Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Rebecca Hofmann
Uwe Lübken

Laboratorien der ökologischen Moderne? Umwelt, Wissen und Geschichte (auf) der kleinen Insel

Umwelt, Insel und Gesellschaft

Schon früh wurde der Zusammenhang zwischen (mangelnder) Inselgröße und biologischer "Verarmung" auch auf menschliche Gesellschaften übertragen und führte zu umweltdeterministischen und sozialdarwinistischen Entwürfen. So konstatierte etwa Ellen Semple, die stark von dem deutschen Zoologen, Geografen und Wegbereiter geopolitischen Denkens Friedrich Ratzel beeinflusst war, dass die Bewohner der Kanaren im Vergleich zu den Menschen auf dem Festland Nordfrikas "unterentwickelt" seien.[16] Auch deutsche Geografen stellten einen direkten Zusammenhang zwischen der Oberfläche und Entstehung von Inseln und der Siedlungs- und Wirtschaftsform her und korrelierten diese etwa mit der kulturellen Überlegenheit von Gesellschaften auf hohen vulkanischen Inseln gegenüber Atollbewohner_innen.[17]

Ähnliche Ideen bildeten auch das Grundgerüst der Kulturökologie, die sich in den 1960er Jahren in den USA entwickelte und bei deren theoretischen Weiterentwicklung Inseln eine große Rolle spielten. So wurde etwa der Einfluss von lokal verfügbaren Nahrungsmitteln auf die kulturelle Ausgestaltung einer Gesellschaft in den Blick genommen,[18] religiöse Praktiken als Regulationsmechanismus für ein ökologisches Gleichgewicht betrachtet[19] und auf die besondere Dynamik von Inselumwelten als Ausdifferenzierungsmerkmal menschlicher Gesellschaften fokussiert. Die unterschiedlich starke Stratifizierung der Gesellschaften Polynesiens wurde beispielsweise aus den verschiedenen natürlichen Rahmenbedingungen erklärt, auf die die Bevölkerungen mit je eigener technologischer und ökologischer Anpassung reagierten.[20]

Inseln als Orte der Resilienz

In der jüngeren Vergangenheit wurden aber mehr und mehr Stimmen laut, die darauf verwiesen, dass Inselgesellschaften keineswegs unter dem vermeintlichen Fluch der limitierten Möglichkeiten litten und von den lokalen Umweltbedingungen in eine bestimmte Form gegossen wurden. Vielmehr hat sich herausgestellt, dass sich diese Gesellschaften durch ein erstaunlich hohes Maß an Resilienz und Innovationskraft auszeichnen – sowohl in Bezug auf die Dauerhaftigkeit der Besiedelung als auch mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Naturgefahren und Ressourcenproblemen.

Verschiedene Disziplinen wie etwa die Geografie, die Ethnologie oder die Geschichtswissenschaft haben herausgearbeitet, wie die Inselbewohner_innen gerade im vermeintlich so anfälligen pazifischen Raum über mehrere Jahrhunderte, zum Teil über Jahrtausende, Mechanismen und Verhaltensweisen entwickelt haben, die ein großes Maß an Widerstandsfähigkeit aufweisen. Durch den Anbau und die Nutzung einer Reihe von Pflanzen, die in unterschiedlicher Weise von Naturgefahren wie Dürren oder Stürmen gefährdet waren, und durch die Aufsplittung von Anbaugebieten auf verschiedene Inseln konnten Abhängigkeiten und Anfälligkeiten minimiert werden. Dazu trug auch der Anbau von famine foods bei, also Nahrungsmitteln, die in normalen Situationen nicht konsumiert werden würden, etwa weil sie nicht besonders schmackhaft waren, im Notfall aber wertvolle Dienste leisteten.[21] Und schließlich fand auch ein Austausch mit anderen Inselgesellschaften und der Aufbau eines Netzwerkes aus sozio-kulturellen und ökonomischen Beziehungen statt. Diese Netzwerke konnten zum Beispiel im tropischen Pazifik bereits in vorkolonialer Zeit mangelnde Ressourcen ausgleichen, fungierten in Extremsituationen als eine Art Versicherung und führten so zu erhöhter Resilienz.[22]

