Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Rebecca Hofmann
Uwe Lübken

Laboratorien der ökologischen Moderne? Umwelt, Wissen und Geschichte (auf) der kleinen Insel

Inseln als Labor

Aus wissenschaftlicher Perspektive wurden kleine Inseln vor allem seit dem 19. Jahrhundert immer interessanter, weil hier, so schien es, unter Laborbedingungen Forschung betrieben werden konnte. Forscher_innen aus den verschiedensten Disziplinen waren der Überzeugung, dass dort sowohl die natürliche Umwelt als auch menschliche Gesellschaften gewissermaßen in Reinform beobachtet werden konnten, ohne störende äußere Einflüsse.[7] Die Gesellschaften auf kleinen Inseln wurden als Fossilien betrachtet – unbeeinflusst von fundamentalen historischen Entwicklungen wie Industrialisierung und Urbanisierung und beinahe frei von zivilisatorischen "Verunreinigungen" (die Präsenz von Missionaren und Kaufleuten wurde als störend empfunden).[8] Von wissenschaftlichem Vorteil war aber nicht nur die Überschaubarkeit des Untersuchungsgegenstandes, sondern auch der Umstand, dass dessen Grenzen scheinbar klar definiert werden konnten. Durch die vermeintlich eindeutige Abgrenzung von Wasser und Land wurden allerdings Austauschprozesse sowohl zwischen den ökologischen als auch den sozio-kulturellen Systemen ebenso ignoriert wie die Dynamik von insularen Umwelten.

Mit zunehmender Einbindung in die Weltmärkte und Verschiebungen im kolonialen Gefüge nach dem Zweiten Weltkrieg galten Inseln aber auch als Orte, an denen westlicher Einfluss und der daraus resultierende gesellschaftliche Wandel im Zeitraffer beobachtet und systematisch studiert werden konnte. Im Pazifik sollte die US-amerikanische Inselforschung auch dazu dienen, Wissen für die Errichtung einer stabilen Nachkriegsordnung zu generieren. Aus diesem Grund unterstützte die US-amerikanische Marine, die die mikronesischen Inseln nach Kriegsende zunächst verwaltete, die bis dahin größte Forschungsinitiative der US-amerikanischen Anthropologie. Im Rahmen der Coordinated Investigation of Micronesian Anthropology wurden 1947 und 1948 insgesamt 41 Wissenschaftler_innen aus den Bereichen Kulturanthropologie, Geografie, Linguistik, Medizin, Botanik, aber auch aus den Sozial- und Kulturwissenschaften auf die Inseln entsandt.[9]

Unrühmlicher Höhepunkt und Pervertierung der wissenschaftlichen "Nutzung" und Erforschung kleiner Inseln waren jedoch ohne Zweifel die Atomtests, die die Vereinigten Staaten bis 1962 und Frankreich bis 1996 im Pazifik durchführten. Durch diese Tests wurden etliche Inseln regelrecht pulverisiert, und die gesundheitlichen Folgen belasten die Inselbewohner_innen noch heute. Die Inselmetapher der Isolation wurde dabei von der US-amerikanischen Atomic Energy Commission bewusst evoziert, um die Testreihen in den Marshallinseln moralisch zu legitimieren. Bilder und Videoaufnahmen aus der Vogelperspektive betonten die Abgelegenheit der Atolle, während der Verweis auf dort durchgeführte Ökosystemstudien das Bild eines in sich geschlossenen Systems transportierte.[10]

