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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Peter H. Wilson

Gründe und Verlauf einer europäischen Tragödie

Ausweitung des Krieges

Mit dem Erlass des Restitutionsediktes vom März 1629 übernahm sich Ferdinand jedoch in höchstem Maße. Dieses Edikt sollte die Auseinandersetzungen um den Augsburger Frieden beilegen und schrieb Protestanten vor, sämtliche kirchliche Ländereien, die sie sich seit 1552 angeeignet hatten, zurückzugeben. Ob der Kaiser die alleinige Befugnis zur Auslegung der Verfassung innehatte, wurde sogar in den Reihen der Katholiken angezweifelt, sowohl die Spanier als auch Wallenstein mahnten zur Vorsicht. Derweil wurden kaiserliche Truppen entsandt, um Spanien im Kampf gegen die Holländer beizustehen, um kaiserliche Rechte in einem verworrenen Erbfolgekrieg im Herzogtum Mantua zu wahren und um Polen zu Hilfe zu kommen, das sich seit 1621 einer schwedischen Invasion erwehren musste.

Alarmiert von der Möglichkeit eines kaiserlich-polnischen Bündnisses akzeptierte der schwedische König Gustav II. Adolf eine französische Vermittlung, um einen nicht zu gewinnenden Krieg in Polen zu Ende zu bringen, und fiel im Juni 1630 in Deutschland ein. Damit setzte er den Krieg wieder in Gang. Obschon er später als Retter der Protestanten gefeiert wurde, war es Gustav Adolfs Absicht, Pommern zu erobern, um Schwedens Position als vorherrschende baltische Macht zu festigen. Sogar sein eigener Schwager, Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg, weigerte sich zunächst, sich ihm anzuschließen, bis der schwedische König schließlich vor den Toren Berlins aufzog und damit drohte, das Kurfürstliche Schloss zu beschießen. In der Hoffnung, dies würde Ferdinand zwingen, in Bezug auf das Edikt Kompromisse einzugehen, zog Sachsen widerwillig nach. Erst nach dem spektakulären schwedischen Sieg bei Breitenfeld im September 1631 konnte Gustav Adolf tiefer in das Reich eindringen. Nun schlossen sich Hessen-Kassel und mehrere kleinere protestantische Fürsten bereitwillig Schweden an, darauf hoffend, weitere kirchliche Ländereien an sich reißen und Rechnungen mit lokalen Rivalen begleichen zu können.

Schweden beutete nominell Verbündete wie Pommern ebenso rücksichtslos aus wie die Ländereien, die es den Anhängern des Kaisers entriss. Selbst mit französischen Hilfsgeldern konnte die Ostseemacht den Krieg nicht finanzieren und war bei der Versorgung von vier Fünftel seiner Truppen auf deutsche Fürsten und Adelige sowie auf Exilböhmen angewiesen. Eroberte kirchliche Ländereien wurden als Belohnung an Unterstützer der Schweden verteilt, womit sich Schweden mit einem ebenso dichten Geflecht von Verpflichtungen umgab wie jenes, das die Habsburger an Bayern band.

Während der Krieg vor 1631 immer nur in einer oder zwei Regionen gleichzeitig ausgefochten worden war, breitete er sich nun auf das gesamte Heilige Römische Reich aus, und die Gesamtzahl der Kriegsteilnehmer erhöhte sich von etwa 150.000 in den 1620er Jahren auf mehr als 250.000. Die Koordinierung gestaltete sich wesentlich schwieriger, da sowohl der Kaiser als auch die Schweden gezwungen waren, ihre Streitkräfte zu verteilen, um ihre fürstlichen Verbündeten zu unterstützen. So stellte beispielsweise in Westfalen der Kurfürst von Köln eine eigenständige Streitmacht mit Soldaten aus kleinen katholischen Fürstentümern zusammen, immer wieder unterstützt von kaiserlichen Militäreinheiten, um sich den Bestrebungen seitens Hessen-Kassel, den Braunschweiger Welfenherzögen sowie schwedischer Regimenter entgegenzustellen, die Paderborn, Osnabrück und andere Bistümer erobern wollten. Die Notwendigkeit, regionalen Interessen nachkommen zu müssen, ist einer der Hauptgründe dafür, warum sich der Krieg so sehr in die Länge zog.[16] Dieser Umstand machte es wesentlich schwieriger, Truppen für einen entscheidenden Schlag zusammenzuziehen, und er erschwerte es auch, Frieden zu schließen, da ein solcher so gut wie sicher bedeutet hätte, Verbündete dazu zu nötigen, einen Teil ihrer Kriegsbeute an die jeweils andere Seite zurückzugeben.

Auch Gustav Adolfs Tod in der Schlacht bei Lützen im November 1632 veränderte die Gesamtsituation kaum, denn der Kaiser konnte die Schweden nur dann aus dem Reich vertreiben, wenn es ihm gelang, deren deutsche Unterstützer zum Überlaufen zu bewegen.[17] Dank umfassender spanischer Militärhilfe schaffte es die kaiserliche Hauptarmee im September 1634, Schwedens süddeutsche Armee bei Nördlingen zu schlagen und so das strategische Patt zu durchbrechen. Der Sieg versetzte Ferdinand in die Lage, Zugeständnisse in Bezug auf das Edikt als Großmut, nicht als Schwäche darzustellen. Zugleich ermöglichte er es Sachsen, Brandenburg und anderen, diese Zugeständnisse gefahrlos anzunehmen und die Seiten zu wechseln.

Entsprechende Vereinbarungen wurden im Mai 1635 im Prager Frieden getroffen, der Ferdinands Interpretation des Krieges aufgriff: Demnach war alles, was vor 1629 geschehen war, ein Aufstand gewesen, der inzwischen beigelegt war; bei den Geschehnissen seit 1630 hingegen handele es sich um eine ausländische Invasion, weshalb alle deutschen Fürsten und Städte helfen müssten, die Schweden zu vertreiben.

Fußnoten

16.
Vgl. Peter H. Wilson, War Finance, Policy and Strategy in the Thirty Years War, in: Michael Rohrschneider/Anuschka Tischer (Hrsg.), Dynamik durch Gewalt? Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) als Faktor der Wandlungsprozesse des 17. Jahrhunderts, Münster 2018, S. 229–250.
17.
Vgl. Peter H. Wilson, Lützen, Oxford 2018.
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