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5.11.2003 | Von:
Alexandra Homolar-Riechmann

Pax Americana und gewaltsame Demokratisierung

Zu den politischen Vorstellungen neokonservativer Think Tanks

Die Wurzeln des Neokonservatismus

Die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren nicht nur in den USA eine Zeit des Wandels: Traditionelle Vorstellungen über Gesellschaft und Moral wurden erschüttert von umfassenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen, fest verankerte Normen wurden in Frage gestellt und liberalisiert. Dabei bestimmten nicht nur Demokratisierungs- und Emanzipationsbestrebungen vor allem der Studenten- und der Frauenbewegung das Bild der Vereinigten Staaten in dieser Zeit, sondern auch der mitunter gewaltsam geführte Kampf gegen die Rassentrennung.

Als Antwort auf diese turbulente Zeit entwickelten sich die beiden Hauptrichtungen des amerikanischen Neokonservatismus: Zum einen formierte sich aus vielen verschiedenen konservativen Gruppen und Teilen der Alten Rechten eine Neue Rechte; zum anderen trat die erste ernst zu nehmende intelligente Bewegung der amerikanischen Rechten überhaupt in Erscheinung - die intellektuellen Neokonservativen. Diese bilden seit Beginn der siebziger Jahre eine äußerst heterogene Intellektuellengruppe, der inzwischen viele der bekanntesten und meistzitierten Mitglieder der intellektuellen Elite der Vereinigten Staaten zugerechnet werden, wie Irving Kristol, Donald Kagan, Francis Fukuyama und Charles Krauthammer, aber auch Robert Kagan, Samuel P. Huntington und Jeane Kirkpatrick.[19] Liest oder hört man heutzutage von Neokonservativen in den USA, so sind im Grunde nur Letztere gemeint.

Rechtswende politischer Linker

Die Begründer der so genannten neokonservativen Bewegung, einst soziale Denker und treibende Kräfte des demokratischen Liberalismus, wurden - wie Daniel Bell, Norman Podhoretz, Irving Kristol oder Nathan Glazer - meist um 1920 in liberale jüdische und katholische Traditionen hineingeboren und wuchsen während der zwanziger und dreißiger Jahre in beengten Verhältnissen in New York City auf. Mit den revolutionären Ideen von Sozialismus und Kommunismus waren sie bereits angesichts der am eigenen Leib erfahrenen Großen Depression vertraut, als sie gegen Ende der dreißiger Jahre das auf Grund seiner linksliberalen Ausrichtung als '"Harvard des Proletariats'" bezeichnete City College of New York besuchten. Im Kreis der New York Intellectuals blieben sie auch in den Debatten der kommenden Jahre tief im linksgerichteten, trotzkistischen und sozialistischen Gedankengut verwurzelt.[20]

Die Erfahrung totalitärer Systeme und das Versagen des Sozialismus veränderten jedoch ihre extremen linksgerichteten Überzeugungen. Überdies hatte die Enttäuschung über den Terror Stalins - besonders auf Grund ihrer Wurzeln im Trotzkismus - starke antisowjetische Tendenzen zur Konsequenz. Hatten sie ihre politische Laufbahn als revolutionäre, sozialistische oder gar radikale Liberale begonnen, identifizierten sie sich nun mit dem linksliberalen Flügel der Demokratischen Partei, arbeiteten an der New Deal-Politik Franklin D. Roosevelts mit und traten dabei vehement für eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg ein.

Die tief greifenden sozialen, ökonomischen sowie innen- und außenpolitischen Veränderungsprozesse der sechziger und siebziger Jahre, insbesondere die Annäherung an die verhasste Sowjetunion (der Kalte Krieg hatte die Kritik der späteren Neokonservativen an der UdSSR noch verstärkt, sie richteten ihren autoritären Antikommunismus nun in erster Linie auf die Außenpolitik), die Protestbewegungen, die Anti-Vietnam-Bewegung und die Frustration über Grenzen und Fehler einerseits und über die Umsetzung der Great Society-Politik Präsident Johnsons andererseits führten zu einer Abkehr dieser ehemals Linksliberalen vom eigenen politischen Liberalismus und lösten so ihre konservative Neuorientierung aus. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Rechtswende leisteten überdies sowohl die Wahrnehmung einer nur auf den eigenen Vorteil bedachten 'neuen Klasse' innerhalb der Johnson-Administration als auch die von den Neokonservativen abgelehnte spannungsgeladene Haltung vor allem der Neuen Linken gegenüber dem amerikanischen Vaterland, die in Reaktion auf den Vietnamkrieg entstanden war: Neokonservative kritisierten Linksliberale und Linke als "antiamerikanisch"[21]. Nach und nach führten Kritik und Neuorientierung, vor allem aber der Linksruck der Demokraten in Verteidigungsfragen zum Bruch der Neokonservativen mit dieser Partei. In den achtziger Jahren bereits bekleideten viele von ihnen Positionen in der Reagan-Administration, unterstützten Interventionismus und Militarisierung.

