Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Marlene Meyer
Nora Meyer
Franziska Schade
Alexander Weyershäuser
Carola Klöck

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Wahrnehmung des Klimawandels

Das Leben auf einer Hallig ist besonders eng mit der Natur verknüpft. Unsere Interviewpartner betonen zwar einerseits, dass "letztendlich immer die Natur die Hosen anhat" und "in einigen Punkten den Ton angibt", bewerten diese Abhängigkeit von der Natur aber andererseits durchweg positiv: "Die Unmittelbarkeit des Lebens in der Natur, (…) das ist ein Erfahren von der Natur, von den Naturgewalten. (…) Und das ist auch schön. Ich empfinde das als wunderbar." [10] "Schwierige" Umweltbedingungen wie Land unter gelten nur aus Festlandsicht als schwierig; für HoogerInnen sind sie normal und machen, ebenso wie die Weite, Abgeschiedenheit und Naturverbundenheit, das Leben auf der Hallig aus: "[D]as gehört bei uns einfach zum Leben mit dazu."

Gerade wegen ihres Lebens mit der Natur können die meisten HalligbewohnerInnen von spürbaren und vielseitigen Veränderungen in ihrer Umwelt berichten. Dazu zählen zum Beispiel mildere Winter, höhere Wasserstände oder veränderte Strömungen, aber auch Änderungen in Flora und Fauna. So gibt es unter anderem weniger Brutvögel oder auch eine andere Artenzusammensetzung von Tieren und Pflanzen (beispielsweise durch eingeschleppte Arten). Obwohl der Meeresspiegel steigt, kommt Erosion erstaunlich wenig zur Sprache, vermutlich weil die Halligkante permanent gesichert wird. Gleichzeitig merken einige InterviewpartnerInnen an, dass die Hallig von innen schrumpft: "Die Priele werden immer breiter und dadurch frisst halt quasi das Wasser die Hallig von innen auf."[11] Insgesamt scheint es Konsens zu sein, dass das Wetter extremer und unberechenbarer wird. Dabei werden auffallend häufig extrem starke Stürme wie die Sturmtiefs Anatol (Dezember 1999), Christian (Oktober 2013) oder Xaver (Dezember 2013) angesprochen und als sehr bedrohlich beschrieben. Inwiefern auch Land unter häufiger wird, ist hingegen unklar. Einige wenige InterviewpartnerInnen vermelden bereits jetzt eine Zunahme der Überflutungen, andere können dies nicht bestätigen. Für die Zukunft erwarten hingegen die meisten HoogerInnen häufigere Land unter.

Die beobachteten Änderungen werden in der Regel dem Klimawandel zugeschrieben: "Das Klima verändert sich. Das merken wir alle und sehen wir jeden Tag." Wie bei der Wahrnehmung von Land unter weisen die Interviews allerdings durchaus Unterschiede auf. InterviewpartnerInnen sprechen unterschiedliche Änderungen an und bewerten diese auch unterschiedlich. So weisen einige InterviewpartnerInnen darauf hin, dass Umweltbedingungen und das gesamte Ökosystem der Halligen sich im Lauf der Zeit immer wieder stark verändert haben. Änderungen "hat es früher aber auch gegeben." Folglich lässt sich weder klar beurteilen, ob beziehungsweise inwiefern die Situation aktuell qualitativ unterschiedlich ist, noch lassen sich zukünftige Änderungen prognostizieren: "Wie es wirklich wird, das wissen wir alle nicht."

Allen Ungewissheiten zum Trotz erwarten viele HalligbewohnerInnen auch in Zukunft Veränderungen in ihrer Umwelt und nennen vor allem häufigere und heftigere Stürme. Zukünftige Änderungen werden aber nicht automatisch als unmittelbare Bedrohung empfunden. Dennoch begegnet ihnen kaum jemand sorglos; insbesondere die heftigen Stürme der jüngsten Vergangenheit haben ihre Spuren hinterlassen. Viele fürchten allerdings weniger die Natur an sich als vielmehr die finanziellen Konsequenzen. Einige InterviewpartnerInnen stellen sich die Frage, inwieweit die Bewohnbarkeit der Halligen langfristig, also auch für die nächste(n) Generation(en), gesichert ist: "Aber jetzt denkt man über die Zukunft nach, wie das mal so wird. (…) Können wir das dann unseren Kindern überhaupt noch vererben, oder geht das irgendwann mal unter?"

Fußnoten

10.
Um die Anonymität unserer InterviewpartnerInnen zu schützen, werden Zitate aus unseren Interviews als solche markiert, aber nicht einzelnen Personen zugeordnet.
11.
Priele sind Wasserläufe, in denen sich auch bei Ebbe Wasser befindet.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marlene Meyer, Nora Meyer, Franziska Schade, Alexander Weyershäuser, Carola Klöck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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