Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Herfried Münkler

Der Dreißigjährige Krieg: Ein Bürgerkrieg, der zugleich ein Hegemonialkrieg war

Geostrategische Imperative, konfessionelle Bindungen und machtpolitische Fragen

Wer den Dreißigjährigen Krieg als einen Religions- beziehungsweise Konfessionskrieg begreift, stellt die konfessionellen Solidaritäten als zwingende Vorgaben für die den Kriegsverlauf prägenden Bündnisse dar. Bei einer solchen Betrachtung ergibt sich freilich das Problem, dass nicht nur die beiden lutheranischen Mächte Skandinaviens, Dänemark und Schweden, in den 1640er Jahren gegeneinander Krieg führten, sondern der sächsische Kurfürst, immerhin das traditionelle Oberhaupt der protestantischen Partei im Reich, zwischen 1618 und 1631 eine prokaiserliche Politik betrieb. Auch Frankreich, für dessen Politik mit Richelieu ein Kardinal der römisch-katholischen Kirche verantwortlich zeichnete, griff notorisch gegen das Wiener Kaiserhaus ein, das die Sache der katholischen Gegenreformation vertrat. Das alles steht einer Deutung des Krieges als einem ausschließlichen Religionskrieg entgegen.

Im Dreißigjährigen Krieg spielten konfessionelle Bindungen ohne Zweifel eine wichtige Rolle, aber sie bildeten keineswegs die einzige Trennlinie und Bündnisvorgabe, die das Kriegsgeschehen prägte. Insofern ist die zusammenfassende Bezeichnung dieses Krieges als Religions- oder Konfessionskrieg allzu vereinfachend und damit letzten Endes falsch. Richtig ist vielmehr, dass dieser Krieg auch ein Religions- beziehungsweise Konfessionskrieg war, daneben aber außerdem ein Krieg um die Machtverteilung im Innern der Herrschaftsgebiete und obendrein ein Krieg um die Frage, wie die politische Ordnung Europas beschaffen sein sollte: als eine eher imperiale Ordnung, an deren Spitze das Haus Habsburg stand, dessen Angehörige in allen großen politischen Fragen den Ausschlag gaben, oder als ein Staatensystem, in dem alle als souverän anerkannten Staaten formell gleich waren, aus dem freilich einige Staaten herausragten, weil sie größer und mächtiger waren als die anderen, weswegen sich eine Reihe kleinerer Staaten unter ihren Schutz stellte.[5]

Tatsächlich war ein Ergebnis des Krieges die Formung einer Pentarchie, einer Vorherrschaft von fünf Staaten, die neben ihrem Territorium über Einflussgebiete verfügten, hinsichtlich deren Größe und Reichweite sie mitunter auch Krieg führten. In dieser Pentarchie spielte zunächst Frankreich eine zentrale Rolle, die aber schon bald von England komplementiert wurde. Frankreich nahm eher die Position eines Hegemons für sich in Anspruch, während England die Rolle eines "Züngleins an der Waage" spielte.[6] Der Unterschied zwischen Hegemon und Zünglein war geopolitisch begründet, das heißt, er hing an der Nutzung geografischer Gegebenheiten für machtpolitische Zwecke.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es in diesem Krieg keine konfessionellen Vorgaben für den Aufbau von Bündnissystemen gegeben hätte. Die Bündnisse, die von der Kurpfalz als Führungsmacht der Protestantischen Union bereits im Vorfeld des Krieges geschmiedet wurden, orientierten sich überwiegend an der konfessionellen Prägung der Partner, und ebenso war die Achse zwischen Wien und München, den Habsburgern und den bayerischen Wittelsbachern, konfessionell geprägt. Sieht man freilich genauer hin, so war es nicht die konfessionelle Zugehörigkeit im Allgemeinen, die für die politische Ausrichtung eines Herzogtums oder einer Stadt ausschlaggebend war, sondern die jeweilige Positionierung eines politischen Akteurs innerhalb des protestantischen oder katholischen Lagers. Bei den Protestanten etwa neigten die reformierten Mächte dazu, den Krieg gegen die katholische Seite für unvermeidlich zu halten und sich deswegen auf ihn nicht nur vorzubereiten, sondern obendrein auch nach einer günstigen Gelegenheit zu suchen, bei der man den Konflikt präventiv eskalieren konnte. Die Lutheraner hingegen vertraten in dieser Frage eine zurückhaltende Position oder standen auf Seiten des Kaisers, wie Sachsen und Hessen-Darmstadt. Auf katholischer Seite wiederum waren es vor allem die von den jesuitischen Vorstellungen der Gegenreformation beeinflussten Herrscher, die auf eine Eskalation des Konfliktes setzten, während andere eine eher moderate Politik betrieben.

