Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Peter H. Wilson

Gründe und Verlauf einer europäischen Tragödie

Beginn und erste Kriegsjahre

Innerhalb von fünf Jahren nach dem Ende ihres Bruderzwistes 1612 hatten die Habsburger Maximilian zur Auflösung der Katholischen Liga gezwungen, während die Protestantische Union bankrott war und stetig an Mitgliedern verlor.[11] Dennoch war die Autorität der Habsburger in ihren eigenen Ländern noch immer brüchig. In diesen hatten die meisten Adeligen bis 1600 irgendeine Form des Protestantismus angenommen, während das Herrschergeschlecht selbst dem katholischen Glauben treu blieb. Die protestantischen Adeligen nutzten ihre Mehrheiten in den Landtagen, um – als Gegenleistung für ihre Zustimmung zu bestimmten Steuern – größere politische Rechte zu erstreiten sowie die Freiheit, die Religion ihrer eigenen Untertanen zu bestimmen. Das berühmteste dieser Privilegien war der Majestätsbrief. Diesen hatten protestantische Stände in Böhmen Kaiser Rudolf II. 1609 abgepresst. Entschlossen, ihre Autorität durchzusetzen und ihren Glauben zu verteidigen, beschränkten die Habsburger gerichtliche und militärische Ernennungen nun immer stärker auf Katholiken. Dies wiederum veranlasste eine Reihe prominenter Adeliger dazu, wieder zum Katholizismus zu konvertieren, um ihre Loyalität zu beteuern und ihre Karrieren voranzutreiben. Vereinbarungen wie der Majestätsbrief wurden derweil eng zugunsten der Vorrechte von Katholiken und Habsburgern ausgelegt.

Angesichts dieser Benachteiligungen und nach dem Verlust lukrativer Stellen bei Gericht stürmten wütende Vertreter protestantischer böhmischer Stände am 23. Mai 1618 die Regierungsräumlichkeiten in der Prager Burg. Dabei wurden zwei kaiserliche Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster geworfen. Alle drei überlebten den Fenstersturz mit Verletzungen; dem Sekretär gelang die Flucht, und er alarmierte die zuständigen Behörden in Wien (später wurde er unter dem Namen von Hohenfall in den Adelsstand erhoben).[12]

Die meisten derer, die bei dem Ereignis zugegen waren, waren sich der mörderischen Absichten der Rädelsführer gar nicht bewusst. Mit der "Defenestration" sollte die Mehrheit der Gemäßigten dazu gezwungen werden, sich den Forderungen der Radikalen – die Habsburger sollten ihre prokatholischen Maßnahmen zurücknehmen – anzuschließen. Zwar suchten die Fensterstürzer durchaus die Konfrontation, doch hatten sie es nicht auf einen Krieg angelegt. Da weder ihnen noch den Habsburgern die Mittel für eine kriegerische Auseinandersetzung zur Verfügung standen, forderten beide Seiten Unterstützung ein. Dadurch öffnete sich ihr Konflikt für externe Parteien, deren Intervention alles andere als altruistisch motiviert war.[13] Da es keinem der Beteiligten gelang, eine Abfolge begrenzter Krisen zu lösen oder wenigstens einzudämmen, weitete sich der Krieg aus. Einmal begonnen, ließ er sich zunehmend schwerer beenden, denn beide Seiten mussten den vielfältigen, oft widerstreitenden Interessen ihrer Verbündeten Rechnung tragen.

Nach der Thronbesteigung Kaiser Ferdinands II. 1619 deutete alles auf eine frühe Entscheidung hin. Als katholischer Hardliner verstand Ferdinand den Konflikt eher als Aufstand denn als Bürgerkrieg. In seinen Augen hatten seine Widersacher als Aufständische ihre Rechte verwirkt, und er fühlte sich berechtigt, sie zu enteignen, sobald er sie besiegt hatte.[14] 1620 erhielt Ferdinand Hilfe von Bayern, dem er gestattete, die Liga neu zu gründen, sowie von Sachsen, das den Frieden im Reich wiederherstellen wollte. Derweil setzte die böhmische Führung die Habsburger formell ab und wählte Friedrich V., den Kurfürsten von der Pfalz, zu ihrem König – und zwar unter einer neuen Verfassung, nach der die Monarchie weitgehend entmachtet wurde. Dass Friedrich dieses vergiftete Geschenk im Oktober 1619 annahm, verknüpfte die Probleme der Habsburger mit denen im restlichen Reich. Die Union jedoch weigerte sich, Friedrich zu unterstützen, was es Maximilian ermöglichte, die Liga-Armee zu entsenden, um Ferdinand zu Hilfe zu kommen.

Gestärkt durch spanische und päpstliche Truppen und Mittel vernichteten Ferdinands Streitkräfte die böhmische Armee am 8. November 1620 bei Prag in der Schlacht am Weißen Berg, der entscheidendsten Schlacht des Krieges.[15] Friedrich floh gemeinsam mit seiner Gattin Elisabeth, der Tochter des englischen Königs Jakob I., und wurde fortan aufgrund der Kürze seiner Herrschaft als "Winterkönig" verspottet. Binnen weniger Monate beschlagnahmte Ferdinand "Rebellengüter", fast die Hälfte allen Grundbesitzes in Böhmen, und verteilte diese an jene Adeligen, die ihm gegenüber loyal geblieben waren, sowie an seine Armeeoffiziere, deren Sold er nicht länger bezahlen konnte.

Mit jedem weiteren kaiserlichen Sieg verbreitete sich diese Praxis fast im gesamten Reich. Maximilian bekam seine Belohnung 1623, als Ferdinand ihm die Pfalz übertrug, nachdem Friedrich V. ins Exil getrieben worden war. Spanien rief seine Truppen zurück, und nun hätte der Krieg enden können, hätte Dänemark nicht 1625 interveniert, um seine Interessen in Norddeutschland zu schützen. Die Niederlage Dänemarks und seiner deutschen protestantischen Geldgeber im Juni 1629 ermöglichte es Ferdinand, seine Strategie der Beschlagnahme und Neuverteilung auszuweiten. Sie war nun sogar noch notwendiger, um die stark vergrößerte kaiserliche Armee unter Albrecht von Wallenstein zu finanzieren, der seinerseits mit dem erbeuteten Herzogtum von Mecklenburg entschädigt wurde.

Fußnoten

11.
Vgl. Peter H. Wilson, Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017, S. 256–342.
12.
Vgl. Jan Kilián, Religiös-politische Unruhen in Böhmen und der (dritte) Prager Fenstersturz, in: Robert Rebitsch (Hrsg.), 1618. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Köln 2017, S. 149–167.
13.
Vgl. Georg Schmidt, Die Reiter der Apokalyse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018, S. 153–167.
14.
Vgl. Thomas Brockmann, Dynastie, Kaiseramt und Konfession. Politik und Ordnungsvorstellungen Ferdinands II. im Dreißigjährigen Krieg, Paderborn 2011.
15.
Vgl. Olivier Chaline, La Bataille de Montagne Blanche (8 novembre 1620), Paris 2000.
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