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5.11.2003 | Von:
Karl-Heinz Kamp

Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Sicherheitspartnerschaft

Die deutsch-amerikanische Freundschaft hat in den letzten zwölf Monaten eine tiefe Krise durchlaufen. Die Beziehungen müssen an die neuen Realitäten angepasst werden.

Einleitung

Glaubt man der Mehrzahl der politischen Analysen und Kommentaren zum Stand der transatlantischen Beziehungen, so wird das Jahr 2003 als das "Annus horribilis" in die Geschichte der deutsch-amerikanischen Sicherheitspartnerschaft eingehen. Was mit rhetorischen Fehltritten deutscher Regierungspolitiker im Bundestagswahlkampf 2002 begann (und von Mitgliedern der Bush-Administration mit ebenfalls fragwürdigen Äußerungen gekontert wurde), schaukelte sich rasch zu einer massiven transatlantischen Verstimmung hoch. Der Streit um den Irak-Krieg verwandelte die Verstimmung in eine der schwersten Krisen in den Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Jahrzehnte der engen und freundschaftlichen Zusammenarbeit standen zur Disposition. Kaum mehr vorstellbar schien es, dass noch vor einem runden Jahrzehnt ein amerikanischer Präsident Deutschland die "Partnerschaft in der Führerschaft" (Partnership in Leadership) angeboten hatte. Gleichzeitig schien die von Bundeskanzler Gerhard Schröder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zugesicherte "bedingungslose Solidarität" auf einmal sehr wohl Bedingungen zu unterliegen. Selbst der völlige Bruch zwischen Europa und Amerika beziehungsweise zwischen Deutschland und den USA schien nicht mehr ausgeschlossen. Diejenigen, die es schon immer gewusst haben, sahen eine solche endgültige Spaltung bereits als gegeben an und breiteten entsprechende Szenarien in den Medien aus. Dass die Mehrheit dieser Untergangspropheten mit ihren Vorhersagen schon in der Vergangenheit meist deutlich neben den realen Entwicklungen lagen, tat der Popularität ihrer Thesen nur wenig Abbruch.[1]




Auch diesmal ist sowohl die transatlantische wie auch die deutsch-amerikanische Scheidung ausgeblieben. Mit dem Zusammentreffen von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident George W. Bush am Rande der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 24. September 2003 in New York ist die Eiszeit zwischen beiden Ländern offiziell für beendet erklärt worden. Die beiderseitige Erkenntnis, dass es zur deutsch-amerikanischen Partnerschaft keine ernsthafte Alternative gibt, hat sie schließlich zu diesem pragmatischen Schritt bewogen. Allerdings wird diese Krise noch sehr lange nachwirken, und es sind erhebliche Anstrengungen notwendig, um die angestauten Spannungen und Verbitterungen abzubauen.

Wie war es überhaupt möglich, dass gerade die deutsch-amerikanische Freundschaft als eine der engsten Sicherheitsbeziehungen in der internationalen Politik so rasch an den Rand des Abgrundes manövriert werden konnte? Welche Konsequenzen ergeben sich für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik? Was muss geschehen, um diese Sicherheitspartnerschaft den weltpolitischen Veränderungen der letzten beiden Jahre anzupassen und das Vertrauen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten wieder herzustellen?


Fußnoten

1.
Vgl. Charles A. Kupchan, Trennung im Einvernehmen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13. 4. 2003. Die Entkräftung der Position von Kupchan findet sich in James Appathurei/Michael Rühle, Die Scheidung fällt aus, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 4. 5. 2003.