Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Marlene Meyer
Nora Meyer
Franziska Schade
Alexander Weyershäuser
Carola Klöck

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels

Auch wenn Zeitpunkt und Ausmaß zukünftiger Klimaveränderungen umstritten sind, ist unstrittig, dass die Hallig sich anpassen muss. Dabei betonen unsere InterviewpartnerInnen, dass der Halligerhalt von allgemeinem Interesse sei, da die Halligen Teil des natürlichen Küstenschutzes der Deutschen Bucht darstellten. Sie werden als "Wellenbrecher für die Küste" oder "Bollwerk" für das Festland wahrgenommen, die die Wucht, mit der Wellen auf die Küste prallen, abschwächen: "Nicht nur die Menschen müssen geschützt werden, die Hallig, also der Lebensraum für diese Menschen, muss auch geschützt werden. Damit sie alle zusammen wiederum auch das Festland schützen können."

Menschliche Eingriffe in die Natur sind für die Halligen altbekannt: "Seitdem es die Halligen gibt, versucht der Mensch sie zu stabilisieren." In der Tat existieren die Halligen in ihrer jetzigen Form erst seit dem Mittelalter, zuvor war die Deutsche Bucht ein zusammenhängendes Marschland.[12] Während des Mittelalters wurden große Teile davon in mehreren Sturmfluten überflutet. Nur die heutigen Inseln und Halligen blieben übrig. Jeder stärkere Sturm erodierte die Halligen weiter, bis Hallig Hooge Anfang des 20. Jahrhunderts befestigt wurde. Heute umschließt ein Sommerdeich Hooge, zudem ist die Halligkante mit Steinen – dem sogenannten "Halligigel" – befestigt. Ohne diesen "gäbe es die Halligen heute nicht mehr", und so wird die Küste mit verschiedenen Methoden permanent erhalten, gesichert und gegebenenfalls verstärkt.[13]

Neben der Befestigung und dem Schutz der Hallig an sich stehen die Warften im Zentrum der Aufmerksamkeit. Schon die ersten Siedlungen in der Region befanden sich auf solchen künstlich aufgeschütteten Hügeln, die im Laufe der Zeit immer wieder erhöht wurden, wobei neue Häuser auf den Überbleibseln der alten Häuser erbaut wurden.[14] Auch in jüngster Zeit wurden die Warften verstärkt. Nach der schweren Sturmflut von 1962 wurde ein umfangreiches Warftverstärkungsprogramm gestartet. Infolge der schweren Stürme von 2013 sowie der erwarteten Klimaauswirkungen wurde jedoch deutlich, dass weitere Warfterhöhungen vonnöten sind. Aktuell wird nacheinander je eine Warft der Halligen erhöht und verstärkt und werden dabei unterschiedliche Methoden getestet, um die Bewohnbarkeit der Halligen auch für die nächsten 100 Jahre zu sichern.

Ob es für diesen Zeitraum reicht, die Warften zu erhöhen und die Ringdeiche um die Warften zu verstärken, ist unklar. Langfristig können Abriss und Neubau der Wohnhäuser wohl kaum vermieden werden. Bereits nach der Sturmflut von 1962 mussten Häuser neu gebaut werden, wobei verstärkte Schutzräume eingeführt wurden, die bei schweren Stürmen Zuflucht bieten sollen. Aktuelle Bauprojekte berücksichtigen bereits den Anstieg des Meeresspiegels und haben beispielsweise ein erhöhtes Fundament. Unsere InterviewpartnerInnen befürworten zwar derartige bauliche Neuerungen, weisen aber darauf hin, dass Abriss und Neubau problematisch sind: "Die Häuser [haben] ja so einen hohen Wert für uns Menschen, auch hohen Sachwert, dass man nicht einfach sagen kann: ‚Ja, dann schiebe ich das jetzt hier halt zusammen undbaue neu.‘ Also hat man versucht die Häuser zu schützen. Und die Warftentsprechend nur außenrum zu erhöhen."

Insgesamt werden also drei Kategorien von Maßnahmen durchgeführt: Maßnahmen an der Hallig selbst, Maßnahmen an den Warften und Maßnahmen an den Gebäuden. Die Verantwortung für diese Maßnahmen, und damit deren Finanzierung, fällt in unterschiedliche Bereiche. Für den Küstenschutz, also zum Beispiel Sommerdeich und Halligigel, ist das Land zuständig. HalligbewohnerInnen übernehmen einen Großteil davon im Auftrag des schleswig-holsteinischen Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), der somit ein wichtiger Arbeitgeber ist. Für den Hochwasserschutz inklusive der Warftverstärkungen und den Gebäudeschutz hingegen ist rechtlich der jeweilige Eigentümer zuständig.[15] Diese Aufteilung wird durchaus mit Sorge betrachtet, denn Aufwarftungen sind teuer und Schäden an Privatbesitz oft nicht ausreichend versichert. Oftmals schließen die Versicherungspolicen gewisse Ereignisse aus: "Du kannst dich auf Hooge nicht dagegen versichern, gegen Land unter." Konsens unter den Befragten ist, dass Halligschutz nicht privat zu leisten ist und die öffentliche Hand eine wesentliche Rolle spielen muss. Für die bisherige öffentliche Unterstützung sind die HoogerInnen dankbar, fragen sich jedoch, ob sie auf diese auch in Zukunft zählen können: "Da wird es irgendwann einen ökonomischen Grenzwert geben, wo man dann sagt, das können wir uns als Gesellschaft noch leisten und das nicht. So bautechnisch ist die Grenze, glaube ich, noch nicht erreicht. Da kann man noch viel machen. Aber wer soll es bezahlen?"

Fußnoten

12.
Vgl. Dirk Meier, Man and Environment in the Marsh Area of Schleswig–Holstein from Roman until Late Medieval Times, in: Quaternary International 1/2004, S. 55–69.
13.
Eine Übersicht über den Küstenschutz auf Hooge liefert Jensen (Anm. 8).
14.
Vgl. Meier (Anm. 12).
15.
Vgl. Arbeitsgruppe Halligen 2050, Möglichkeiten zur langfristigen Erhaltung der Halligen im Klimawandel, Kiel 2014, S. 8.
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