Diese spezifische Positionierung ist schließlich auch der Grund dafür, dass eine noch so ausführliche Analyse der Reichsverfassung beziehungsweise deren Blockade infolge der konfessionellen Spaltung den zwangsläufigen Ausbruch des Krieges nicht zu erklären vermag. Das kann allein eine Herangehensweise, die auf die jeweiligen Wahrnehmungsmuster abhebt, nach deren Vorgabe die Lage von den Mächtigen beurteilt wurde und in deren Bann diese bei ihrem Agieren standen. Das heißt: Nicht die Blockade der Reichsinstitutionen selbst hat in den Krieg geführt, sondern das eskalierende Misstrauen der maßgeblichen Akteure in beiden konfessionellen Lagern, wodurch die auf Gewalt setzenden Akteure schließlich die Oberhand gewannen.

Und doch ging deren Vorstellung, auf dem Weg der Konflikteskalation das jeweilige Lager unter ihre politische Führung zu bringen, nicht ohne Weiteres auf: Die Kurfürstentümer Sachsen und Brandenburg hielten sich von der Protestantischen Union fern, und als der Krieg begonnen hatte, zeigte sich, dass die der Union beigetretenen Reichsstädte in einem offenen Krieg gegen den Kaiser derart verwundbar waren, dass sie sich ein ums andere Mal zu politischer Zurückhaltung gezwungen sahen. Unter Führung Herzog Maximilians von Bayern agierte die Katholische Liga um einiges geschlossener und wurde dadurch – im Gegensatz zur Union – zu einem relevanten Machtfaktor des Krieges. Aber Maximilian hatte auch eigene Interessen, die auf die Erhöhung seines Status’ im Reich und die Vergrößerung seines Territoriums hinausliefen, und die Verfolgung und Durchsetzung dieser Interessen lief immer wieder der konfessionellen Geschlossenheit der katholischen Seite zuwider. Vor allem wollten Maximilian und die in der Liga miteinander verbündeten geistlichen Kurfürsten verhindern, dass der Kaiser die Durchsetzung der Gegenreformation im Reich zur Ausweitung seiner eigenen Macht nutzte. Das wäre auf Kosten der Reichsstände gegangen, und deswegen opponierten diese verschiedentlich gegen den Kaiser. Auch für sie ging es neben konfessionellen stets auch um machtpolitische Fragen. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in ihren Intrigen gegen den kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein, die dazu führten, dass dieser 1630 auf dem Kurfürstentag von Regensburg entlassen und Anfang 1634 schließlich durch kaiserliche Offiziere in Eger ermordet wurde.

Für den Verlauf des Krieges waren indes auch geostrategische Imperative ausschlaggebend. Sie traten immer dann in den Vordergrund, wenn eine der beiden unter dem Banner des religiösen Bekenntnisses kämpfenden Parteien im Begriff stand, militärische Siege in politische Macht zu verwandeln, was die Einflusskonstellationen in Europa unumkehrbar verändert hätte. Jede sich abzeichnende Veränderung der Kräfteverhältnisse führte dazu, dass Mächte, die bis dahin noch nicht in den Krieg eingegriffen oder sich auf die indirekte Unterstützung einer Seite beschränkt hatten, offen als Kriegspartei hervortraten und intervenierten, um eine für sie nachteilige Verschiebung der europäischen Kräftekonstellationen zu verhindern. Das zeigte sich bei der spanischen Unterstützung für die Wiener Linie des Hauses Habsburg gleich zu Beginn des Krieges und setzte sich mit der dänischen Intervention in den Krieg 1625 fort. Bei Letzterer spielte neben dem Gegensatz zum Kaiser in Wien die indirekte Konkurrenz mit Schweden eine zentrale Rolle: Christian IV. von Dänemark wollte dem schwedischen König Gustav II. Adolf zuvorkommen, mit dem er seit Längerem um die Hegemonie im Ostseeraum konkurrierte; er ging davon aus, dass er durch das Eingreifen in den Krieg im Reich die südliche Ostseeküste unter seine Kontrolle bringen und so seine Position in der gesamten Region deutlich verbessern würde – ein Projekt, das, weil es in einem völligen Fehlschlag endete, im Ergebnis jedoch die Machtstellung Dänemarks erheblich beeinträchtigte.

