Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Heinz Duchhardt

Ein doppeltes "Westphalian System"?
Der Westfälische Friede, das Reich und Europa

Einordnung

Der Westfälische Friede war sicher das mit Abstand schlagzeilenträchtigste Ereignis des Jahres 1648 – aber er war nicht alles. Von der Fronde wurde schon gesprochen, aber auch in anderen Regionen Alteuropas kam es zu sozialen Aufständen, so insbesondere im Königreich Neapel-Sizilien und in der Ukraine. Monarchen starben (so in Dänemark und in Polen) beziehungsweise wurden verhaftet und sahen ihrem Prozess entgegen (England) oder wurden nach einer Palastrevolution ermordet (Osmanisches Reich): Unruhefaktoren allemal.[2]

Es war ein Jahr tief greifender Veränderung fast überall in Europa. Aber es war am Ende doch jenes Ereignis, das dem Jahr seinen Stempel aufdrückte, in dem sich die Veränderung der Staatenlandschaft manifestierte und in dem das Heilige Römische Reich jene Verfassungsordnung erhielt, die es im Prinzip bis zu seinem Ende prägen sollte: der Neubestimmung der Beziehungen zwischen Reichsoberhaupt und Ständen, der Justiziabilität von Konflikten, des Abschieds vom Religiös-Konfessionellen als innenpolitischer Matrix. Der Westfälische Friede wurde – abgestützt durch seine wortwörtliche Aufnahme in den "Abschied" des nächsten Reichstages – zu dem Grundgesetz des Reiches schlechthin, zum eigentlichen und wahren Westphalian system. Auch wenn der Westfälische Friede staatenpolitisch den Frieden nur kurze Zeit garantierte und deswegen und aus anderen Gründen seine Qualifizierung als Ausgangspunkt eines internationalen Westphalian system abwegig ist, und obwohl manche Lücken in der Reichsverfassungsordnung nie beseitigt wurden: 1648 markierte einen tiefen Einschnitt in der Reichspolitik und war auch für die internationale Politik zumindest eine Wegmarke.[3]

Fußnoten

2.
Zur Multiperspektivität des Jahres 1648 vgl. Heinz Duchhardt, 1648 – das Jahr der Schlagzeilen, Köln–Wien–Weimar 2015.
3.
Zur Diskussion über das Westphalian system vgl. ders., Westphalian System. Zur Problematik einer Denkfigur, in: Historische Zeitschrift 269/1999, S. 304–316; ders., Das "Westfälische System": Realität und Mythos, in: Hillard von Thiessen/Christian Windler (Hrsg.), Akteure der Außenbeziehungen, Köln u.a. 2010, S. 389–401.
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