Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Heinz Duchhardt

Ein doppeltes "Westphalian System"?
Der Westfälische Friede, das Reich und Europa

Neuordnungen im Reich

Viel größer – und berechtigter – war die Hochschätzung des Westfälischen Friedens mit Blick auf die Reichsgeschichte. Schon unmittelbar nach seinem Abschluss setzte eine breite Literaturproduktion ein, die ihn insgesamt würdigte, einzelne seiner Bestimmungen auf ihre Belastbarkeit hin überprüfte oder seine Defizite benannte. Die geradezu unermessliche Literatur setzte sich während des gesamten Ancien Régime fort, bis hin etwa zum "Geist des Westphälischen Friedens" (1795) des berühmten Göttinger Staatsrechtslehrers Johann Stephan Pütter in der beginnenden Revolutionszeit.

Umso radikaler war der Schnitt, der nach dem Ende des Alten Reiches folgte, als einige Autoren den Westfälischen Frieden nunmehr als Wegmarke deuteten, die die "Außensteuerung" Deutschlands durch die beiden Garantiemächte, insbesondere Frankreichs, eingeleitet habe. Der Friedensschluss habe Deutschland verhängnisvoll zersplittert und somit der Ausbildung des Landes zu einem kräftigen Nationalstaat im Wege gestanden. Das Buch des Berliner Professors Friedrich Rühs "Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs und der Franzosen auf Deutschland und die Deutschen" (1815) steht stellvertretend für diesen mit frankophoben Affekten unterlegten Trend, den Westfälischen Frieden auf die Anklagebank der Geschichte zu setzen und für alle vermeintlichen Defizite, die aus der Kleinstaaterei und dem mangelnden "nationalen" Bewusstsein der deutschen Fürsten erwachsen seien, verantwortlich zu machen.

Dieses Bild des Westfälischen Friedens als einer "schwarzen Stunde" Deutschlands, die fremdem Einfluss Tür und Tor geöffnet und eine "gesunde" Entwicklung zu einem starken Staatskörper verhindert habe, sollte unter anderem über Historiker wie Heinrich von Treitschke und Karl Lamprecht sowie über die nationalsozialistische Propaganda bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägend bleiben. Erst mit der großen Studie von Fritz Dickmann (1959) und dem säkularen Editionsunternehmen der "Acta Pacis Westphalicae" sollte dann seit den frühen 1960er Jahren ein allmählicher Paradigmenwechsel hin zu einer Würdigung der positiven Aspekte einsetzen,[1] die von den beiden Instrumenta pacis ausgegangen waren – es war nicht zufällig die Phase unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, die der historischen Friedensforschung ganz allgemein neuen Auftrieb gab.

Der 30 Jahre währende Krieg hatte das Heilige Römische Reich in einen Zustand totaler Erschöpfung gestürzt. Auch wenn nicht alle früheren Schätzungen der Bevölkerungsverluste belastbar sind: Es war keine Frage, dass der Krieg, der aus einem ganzen Bündel von Konflikten – konfessioneller, reichsverfassungsrechtlicher, ständischer und persönlicher Art – erwachsen war, die Mitte Deutschlands in einen desaströsen Zustand gestürzt hatte. Epidemien hatten dazu beigetragen, die Auswirkungen der Kriegshandlungen noch zu potenzieren. Auch wenn manche Regionen von dem Krieg durchaus profitiert haben mögen: Eine gründliche Revision des gesamten öffentlichen Lebens tat Not, wollte das Reich nicht auf Dauer auf den Status eines "Entwicklungslandes" und eines Spielballs der Nachbarn zurücksinken.