Die dänische Niederlage und das Vordringen kaiserlicher Truppen bis nach Jütland hatten zur Folge, dass mit dem kaiserlichen Feldherr Wallenstein eine neue Macht im Ostseeraum auftrat, die von Schweden als bedrohliche Herausforderung angesehen wurde. Wallenstein, dessen Strategie ohnehin eher nach geopolitischen als konfessionellen Vorgaben angelegt war, verfolgte nämlich das Ziel, durch die Kontrolle der Handelswege in Nord- und Ostsee dem niederländischen Widerstand gegen Spanien die ökonomische Grundlage zu entziehen, die protestantischen Mächte des Nordens dadurch zu schwächen und so die europäischen Kräfteverhältnisse von Grund auf zu verändern. Das forderte die schwedische Gegenintervention heraus, die Wallenstein wiederum dadurch zu verhindern suchte, dass er ein Armeekorps nach Polen entsandte, um den dort geführten Krieg zwischen Polen und Schweden am Laufen zu halten.[7] In der Forschung ist eine lange Debatte über die Gründe für Gustav Adolfs Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg geführt worden; sicherlich hat dabei auch das Motiv der konfessionellen Solidarität eine Rolle gespielt, aber unübersehbar ging es doch auch um machtpolitische Fragen und die Absicherung der schwedischen Position im Ostseeraum, die der König durch Wallensteins Eingreifen dort gefährdet sah.[8]

Allerdings sind die Motive zur Intervention das Eine, die Fähigkeit dazu ist das Andere. Gustav Adolf wäre zu einer langfristigen Kriegführung in Deutschland kaum in der Lage gewesen, wenn er nicht regelmäßige französische Subsidien erhalten hätte, die ihm eine deutliche Vergrößerung seines Heeres über die auf Usedom angelandeten nationalschwedischen Regimenter hinaus erlaubten und ihn so erst in die Lage versetzten, seine Operationen nicht auf die Kontrolle eines schmalen Küstenstreifens beschränken zu müssen, sondern bis zur Donau und darüber hinaus vorstoßen zu können. Die durchschlagenden Erfolge der schwedischen Waffen wiederum veranlassten Spanien, sich in dem im Reich geführten Krieg erneut zu engagieren und größere Truppenverbände aus Norditalien nach Deutschland in Marsch zu setzen. Bei Nördlingen gelang es 1634 einem spanisch-kaiserlichen Heer – Gustav Adolf war im November 1632 bei Lützen gefallen, Wallenstein Anfang 1634 mit Billigung des Kaisers ermordet worden –, die schwedische Machtstellung in Süddeutschland zu brechen. Jetzt stand der Kriegsausgang wieder auf der Kippe, und um ein habsburgisches Übergewicht zu verhindern, griff nun Frankreich offen in den Krieg ein und positionierte sich als selbstständige Partei mit eigenen Interessen. Die französische Intervention war zunächst defensiv angelegt, nahm im weiteren Verlauf des Krieges aber mehr und mehr offensive Züge an.[9]

Fußnoten

5.
In der deutschen Forschung ist die Frage nach dem Charakter des Krieges und seinen leitenden Motiven in der Regel nicht als Überlappung, also inklusiv, sondern alternativ diskutiert worden: entweder Religions- oder Staatenkrieg. Durch die Vorgabe eines Entweder-oder hat man das Spezifikum des Krieges übersehen, nämlich sowohl ein Bürger- als auch ein Hegemonialkrieg gewesen zu sein.
6.
Zur Frage von Hegemonie, Staatensystem oder imperialer Ordnung vgl. nach wie vor Ludwig Dehio, Gleichgewicht oder Hegemonie. Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatengeschichte, Krefeld 1948.
7.
Zu der in der deutschen Literatur nur selten analysierten Strategie Wallensteins vgl. Münkler (Anm. 2), S. 342ff. und S. 406ff.
8.
Für eine ausführliche Abwägung der Gründe für den Kriegseintritt Schwedens vgl. ebd., S. 422ff.
9.
Vgl. ebd., S. 711ff.
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