Der "Fluch" der Insel

Waren diese Charakteristika methodisch erwünscht, so wurden sie in der konkreten wissenschaftlichen Auseinandersetzung gleichzeitig als gravierendes Problem für Inselgesellschaften beschrieben. Die Beschränkungen in Bezug auf Landmasse, Ressourcen, Bevölkerung und letztlich auch politische Macht führten dazu, dass lange Zeit vor allem die negativen Aspekte des Inseldaseins in den Blick genommen wurden.[11] Die geringe Fläche und große Abgeschiedenheit führe demnach zu einer Armut an Tier- und Pflanzenformen im Vergleich zu kontinentalen Gebieten – die mangelnde Größe markiere einen regelrechten Fluch.[12] Gleichzeitig machten die Abgeschiedenheit und die daraus resultierende ungestörte Entwicklung vieler Arten kleine Inseln aber auch zu einem biologischen Kuriositätenkabinett. Inseln waren Brutstätten für das Einzigartige und Besondere, für natürliche Nonkonformisten, für Schrullen und Marotten der Evolution, wie der Wissenschaftsjournalist David Quammen feststellt. Es ist kein Zufall, dass Charles Darwin auf seinen Forschungsreisen nicht nur auf Galapagos Halt machte, sondern auch auf Dutzenden anderen Inseln.[13]

Der andere Aspekt, der kleine Inseln für die Biologie und Geografie so interessant machte, war der Einfluss von invasiven Arten. Denn war die Isolation der Insel erst durchbrochen, indem es bestimmten Pflanzen, Tieren und vor allem Menschen gelang, die Wasserbarriere zu überwinden, dann tendierten kleine Inseln sehr schnell dazu, aus dem ökologischen Gleichgewicht zu geraten. Insbesondere das Aussterben von Arten wie dem Dodo auf Mauritius ließ sich auf kleinen Inseln sehr gut studieren. Systematisiert wurden die Arbeiten über den Zusammenhang von Evolution, Größe und Isolation eines Habitats erst in den 1960er Jahren, als die Biogeografie, also die Wissenschaft von der Verteilung und Ausbreitung von Pflanzen und Tieren, die Bedeutung kleiner Inseln erkannte.[14]

In der Folgezeit wurden biogeografische Forschungen über Inseln auch deshalb immer bedeutender, weil viele Habitate auf großen Landmassen immer inselartiger wurden. Durch den Bau von Straßen, Eisenbahnlinien, Kanälen, die Trockenlegung von Feuchtgebieten, durch Zersiedelung der Landschaft, generell durch die Logik von Industrialisierung und Urbanisierung und eine immer größere Anzahl von Menschen wurden Biotope zerteilt, abgespalten, verkleinert und oft ganz zerstört. Was übrig blieb, hatte oft den Charakter einer kleinen Insel und konnte mit den Methoden der Inselbiogeografie untersucht werden. Auch konnten Institutionen und Organisationen, die Naturschutzgebiete anlegen und erhalten wollten, von kleinen Inseln lernen.[15]

Fußnoten

7.
Vgl. z.B. Oskar Spate, Islands and Men, in: Francis Raymond Fosberg (Hrsg.), Man’s Place in the Island Ecosystem: A Symposium, Honolulu 1963, S. 253–264, hier S. 253.
8.
Vgl. Patrick V. Kirch, Microcosmic Histories: Island Perspectives on "Global" Change, in: American Anthropologist 1/1997, S. 30–42, hier S. 30.
9.
Vgl. Robert C. Kiste/Mac Marshall, American Anthropology in Micronesia, 1941–1997, in: Pacific Science 3/2000, S. 265–274.
10.
Vgl. Elizabeth DeLoughrey, The Myth of Isolates: Ecosystem Ecologies in the Nuclear Pacific, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 167–184.
11.
Vgl. Stephen Royle, A Geography of Islands: Small Island Insularity, London 2001, S. 87–88.
12.
Vgl. Ellen Semple, Influences of Geographic Environment on the Basis of Ratzel’s System of Anthropo-Geography, New York–London, 1927 (1911), S. 411.
13.
Vgl. David Quammen, Song of the Dodo. Island Biogeography in an Age of Extinction, New York 1996, S. 18.
14.
Vgl. z.B. den in dieser Hinsicht richtungsweisenden Sammelband von Robert MacArthur/Edward Wilson (Hrsg.), The Theory of Island Biogeography, Princeton 1967.
15.
Vgl. Jared M. Diamond et al., Island Biogeography and Conservation. Strategy and Limitations, in: Science, New Series 4257/1976, S. 1027–1032.
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