Zwei kardinale Punkte schälen sich heraus, in denen man in mühsamen Verhandlungen über den Vorkriegsstand deutlich hinauskam: Der erste war, dass man in der Konfessionsfrage eine Lösung erreichte, die zukunftsfähig, zugleich aber alternativlos war. Die Religionsparteien wurden, nun mit Einschluss der im 16. Jahrhundert noch ausgeschlossenen Reformierten, als gleichberechtigt anerkannt und damit zugleich unter den Schutz der Verfassung gestellt. Das bedeutete in der Praxis, dass das Prinzip des cuius regio eius religio ("wessen das Land, dessen die Religion": Die Konfession der Untertanen richtete sich nach der des Landesherrn) in Kraft blieb, also das sogenannte ius reformandi der Fürsten, dass zugleich aber allfällige Konfessionswechsel eines weltlichen Fürsten keine Auswirkungen mehr auf den Glaubensstand der Untertanen haben sollten. Für nichtkonforme, also mit der Konfession des Fürsten nicht übereinstimmende Einzelpersonen und Gruppen wurde die Möglichkeit eines Abzugs, also der Auswanderung in ein konfessionskonformes Territorium geschaffen. Konfessionellen Minderheiten, die an einem Stichdatum unbehelligt gelebt hatten, sollte dieser Status erhalten bleiben. Damit waren konfessionsbedingte Streitigkeiten zwar nicht aus der Welt, aber für diesen Fall wurde eine Lösung geschaffen, die vor Ausbruch des Krieges dringend notwendig gewesen wäre: ein Mechanismus, um das Überstimmtwerden einer Seite zu verhindern.

Das leitet über zum zweiten Punkt, dem Reichsverfassungsrecht. Um die Interessen der beiden konfessionellen Lager adäquat vertreten zu können, wurden zwei vertikale Organisationsformen vorgesehen, das unter Leitung Kursachsens stehende Corpus Evangelicorum und das weit weniger aktive, faktisch von Kurmainz geleitete Corpus Catholicorum. Sie versammelten die jeweiligen Reichstagsmitglieder aller drei Kurien – Kurfürsten, Fürsten und Städte – und verbündeten sich gegebenenfalls auch mit auswärtigen Kronen, um ihren Positionen Nachdruck zu verleihen, so etwa in dem großen Konfessionskonflikt um 1720. Wenn eines der beiden Corpora eine Streitsache zu einer Konfessionsangelegenheit erklärte und eine sogenannte itio in partes ("Auseinandertreten der Parteien") proklamierte, konnte es nicht mehr überstimmt werden, sondern eine gütliche Einigung hatte Platz zu greifen. Für den Fall, dass eine solche amicabilis compositio ("freundschaftliche Einigung") nicht erfolgreich war, behielten sich die beiden Garantiemächte vor, in einem abgestuften Verfahren einzugreifen – eine Art Damoklesschwert, das aber so gut wie nie zum Einsatz kam. Diese Regelung griff im Übrigen auch in allen "weltlichen" Streitigkeiten.

Es war nicht so, dass Religionskonflikte sich damit aus der Reichsgeschichte verabschiedeten. Die Zugehörigkeit von Kirchengütern, die es gemäß des grundsätzlichen Restitutionsgebotes wiederherzustellen galt, war in drei Jahrzehnten Krieg längst in Vergessenheit geraten und beschäftigte die territorialen und Reichsgerichte noch auf Jahre hinaus. Aber es zog nach den traumatischen Erfahrungen des Krieges doch ein neuer Geist ein, die Konfessionsproblematik zu versachlichen; dass am Hof eines geistlichen Kurfürsten in den 1650er Jahren gar Überlegungen über eine Wiedervereinigung der Konfessionen angestellt wurden, war symptomatisch. Über das Versachlichen hinaus wurde der Friede, insbesondere der Religionsfriede, nun verrechtlicht und als Rechtsfigur in das Reichssystem eingebunden.

Nicht minder wichtig war, dass die Konturen der Reichsverfassung neu geschnitten wurden – mochten auch die wirklich revolutionären Einschnitte wie das Abgehen von der in der Goldenen Bulle (1356) festgelegten Siebenzahl der Kurfürsten die Ausnahme bleiben. Schon die Tatsache, dass die in den westfälischen Bischofsstädten vertretenen Fürsten und Städte gleichberechtigt an den Verhandlungen beteiligt wurden und stellvertretend durch eine Reihe ihrer Gesandten auch die Dokumente vom 24. Oktober unterschrieben, lässt ahnen, dass die Fürsten ihre Position gegenüber dem Kaiser, von dessen absolutistischen Tendenzen nun keine Rede mehr war, deutlich ausgebaut hatten.

