Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Peter H. Wilson

Gründe und Verlauf einer europäischen Tragödie

Kriegsverlängernde Wendungen

Unglücklicherweise reichten Ferdinands Zugeständnisse nicht weit genug, vor allem, weil er die Pfalz nicht zurückgeben konnte, ohne Bayern zu verprellen, seinen nach wie vor wichtigsten militärischen Verbündeten. Erneut übernahm sich Ferdinand: Die Aufgabe, Schweden zum Rückzug aus dem Reich zu bewegen, delegierte er an Sachsen, zugleich verlegte er einen Teil der kaiserlichen Armee in die Spanischen Niederlande, um Spanien gegen Frankreich zu unterstützen. Die Chance auf einen Friedensschluss war damit vertan. Die schwedische Regierung beschloss, dass sie schon zu viel Blut und Mittel in den Krieg investiert hatte, um einen Frieden akzeptieren zu können. Die Sachsen wiederum erwiesen sich als unfähig, auf sich allein gestellt die verbliebenen schwedischen Truppen zu besiegen, sodass der Kaiser gezwungen war, seine Truppen zur Unterstützung zu verlagern.[18]

Der teilweise Zusammenbruch der schwedischen Truppen fiel zeitlich mit der Eskalation der französisch-spanischen Feindseligkeiten zu einem offenen Krieg im Mai 1635 zusammen. Bestrebt, Österreich von einer Unterstützung Spaniens abzuhalten, intensivierte Frankreich schrittweise sein Engagement im Reich. Zunächst unterstützte es Schwedens süddeutsches Rumpfheer unter Bernhard von Weimar 1635 finanziell, um seine Auflösung zu vermeiden. Ungeachtet dessen, dass es keine formale Kriegserklärung gegen den Kaiser gab, wurde diese Streitmacht nach Bernhards Tod 1639 in das französische Heer eingegliedert und um zusätzliche französische Truppen ergänzt. Derweil unterstützte Frankreich Schweden weiter finanziell, bevor 1642 ein dauerhaftes Bündnis geschmiedet wurde, bei dem beide Beteiligten darin übereinkamen, nicht ohne den jeweils anderen Frieden zu schließen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich zwischen Frankreich und Schweden eine wirksame strategische Partnerschaft.[19] Frankreich konzentrierte sich darauf, sich gewaltsam einen Weg über den Rhein zu bahnen und die bayerischen Kräfte zu binden, während sich Schweden der kaiserlichen Hauptarmee entgegenstellte. Hessen-Kassel wurde damit betraut, sich mit Köln und der kleineren westfälischen Armee auseinanderzusetzen, die sich in Nordwestdeutschland festgesetzt hatte. Derweil nahmen sich kleinere schwedische Verbände die anderen deutschen Verbündeten des Kaisers vor und setzten sie unter Druck, einseitige Neutralitätsvereinbarungen zu akzeptieren, nach denen sie, unter der Voraussetzung, das schwedische Heer weiterhin mit Lebensmitteln und Geld zu unterstützen, aus dem Krieg ausscheiden konnten. Brandenburg nahm diese Vereinbarung 1642 an. Eine schwere kaiserliche Niederlage bei Jankau 1645 zwang Sachsen dazu, nachzuziehen.

Bis zum Friedensschluss

Diese Rückschläge überzeugten Ferdinand III., der 1637 seinem Vater auf den Thron gefolgt war, davon, dass weitere Zugeständnisse unvermeidlich waren. Er stimmte Friedensgesprächen in den beiden westfälischen Städten Münster und Osnabrück zu, die zu diesem Zweck 1643 für neutral erklärt wurden. Militäroperationen konzentrierten sich nun zunehmend darauf, weitere kleine Siege zu erringen, um die Position der jeweiligen Diplomaten zu stärken, und anders als gemeinhin angenommen, geriet der Krieg zu keinem Zeitpunkt politisch außer Kontrolle. Auch endete er nicht aufgrund beiderseitiger Ermüdung. Frankreich und Spanien waren in der Lage, ihren eigenen, separaten Krieg noch weitere elf Jahre fortzusetzen, und das Reich war trotz aller Verwüstungen imstande, eine gewaltige Geldsumme aufzubringen, um bis 1651 sämtliche Heere zu entlohnen. Die schlichte Erklärung lautet, dass die wichtigsten Kriegsteilnehmer allesamt zu dem Schluss kamen, weitere Kampfhandlungen würden die Zugewinne gefährden, die sie bereits erzielt hatten, und es sei besser, sich mit dem Erreichten zu begnügen und den Zerstörungen ein Ende zu bereiten.

Die Habsburger hielten an der Vereinbarung fest, die sie in ihren eigenen Ländereien in den 1620er Jahren durchgesetzt hatten, und festigten ihre Herrschaft in engem Schulterschluss mit dem mittlerweile geschlossen katholischen Adel, der die von den besiegten Aufständischen beschlagnahmten Besitztümer behalten durfte. Bayern behielt die Hälfte der pfälzischen Ländereien und seinen neuen Status als Kurfürstentum. Als Belohnung für seine Unterstützung des Kaisers wurde Sachsen eine habsburgische Provinz zugeschlagen. Schweden sicherte sich die Fürstentümer, die es in Norddeutschland erobert hatte (und die es sich, dies sollte betont werden, überwiegend von anderen protestantischen Fürsten angeeignet hatte). Frankreich bekam die habsburgischen Ländereien im Elsass, was viel später Zankapfel für deutsche Nationalisten werden sollte, für Frankreich jedoch weit weniger von Bedeutung war als das Versprechen, dass sich Österreich nicht auf die Seite Spaniens schlagen würde.

Die wahren Verlierer waren die pfälzischen Wittelsbacher, die ihren Status und die Hälfte ihrer Ländereien einbüßten, sowie die Böhmen und andere Verbannte, die ihre Besitztümer verloren. Und natürlich die einfachen Menschen, die so lange gelitten hatten: Die Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich war um mindestens ein Fünftel geschrumpft, und erst im frühen 18. Jahrhundert wurde wieder das Vorkriegsniveau erreicht.

Der Westfälische Frieden gilt weithin als Beginn der modernen, auf souveränen Staaten basierenden internationalen Ordnung. Zwar war er zweifellos ein Schritt in diese Richtung, doch in dem eigentlichen Vertragswerk war davon kaum die Rede. Seine wichtigste Bedeutung besteht vor allem darin, wie nachfolgende Generationen ihn auslegten. Tatsächlich aber festigte der Frieden das Reich, da das Vertragswerk von 1648 Teil der Verfassungsordnung wurde, dezent das Gleichgewicht zwischen Kaiser und Fürsten regulierte und damit seinen Teil zum Fortbestand des Heiligen Römischen Reiches bis 1806 beitrug.[20]

Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.

Fußnoten

18.
Vgl. ders., Habsburg Imperial Strategy During the Thirty Years War, in: Enrique García Hernán/Davide Maffi (Hrsg.), Estudios sobre Guerra y Sociedad en la Monarquía Hispánica. Guerra maritima, estrategia, organización y cultura militar (1500–1700), Valencia 2017, S. 291–329; Jenny Öhman, Der Kampf um den Frieden. Schweden und der Kaiser im Dreißigjährigen Krieg, Wien 2005; Lothar Höbelt, Von Nördlingen bis Jankau. Kaiserliche Strategie und Kriegführung 1634–1645, Wien 2016.
19.
Vgl. Derek Croxton, Peacemaking in Early Modern Europe: Cardinal Mazarin and the Congress of Westphalia, 1643–1648, Selinsgrove 1999.
20.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Heinz Duchhardt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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