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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Peter H. Wilson

Gründe und Verlauf einer europäischen Tragödie

Vorgeschichte: Unvermeidliche Eskalation?

Um den Stellenwert von Religion in dem Krieg begreifen zu können, müssen wir zuerst unsere dem 21. Jahrhundert anhängenden Vorstellungen vom Stellenwert des Glaubens in der menschlichen Gesellschaft ablegen. Heute sind wir es gewohnt, zwischen "religiösen" und "säkularen" Einstellungen zu unterscheiden. Eine solche Unterscheidung war im 17. Jahrhundert undenkbar – kein Mensch vermochte sich ein Universum ohne Gott vorzustellen. Stattdessen wurde unterschieden zwischen denen, die man heute als "gemäßigt" und anderen, die man als "militant" bezeichnen könnte. Beide Gruppierungen waren religiös und wollten ihre jeweils eigene Version vom Christentum geltend machen. Die Militanten jedoch fühlten sich persönlich von Gott zum Handeln berufen. Sie neigten zu dem Glauben, ihre Ziele seien in greifbarer Nähe und eventuelle Probleme oder Rückschläge sollten lediglich ihren Glauben auf die Probe stellen. Demgegenüber betrachteten die Gemäßigten religiöse Ziele – etwa die Wiedervereinigung aller Christen – als fernere Ziele und gingen pragmatischer bei der Wahl der Methoden vor, um diese zu erreichen. Militante befanden sich in der Minderheit, hielten in der Regel seltener Machtpositionen inne und übten daher selten direkten Einfluss auf die Geschehnisse aus. Allerdings waren viele von ihnen Geistliche und äußerten in ihren Stellungnahmen häufig heftige Kritik an politischen Akteuren. Dadurch prägten sie die den Historikern zugänglichen Quellen auf unverhältnismäßig starke Weise.[7]

Ungeachtet dessen, ob sie ihre jeweiligen Schwerpunkte nun auf Wirtschaft, Klima, Politik oder Religion legen, betrachten die Vertreter der strukturellen Erklärungen den Krieg unisono als unvermeidlich.[8] Dies ist angesichts der zahllosen Probleme im Heiligen Römischen Reich während des späten 16. Jahrhunderts verständlich. Das schwerwiegendste Problem war der Streit innerhalb des Hauses Habsburg um die Erbfolge des zaudernden Kaisers Rudolf II., der keine "legitimen" Kinder hatte. Dieser Streit eskalierte im Zuge des Langen Türkenkrieges (1593–1606), der das Herrscherhaus in den Ruin trieb und es mit einem größeren Aufstand in Ungarn konfrontierte. Durch ihre internen Probleme abgelenkt, waren die Habsburger nicht in der Lage, wirkungsvoll auf die Schwierigkeiten im Rest des Reiches einzugehen.

Zu diesen gehörte vor allem der Zugriff auf die "Reichskirche" und auf die zahlreichen, meist kleinen geistlichen Fürstentümer, die katholisch geprägt waren, als das Reich 1555 beim Augsburger Religionsfrieden seine Verfassung geändert und Lutheranern die gleichen politischen Rechte zugebilligt hatte, um im Zuge der Reformation aufgekommene Spannungen abzubauen. Diese Fürstentümer umfassten insgesamt ein Siebtel des Reichsgebietes und waren lange Zeit als Domänen der herrschenden fürstlichen und aristokratischen Familien betrachtet worden, in denen sie ihre jüngeren Söhne und unverheirateten Töchter durch Karrieren in der Reichskirche unterbringen konnten. Diejenigen Familien, die nach 1517 zum Luthertum übergetreten waren, weigerten sich, diese Möglichkeiten und den mit ihnen einhergehenden politischen Einfluss aufzugeben. Durchaus berechtigt verwiesen sie darauf, dass sie der Klausel im Frieden von 1555, nach der diese Ländereien Katholiken vorbehalten blieben, nie zugestimmt hatten.