Zwar blieb – wegen der Beibehaltung der 1623 eingerichteten bayerischen Kurwürde (unter gleichzeitiger Wiedereinsetzung des pfälzischen Kurfürsten in seine alten Rechte) – im Kurfürstenkolleg eine klare katholische Mehrheit erhalten, sodass die Chance, dass einmal ein protestantischer Fürst zum Kaiser gewählt würde, denkbar gering war; bis zu einer wirklichen Religionsparität im Reich war der Weg noch weit. Und auch das verfassungsrechtliche Unikum, dass in Osnabrück ein konfessionelles Alternat bei der Besetzung des Bischofsstuhls eingeführt wurde, konnte nicht aufwiegen, dass der Kammerrichter immer ein Katholik blieb und die Habsburger nicht daran dachten, den Reichshofrat zu "paritätisieren".

Aber mit der fortbestehenden Prävalenz des Katholizismus konnten sogar die protestantischen Fürsten inzwischen leben, weil sie den Kaiser in vielen Fragen an ihr Votum banden: von der Kriegserklärung bis zum Friedensschluss, von der Gesetzesauslegung bis zum Verbot der Veränderung der Zusammensetzung des Reichstages nach eigenem Gutdünken. Der Reichstag, in den vergangenen Jahrzehnten kaum noch einberufen, erlebte nun seine Wiederauferstehung: Der Kaiser wurde in einem Maß von den dort versammelten Reichsständen abhängig gemacht (und das Reich damit zugleich auf den Status eines "defensiven Verbands" ohne außenpolitisches Potenzial zurückgeführt), das im Moment des Restitutionsediktes 1629 oder des Prager Friedens 1635 überhaupt nicht absehbar gewesen war. Der kaiserlich-ständische Dualismus hatte eine neue Stufe erreicht.

Und es "drohte" noch mehr: das gänzliche Verbot von Römischen Königswahlen zu Lebzeiten des regierenden Kaisers und die Erarbeitung einer "immerwährenden" Wahlkapitulation, also einer vertraglichen Machtbeschränkung des Kaisers, durch die Gesamtheit der Stände, nicht mehr durch das kleine und vom Kaiser leicht beeinflussbare Gremium der Kurfürsten. Das Prestige des habsburgischen Reichsoberhauptes hatte auch dadurch massiv gelitten, dass der schwedischen Krone für Vorpommern die Reichsstandschaft verliehen und im Elsass der französischen Krone Besitz und Rechtstitel eingeräumt werden mussten, die erhebliche politische Optionen zum Nachteil des Reiches eröffneten. Der Kaiser, der den Frieden in der vorliegenden Form nicht gewollt hatte und deswegen als politisch deutlich angeschlagen gelten musste, wurde zu einer Art Beamter des Reiches, und das auf Dauer – unbeschadet der Tatsache, dass schon unter Leopold I., dann vor allem aber unter Joseph I. eine Gegenbewegung einsetzte, als die Habsburger alte Rechte zu reaktivieren begannen (etwa in Reichsitalien) oder ihr Auftreten gegenüber unbotmäßigen Fürsten veränderten. Der handstreichartige Erlass einer Reichshofratsordnung – ohne Mitwirkung der Stände und unter souveräner Negierung ihrer Forderung nach Parität an diesem Zentralgericht – ließ schon in den frühen 1650er Jahren ahnen, dass die Habsburger Mittel und Wege suchen würden, um ihre Macht zu restabilisieren. Und gerade das schloss auch nicht aus, dass der Kaiserhof für den kleinen und mittleren reichischen Adel seine Attraktivität behielt – als Ort, an dem man über Ämter Prestige akkumulieren oder auch Dienststellungen erreichen konnte, die über das symbolische Kapital hinaus auch lukrativ waren. Aber mit der Rolle von Versailles im Staat Ludwigs XIV. war das dann doch nicht zu vergleichen.

