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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Herfried Münkler

Der Dreißigjährige Krieg: Ein Bürgerkrieg, der zugleich ein Hegemonialkrieg war

Der Dreißigjährige Krieg und die Gegenwart

Mit dem Ende der Westfälischen Ordnung und ihres Systems der Kriegsregulation ist der Krieg nicht aus der Geschichte verschwunden. Es spricht manches dafür, dass das 21. Jahrhundert durch Kriege vom Typus "Dreißigjähriger Krieg" gekennzeichnet sein wird. Das heißt nicht, dass alle Kriege der nächsten Jahrzehnte dem Dreißigjährigen Krieg ähnlich sein werden; einige indes schon, und es werden vermutlich diese Kriege sein, die dem globalen Gewaltgeschehen ihren Stempel aufdrücken. Was also kennzeichnet Kriege vom Typus "Dreißigjähriger Krieg" im Unterschied zu den Kriegen der Westfälischen Ordnung, wie wir sie von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein haben beobachten können?

Zunächst ist es die lange Dauer dieser Kriege, ihr zwischenzeitliches Versiegen und dann erneutes Aufflackern, das einige Weltregionen in Räume struktureller Friedlosigkeit verwandelt hat. Der Nahe Osten ist gegenwärtig auf dem Weg dahin, während im Gebiet der Großen Seen im subsaharischen Afrika, im Ostkongo zumal, dieser Zustand seit einigen Jahrzehnten bereits erreicht ist. Mit dem Wiederauftauchen von Söldnern und Kriegsunternehmern wird es in wachsendem Ausmaß zu einer Kommerzialisierung der Gewalt kommen, was heißt, dass nennenswerte Gruppen von Kämpfern buchstäblich vom Krieg leben, also wie im Dreißigjährigen Krieg aus der Gewaltanwendung ihren Lebensunterhalt beziehen. Sie haben deswegen kein Interesse an einer Kriegsbeendigung.

Weiterhin sind solche Kriege dadurch gekennzeichnet, dass sich dem materiellen Kalkül unbedingte Wahrheits- und Wertansprüche zugesellen, insbesondere solche religiös-konfessioneller Art. Diese sorgen dafür, dass über lange Zeit keine Kompromisse zwischen den Konfliktparteien gefunden werden. Das ist neben der offenen Kriegsökonomie, wie wir sie zurzeit vor allem in Syrien beobachten können, eine weitere Ursache dafür, dass diese Kriege so lange dauern und eilends ausgehandelte Waffenstillstände nach kurzer Zeit scheitern. Vor allem das verhängnisvolle Zusammentreffen von Kriegskommerzialisierung und unbedingtem, weil religiös begründetem Wahrheitsanspruch können am Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa sehr gut studiert werden.

Solche Kriege lassen sich nur durch sorgfältige und langwierige Verhandlungen beenden, in denen nicht bloß Ausgleiche zwischen den Kriegsparteien gefunden werden, sondern auch, wie im Westfälischen Frieden, eine neue politische Ordnung geschaffen wird, die in der Lage ist, die Wahrheits- und Wertansprüche zuverlässig zu neutralisieren sowie Krieg und Frieden klar voneinander zu trennen. Genau das war die große Leistung der Westfälischen Ordnung: die politische Neutralisierung der konfessionellen Streitfragen, deren Separierung von den Fragen der Machtverteilung im Innern der Staaten und sodann die Auflösung des großen Problems der politischen Ordnung Europas, bei der ein System gleichberechtigter Staaten an die Stelle der imperialen Vormacht des Hauses Habsburg getreten ist. Eine solche neue politische Ordnung ist das Ergebnis eines langwierigen Verhandlungsprozesses mit vielen Rückschlägen und gleichzeitig zähen Verhandlungsführern und politischen Architekten, die sich durch einen längeren Stillstand der Gespräche nicht entmutigen lassen.

Die Schnelllebigkeit unserer Gegenwart ist im Vergleich mit dem 17. Jahrhundert freilich nicht geeignet, den Friedensmachern die ihnen aufgetragene Aufgabe zu erleichtern. Es könnte durchaus sein, dass sie dieses Mal scheitern. Die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens dürfte sich mit dem Maß eines Lernens aus dem Dreißigjährigen Krieg, seinen Anfängen, seinem Verlauf sowie seiner Beendigung, deutlich erhöhen. Deswegen ist die Auseinandersetzung mit dem Dreißigjährigen Krieg inzwischen politisch sehr viel instruktiver als die mit den Kriegen der Westfälischen Ordnung, mit denen sich nicht nur die Historiker, sondern auch das Gros der Friedens- und Konfliktforscher zuletzt überwiegend beschäftigt haben.

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