Es war die Verflechtung von familiären Geschicken mit diesen komplexen religiösen und konstitutionellen Fragen, die die Bewältigung der Probleme des Reiches so erschwerte. Dennoch hätten diese wohl kaum zum Krieg geführt, wären da nicht noch andere, zufälligere Faktoren im Spiel gewesen. Dazu gehören vor allem die Ambitionen der rivalisierenden Zweige der zweiten Familie des Reiches, der Wittelsbacher in Bayern und der Kurpfalz. Die ältere, kurpfälzische Linie bewegte fünf andere Fürsten dazu, 1608 ein Verteidigungsbündnis zu schmieden, die sogenannte Protestantische Union.[9] Diese umfasste jedoch selbst auf ihrem Höhepunkt 1610 lediglich die Hälfte der protestantischen Länder, da die restlichen, allen voran Sachsen, sich weigerten, sich ihr anzuschließen. Die Konvertierung der pfälzischen Wittelsbacher um 1560 zum Calvinismus hatte sich Anfang des 17. Jahrhunderts zu einem ernsten Problem ausgewachsen, da die meisten calvinistischen Konvertiten vom Luthertum übertraten. Als lutherische Vormacht befürchtete Sachsen, die Ausbreitung des Calvinismus könnte den 1555 erzielten Kompromiss gefährden, nicht zuletzt deshalb, weil viele Katholiken ihn als neue Religion betrachteten, die nicht unter die Schutzrechte fiel, die Lutheraner genossen.[10]

Überdies befürchtete Sachsen zurecht, die Union werde die Reichspolitik polarisieren und den Reichstag und die kaiserlichen Höfe spalten. Tatsächlich verließen die Mitglieder der Union 1608 auf dem Regensburger Reichstag die Versammlung und fochten Urteilssprüche des Reichskammergerichtes bei "religiösen Fällen" an, bei denen es in Wirklichkeit um Streitigkeiten darüber ging, wer die mit den kirchlichen Ländereien verbundene rechtliche und politische Gerichtsbarkeit ausübte. Herzog Maximilian von Bayern nutzte die Gunst der Stunde und schmiedete mit dem Gros der katholischen Kirchenfürsten ein Gegenbündnis – die Katholische Liga. Genau genommen war die Liga nur deshalb rein katholisch, weil es Maximilian gelang, Bemühungen ihrer moderateren Mitglieder zu vereiteln, sie auch Sachsen und anderen politisch moderaten lutherischen Fürstentümern zu öffnen.

Die meisten Mitglieder beider Organisationen betrachteten ihr Engagement als eine Versicherung für den Fall, dass die bestehenden Spannungen wirklich zum Krieg führen würden. Weder Maximilian noch sein pfälzischer Gegenspieler nach 1610, Friedrich V., strebten einen massiven Konflikt an, mochten auch manche ihrer Berater die Meinung vertreten, ein solcher sei notwendig, um die Pattsituation zu beenden. Die wahre Tragödie des Dreißigjährigen Krieges bestand nicht darin, dass er unausweichlich war, sondern dass ein Konflikt dieses Umfangs und dieser Tragweite hätte vermieden werden können.

Fußnoten

7.
Vgl. Peter H. Wilson, Dynasty, Constitution and Confession: The Role of Religion in the Thirty Years War, in: International History Review 30/2008, S. 473–514.
8.
Vgl. Winfried Schulze (Hrsg.), Friedliche Intentionen – kriegerische Effekte. War der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges unvermeidlich?, Sankt Katharinen 2002.
9.
Vgl. Albrecht Ernst/Anton Schindling (Hrsg.), Union und Liga 1608/09. Konfessionelle Bündnisse im Reich – Weichenstellung zum Religionskrieg?, Stuttgart 2010.
10.
Vgl. Dominic Phelps, The Triumph of Unity Over Dualism: Saxony and the Imperial Elections 1559–1619, in: R.J.W. Evans/Michael Schaich/Peter H. Wilson (Hrsg.), The Holy Roman Empire 1495–1806, Oxford 2012, S. 183–202.
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