Verhängnisvoller war – zumindest aus der Sicht von Historikern wie Friedrich Rühs und Heinrich von Treitschke –, dass die Fürsten das sogenannte Bündnisrecht zugesprochen erhielten, das Recht also, nicht nur mit den reichischen Nachbarn, sondern auch mit auswärtigen Staaten Bündnisse abzuschließen. Diese Bestimmung, die besonders nachdrücklich von Kardinal Richelieu betrieben wurde und letztlich "nur" Konsequenzen aus der politischen Praxis der zurückliegenden Jahrzehnte zog, war zwar an den Vorbehalt gekoppelt, dass sich solche Bündnisse nicht gegen Kaiser und Reich richten dürften, aber eine solche Klausel würden die Räte und Minister wohl allemal in Bündnisverträgen hinbekommen. Die Fürsten – und längst nicht nur die potenten, die in der Lage waren, ein stehendes Heer zu unterhalten – haben in der Folgezeit dann auch regen Gebrauch von diesem Mittel gemacht, angefangen beim Rheinbund von 1658 mit der Krone Frankreich, und nicht selten mit einer kaum verklausulierten Stoßrichtung gegen die Wiener Hofburg in dem Sinn, ihrer Selbstständigkeit Grenzen zu setzen. Schon die Erklärung eines Reichskrieges war unter diesen Voraussetzungen eine wahre Herkulesarbeit, und nicht selten haben sich Stände dann auch ausdrücklich gegen einen solchen Beschluss gestellt.

Das Bündnisrecht machte aus der Vielzahl der Reichsglieder zwar – die nächsten Friedenskongresse sollten das unter Beweis stellen – keine Völkerrechtssubjekte, aber der Appetit war geweckt. Dass eine ganze Reihe deutscher Fürsten in den kommenden Jahrzehnten Rangerhöhungen bis hin zu Königskronen ins Auge fassten, um mit den fremden Staaten endgültig gleichzuziehen, war kein Zufall. Zwischen dem Bündnisrecht von 1648, dem gezielten Aufbau eines stehenden Heeres und der Selbstkrönung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. zum preußischen König Friedrich I. im Januar 1701 in Königsberg besteht ein logischer Zusammenhang. Die Selbstständigkeit der Reichsstände bis hin zu einem partiellen Rückzug aus dem Reich war, wenn man den gesamten Prozess aus einer Perspektive des Nationalstaates betrachtet, ein hoher Preis – aber das war nicht die der Zeit angemessene Perspektive.

Den breitesten Raum in den beiden Instrumenta nehmen die territorialen Verschiebungen ein: Reichsterritorien, die in andere Hände übergingen wie etwa das Herzogtum Vorpommern mit dem Fürstentum Rügen und Wismar sowie der in ein weltliches Herzogtum umgewandelten Stifte Bremen-Hamburg und Verden, die an Schweden fielen, oder die bisherigen Hochstifte Halberstadt und Minden, die an Kurbrandenburg übergingen, oder Hessen-Kassel, dem als "Satisfaktion" die Reichsabtei Hersfeld und vier schaumburgische Ämter überantwortet wurden. Sie alle hier aufzuführen, verbietet der zur Verfügung stehende Raum. Auf jeden Fall aber griffen diese Veränderungen tief in die Mentalitäten ein: Die dynastischen Loyalitäten veränderten sich, damit in sehr vielen Fällen auch die konfessionellen und die kulturellen insgesamt, neue Grenzziehungen konnten Lebensräume zerstören, man musste sich mit einem neuen Beamtenapparat und -typus anfreunden, die Steuern konnten sich erhöhen, ein neues militärisches Aushebungsverfahren konnte Platz greifen. Es war also nicht nur der Übergang von der einen "Obrigkeit" in eine andere, sondern ein tiefer Einschnitt im Leben jedes Betroffenen.

Fußnoten

1.
Die seit 1962 in ca. 50 Bänden erschienenen und von Max Braubach und/bzw. Konrad Repgen herausgegebenen Acta Pacis Westphalicae sind das maßgebliche Quellenwerk zum Westfälischen Frieden. Am Beginn der modernen Beschäftigung mit dem Westfälischen Frieden steht die große Darstellung von Fritz Dickmann, Der Westfälische Frieden, Münster 1959, seitdem viele Neuauflagen. Wichtig ist die dreibändige Dokumentation der Europaratsausstellung 1998 in Münster und Osnabrück ("1648: Krieg und Frieden in Europa", hrsg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling) und die Dokumentation der seinerzeitigen Jubiläumskonferenz ("Der Westfälische Friede: Diplomatie, politische Zäsur, Rezeptionsgeschichte", hrsg. von Heinz Duchhardt, München 1998). Zur Jubiläumsliteratur des Jahres 1998 vgl. den Forschungsbericht von Johannes Arndt in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 1/2000, S. 133–158. Die neueste (kurze) Analyse mit Aufarbeitung des Forschungsstandes stammt von Siegrid Westphal, Der Westfälische Frieden, München 2015.
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