Solche lokalen und regionalen Bewältigungspraktiken wurden vielerorts durch Kolonialismus, Imperialismus, Entwicklungspolitik und Globalisierung verdrängt und durch "moderne" Methoden ersetzt, sodass die Anfälligkeit gegenüber Umweltveränderungen und natürlichen Extremereignissen zunahm. So verdrängten cash crops und importierte Lebensmittel zunehmend lokal produzierte Lebensmittel.[23] Auch koloniale Interventionen nach einem Extremereignis konnten zu einer Abnahme der Widerstandsfähigkeit führen, etwa wenn die Opfer einer Naturkatastrophe abhängig wurden von Geldzahlungen und Hilfslieferungen der Regierung, sodass andere Maßnahmen, wie etwa die Aufrechterhaltung von Netzwerken zwischen den Inseln, nicht mehr als notwendig betrachtet wurden.[24]

Naturkatastrophen boten oft auch eine willkommene Gelegenheit, Interessen der Kolonialmächte durchzusetzen. So nutzte die deutsche Kolonialverwaltung in Mikronesien zwischen 1905 und 1907 eine Reihe an starken Taifunen, um Inselbewohner_innen unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe an jene Orte umzusiedeln, die den Evakuierten zugleich Arbeit auf den Plantagen der deutschen Handelsgesellschaften "ermöglichte".[25]

Auf der anderen Seite hat ausgerechnet die koloniale Ausbeutung von Inseln zum ersten Mal überhaupt zu einer Art von Umweltbewusstsein geführt: Gerade auf kleinen Inseln wie St. Helena, Madeira, den Kanaren oder in der Karibik hatten die Kolonialmächte schon im 17. und 18. Jahrhundert mit zum großen Teil selbst verursachten Problemen wie Abholzung oder Bodenerosion zu tun. Diese Umweltprobleme gefährdeten nicht nur die Kolonien selbst, sondern indirekt auch die imperialen Verbindungen, etwa nach Indien, für die die Inseln wichtige Knotenpunkte darstellten. Aus diesem Grund wurden Inseln wie St. Helena im Atlantik und Mauritius im Indischen Ozean zu Pionieren eines schonenderen und langfristiger geplanten Umgangs mit Ressourcen.[26]

Fußnoten

16.
Semple (Anm. 12).
17.
Vgl. z.B. Magnus Block, Der Mensch auf den hohen Inseln Mikronesiens und Polynesiens, Hamburg 1935.
18.
Vgl. William Alkire, Cultural Adaptation in the Caroline Islands, in: Journal of the Polynesian Society 2/1960, S. 123–150.
19.
Vgl. Roy Rappaport, Ritual Regulation of Environmental Relations among a New Guinea People, in: Ethnology 1/1967, S. 17–30.
20.
Vgl. Marshall Sahlins, Social Stratification in Polynesia, Seattle 1958.
21.
Vgl. John Campbell, Islandness. Vulnerability in Oceania, in: Shima 1/2009, S. 85–97, hier S. 85.
22.
Vgl. ebd.; William Alkire, June in November, in: Glimpses 2/1978, S. 22–27.
23.
Vgl. Campbell (Anm. 21), S. 92f.
24.
Obwohl diese Netzwerke in ihrer institutionellen Form nicht länger existieren, erfüllen Familien- und Klanzugehörigkeiten zu Mitgliedern auf verschiedenen Inseln auch weiterhin die Funktion der Absicherung im Notfall. Vgl. Ginger Cruz/Elfrieda Koshiba, Islanders Extended Helping Hands, in: Bill Phillips (Hrsg.), Estorian Paka: Guam’s Spirit of Recovery. Super Typhoon Paka, Dec. 16–17, 1997, A Special Commemorative Issue, Agana, Guam, 1998, S. 43. Micronesia Area Research Center (MARC), University of Guam, DU647 .E88 1998.
25.
Vgl. Dirk Spennemann, Nontraditional Settlement Patterns and Typhoon Hazard on Contemporary Majuro Atoll, Republic of the Marshall Islands, in: Environmental Management 3/1996, S. 337–348.
26.
Vgl. Richard Grove, Green Imperialism. Colonial Expansion, Tropical Island Edens and the Origins of Environmentalism, 1600–1860, Cambridge 1995, 474ff. Siehe auch den Beitrag von Felix Schürmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Rebecca Hofmann, Uwe Lübken für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.