Zusammengefasst wurzelt der amerikanische Neokonservatismus in der Überzeugung einer sehr kleinen und heterogenen Gruppe ehemals linksliberaler, gar sozialistischer Intellektueller, Kräften eben solcher politischer Orientierung engagiert entgegenwirken zu müssen. Denn diese unterziehen die demokratische Kultur der USA einer rigorosen Kritik und fordern dabei radikale Veränderungen. Irving Kristol, der godfather of neoconservatism, bezeichnet die Neokonservativen daher als "liberals mugged by reality"[22].

Philosophischer Gedankenvater: Leo Strauss

Leo Strauss (1899 - 1973) floh als deutscher Jude inden dreißiger Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung, die Vereinigten Staaten erreichte er im Jahre 1938. In der Geschichte der politischen Philosophie geschult, wurde er einer der bekanntesten konservativen immigrierten Geisteswissenschaftler. Er lehrte lange Jahre an der University of Chicago, viele der heute als neokonservativ bezeichneten Wissenschaftler und Politiker zählten zu seinen Studenten und (gewissermaßen in zweiter Generation) wiederum zu deren Studenten: beispielsweise William Bennett, Allan Bloom, Abraham Shulsky, William Kristol (Sohn von Irving Kristol und Gertrude Himmelfarb), John Podhoretz (Sohn von Norman Podhoretz und Midge Decter) und auch Paul D. Wolfowitz. Strauss' Philosophie beeinflusst Neokonservative bis heute, denn im Kampf gegen die Krise der Moderne war es sein Beitrag, die Legitimität der klassischen Philosophie wiederherzustellen zu versuchen.[23]

Bekannt wurde Strauss vor allem durch seine These der Versteckten Bedeutung (hidden meaning): Die Arbeiten der alten Philosophen, so sein Argument, enthalten bewusst verdeckte und nur für Eingeweihte bestimmte Bedeutungen, die nur von sehr wenigen begriffen und folglich von der Masse missverstanden werden können. Es gibt also eine natürliche Hierarchie der Menschen. Allein die verstehende Elite kann und soll die essenzielle (platonische) Wahrheit menschlicher Gesellschaft und Geschichte innehaben, der Masse, die sie weder verkraften noch mit ihr umgehen könnte, muss sie vorenthalten werden. Um den Staat zu schützen und die Ordnung einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten, ist die führende Elite daher verpflichtet, sowohl freie Forschung einzugrenzen als auch die Mittelmäßigkeit und Untugend der gewöhnlichen Leute auszubeuten. Gesellschaft, so Strauss, braucht Lügen vor allem über die Natur der politischen Realität. Dies widerspricht offenkundig der konventionellen Weisheit moderner demokratischer Gesellschaften. Doch ist gerade dieses elitäre Denken von Strauss für Neokonservative von Bedeutung, weil es eine auf Grundsätzen basierende Rationalisierung für zweckmäßige Politik und notwendige Lügen bietet, die denen erzählt werden, die von der Wahrheit demoralisiert würden.[24]

Strauss' ablehnende Haltung gegenüber liberaler Demokratie ist wesentlich beeinflusst vom Scheitern der Weimarer Republik. Seiner Meinung nach war es letztlich der Liberalismus, der - als logische Folge der von Strauss abgelehnten philosophischen Prinzipien der Moderne, die ins Extreme geführt wurden - durch übertriebene Toleranz nicht nur gegenüber den Nationalsozialisten, sondern auch gegenüber der moralischen Unordnung für den Holocaust gegen die Juden verantwortlich gewesen ist. Neokonservative nehmen diesen Gedanken auf und vergleichen die Toleranz der Weimarer Republik gegenüber den Nationalsozialisten mit der gegenwärtigen Toleranz des Westens (und insbesondere der USA) gegenüber dem Multikulturalismus. Aus neokonservativer Sicht ermöglicht dieser die Einwanderung muslimischer Fundamentalisten - deren Hauptziel die Zerstörung der westlichen Gesellschaft ist - in den Westen und in ein Amerika, das sich nicht traut, jemandem auf die Füße zu treten, und so die Grundfeste eines normalen Staates verneint: den Schutz seiner Grenzen. Damit ist es der Mulitkulturalismus selbst, der die Zerstörung des Westen und der Vereinigten Staaten überhaupt erst möglich macht.[25]

