Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Rebecca Hofmann
Uwe Lübken

Laboratorien der ökologischen Moderne? Umwelt, Wissen und Geschichte (auf) der kleinen Insel

Inseln als Akteure

Bei aller Brisanz und Relevanz der durch den Klimawandel verursachten Probleme für kleine Inseln ist es doch erstaunlich, in welchem Ausmaß Vorstellungen vom "Fluch der Insel" in gegenwärtigen Debatten reproduziert und wissenschaftlich untermauert wurden. Mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change hat gerade die Institution, der im Diskurs um den globalen Klimawandel höchste Autorität zugesprochen wird, diese kontinentale Perspektive aufgegriffen und Inselgesellschaften als hilflose "Opfer" des Klimawandels dargestellt.[28] Dabei unterschlägt die gegenwärtige Inanspruchnahme kleiner Inseln und Inselstaaten als Laboratorien des globalen ökologischen Wandels allzu oft die Akteursqualitäten und die Interessen der Inselbewohner_innen selbst, die eben nicht nur passive Opfer exogener Umweltbedingungen sind, sondern ihre Lebens(um)welt aktiv mitgestalten.[29]

Bei kleinen Inseln im Allgemeinen und bei den Inseln im Pazifik insbesondere handelt es sich in der Regel nicht um isolierte Miniaturgesellschaften, sondern um Inselgruppen und Inselstaaten, die auf vielfache Weise untereinander und mit der "Außenwelt" vernetzt sind. So ermöglichen die ehemaligen kolonialen Verwaltungen vielen Inselbewohner_innen heute Zugang zu Bildung, einem Gesundheitswesen und Arbeitsmöglichkeiten. Überweisungen von in die ehemaligen Kolonialstaaten ausgewanderten Angehörigen können fehlende Einkommensquellen auf den Inseln substituieren.

Auch werden die pazifischen Stimmen von Wissenschaftler_innen und Künstler_innen immer lauter, die für eine Abkehr von der kolonial-kontinentalen Geografie- und Geschichtsschreibung und für ein maritim-ozeanisches Raumverständnis plädieren. Die Forderung des mittlerweile verstorbenen pazifischen Gelehrten Epeli Hau’ofa, nicht länger von "islands in a far sea", sondern vielmehr von "a sea of islands" zu sprechen,[30] ist in sozialwissenschaftlichen Kreisen, die sich mit dem Raum Ozeanien beschäftigen, zu einer Selbstverständlichkeit geworden.[31] Die Lebenswelt auf Inseln, insbesondere auf Atollen, besteht eben nicht nur aus kleinen Landflecken, sondern ebenso aus Mangroven, flachen Lagunengewässern oder Sandbänken. All diese maritimen Räume werden von den Inselbewohner_innen oftmals der Kategorie Land zugeordnet. In den Seefahrtskulturen Ozeaniens haben sich die Navigator_innen der weiten Meeresräume über Geschichten, Bilder und Assoziationen ermächtigt. Das Meer ist ihnen somit nicht fremd, sondern Teil ihrer Lebenswelt. Die Anerkennung dieser maritimen Erfahrung des Raumes führt nicht nur in der Ethnologie mittlerweile zur Konzeptualisierung von Inselwelten als "seascapes", über die sich auch intra- und interinsulare Netzwerke als Lebensbereiche intensiven Austausches fassen lassen.[32]

In politischer und ökonomischer Hinsicht haben es einige der kleinen Inselstaaten geschickt verstanden, die Aufmerksamkeitsökonomie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.[33] Vor allem die im tropischen Pazifik beheimateten SIDS erhielten durch den Klimawandel eine eigene Stimme in internationalen politischen Organisationen wie den Vereinten Nationen. Höhepunkt dieser Entwicklung war die 23. Weltklimakonferenz, die unter dem Vorsitz Fidschis im November 2017 in Bonn stattfand. Die SIDS nutzen ihre neue Rolle nicht zuletzt deswegen so gut, weil die tropischen Eilande in der westlichen Gesellschaft weiterhin als Projektionsfläche und wissenschaftliche Laboratorien dienen.[34] Denn während es sich bei den naturwissenschaftlichen Klimamodellen um Abstraktionen komplexer klimatischer Prozesse handelt, sind Inseln überschaubare Räume, in denen die gesamten ökologischen und damit einhergehenden sozio-kulturellen Auswirkungen des Klimawandels sichtbar und scheinbar auch erfahrbar werden. Diskutiert als Klimaflucht, kulminieren (kontinentale) Ängste in der Auslöschung ganzer Kulturen und politischer Staaten, die mit der Erosion der Inseln im Pazifik untergehen. Die australische Geografin Carol Farbotko kommt somit zum zynischen Schluss, dass die Inseln ihre Funktion als Barometer für den Klimawandel erst dann verlieren, wenn sie tatsächlich von der Oberfläche verschwunden sind und uns damit den endgültigen Beweis für die katastrophalen Folgen unseres emissionsreichen Lebenswandels erbracht haben.[35]

Fußnoten

28.
Dies gilt vor allem für den Bericht 2007, später wurden insulare Perspektiven stärker berücksichtigt. Vgl. Jon Barnett/John Campbell, Climate Change and Small Island States: Power, Knowledge, and the South Pacific, New York–London 2010, S. 60.
29.
Siehe dazu auch den Beitrag von Meyer et al. in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
30.
Vgl. Epeli Hau’ofa, Our Sea of Islands, in: The Contemporary Pacific 1/1994, S. 147–161.
31.
Vgl. Paul D’Arcy, The People of the Sea: Environment, Identity and History in Oceania, Honolulu 2006.
32.
Vgl. Godfrey Baldacchino/Eric Clark, Guest Editorial Introduction: Islanding Cultural Geographies, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 129–134, hier S. 129.
33.
Vgl. Michael Goldsmith, The Big Smallness of Tuvalu, in: Global Environment 1/2015, S. 134–151.
34.
Vgl. Anna Lowenhaupt Tsing, Friction: An Ethnography of Global Connection, Princeton 2005, S. 101.
35.
Vgl. Carol Farbotko, Wishful Sinking: Disappearing Islands, Climate Refugees and Cosmopolitan Experimentation, in: Asia Pacific Viewpoint 1/2010, S. 47–60.
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