USA gegenübergestellt sah. Um die Jahrtausendwende stand allerdings der schwache Kurs des Euro im Zentrum der Debatte. Innerhalb eines knappen Jahres war der Euro von 1,17 Dollar auf unter die magische Grenze von einem Dollar gesunken.

Auch im neuen Jahrtausend schien der Trend nicht zu stoppen. Die "Bild" spottete über die "Weicheiwährung". Der "Spiegel" sah es nationalpatriotisch: "Was die Urlaubsweltmeister grämt, erfreut den Exportkönig – und der heißt ebenfalls Deutschland."[17] Ökonomisch hatte der "schwache" Euro in der Tat durchaus Vorteile: Im Inland blieben die Preise trotz "Weicheiwährung" stabil, und verglichen mit vorherigen Währungsturbulenzen verlief die Entwicklung moderat. Die dennoch große Aufmerksamkeit lässt sich vor allem dadurch erklären, dass niemand die Kontrollfähigkeit der noch jungen EZB einschätzen konnte. Das Wechselkursproblem verkehrte sich dank einer Erstarkung des Euro allerdings bald in sein Gegenteil, sodass nun vom Euro als der neuen globalen "Leitwährung" die Rede war.[18] Zuvor aber wandelte sich der Euro erst einmal vom Buchgeld zum Bargeld.

Fußnoten

17.
Aufschwung dank Absturz, in: Der Spiegel, 1.5.2000, S. 88ff.
18.
Leitwährungen sind besonders stabil, sodass es ohne große Risiken möglich ist, sie zu horten und Verträge in ihr abzuschließen.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sebastian Teupe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.