In Strauss' Analyse der Fehlerhaftigkeit des Liberalismus ist auch seine Ablehnung der Säkularisierung von Bedeutung. Denn sie führt seiner Ansicht nach zu Individualismus, Liberalismus und Relativismus und ermöglicht damit genau dieMerkmale, die zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer Gesellschaft führen und so deren Fähigkeit schwächen, mit externer Bedrohung umzugehen. Für den Atheisten Strauss ist Religion der Klebstoff, der die Gesellschaft zusammenhält und kontrollierbar macht.[26] In Anlehnung daran wird von Neokonservativen immer wieder betont, dass das Problem des Liberalismus in der Zurückweisung des biblischen Elements wurzelt. Manche sehen gar die Trennung von Kirche und Staat als gravierendsten Fehler der Gründungsväter der Vereinigten Staaten an.[27] Strauss selbst aber sagte so etwas nicht ausdrücklich.

Dennoch hat Strauss nach Auffassung von Neokonservativen in den USA auf Grund ihrer teilweisen Gründung auf klassische und biblische politische Weisheit die einzige Hoffnung der Welt gesehen, obwohl sie das am weitesten fortentwickelte Beispiel für Liberalismus sind. Strauss selbst jedoch lehnte die (Vor-)Herrschaft eines Staates in der Welt ab, da weder ein Einzelner noch eine Gruppe von Menschen die ganze Menschheit gerecht führen könne. Seine Missbilligung jedweder Hegemonie zusammen mit seiner Zurückweisung liberaler Demokratie widerspricht damit den erklärten politischen Absichten von Neokonservativen, die muslimische Welt zu demokratisieren und eine neue internationale Ordnung unter amerikanischer Führung zu etablieren.[28]


Fußnoten

19.
Neokonservatismus vereint in sich verschiedene, mitunter konservative Ideenströme. Die Zuordnung von Personen zum Neokonservatismus wird zusätzlich erschwert, da nur wenige der Intellektuellen, die ihm zugerechnet werden, sich auch tatsächlich zu ihm bekennen; vgl. C. W. Dunn/J. D. Woodward (Anm. 4), S. 103 - 110.
20.
Zu Wurzeln und Entstehung (auch im Folgenden) vgl. Wolfgang H. Lorig, Neokonservatives Denken in der BRD und in den Vereinigten Staaten von Amerika, Opladen 1988; P. Beckmann-Schulz (Anm. 4), S. 47 - 56. Zum US-Konservatismus allgemein vgl. George H. Nash, The Conservative Intellectual Movement in America since 1945, Wilmington 19962.
21.
Midge Decter, zit. in: Hajo Funke, Der Amerikanische Weg. Hegemonialer Nationalismus in der US-Administration, Schriftenreihe Politik und Kultur, Bd. 5, Berlin 2003, S. 57.
22.
Gary North, An Introduction to Neoconservatism (www.lewrockwell.printhis.clickab(...)/cpt?action =cpt&expire=&urlIC=6562432&fb= Y&partnerID=1), S. 3.
23.
Vgl. ebd, S. 4; vgl. Robert Locke, Leo Strauss, Conservative Mastermind, in: FrontPageMagazine.com vom 31. 5. 2002 (www.frontpagemag.com/Articles/Printable.asp?ID =1233), S. 1.
24.
Vgl. William Pfaff, The long reach of Leo Strauss, in: International Herald Tribune (IHT) vom 15. 5. 2003.
25.
Claus Leggewie beispielsweise betrachtet die Neokonservativen als keine wirklichen Intellektuellen, da sie erstens keine (neokonservative) Theorie entwickelt haben und zweitens ihre Veröffentlichungen nicht wissenschaftlicher Natur, sondern eher Propaganda, vor allem für die Republikanische Partei und die Konservative Revolution, sind; vgl. ders., America first? Der Fall einer konservativen Revolution, Frankfurt/M. 1997, Kap 8.
26.
Vgl. Shadia B. Drury, zit. in: Jim Lobe, Neocons dance a Strauss Waltz, in: Asia Times Middle East vom 9. 5. 2003; detailliert zu Strauss und dem amerikanischen Konservatismus Shadia B. Drury, Leo Strauss and The American Right, New York 1997.
27.
Vgl. Shadia B. Drury, zit. in: Jim Lobe, Strong Must Rule the Weak, said Neo-Cons' Muse, in: IPS: Politics-US vom 7. Mai 2003 (www.ipsnews.net/print.asp?idnews=18038). Vgl. auch Irving Kristol, The Neoconservative Persuasion. What it was, and what it is, in: The Weekly Standard, 8 (2003) 47.
28.
Vgl. Leo Strauss, Natural Right and History, Chicago 1965. Im Ost-West-Konflikt befürchtete Strauss, dass ein sowjetischer Universalismus einen alternativen amerikanischen Anspruch zur Weltherrschaft provozieren könnte.