Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Marlene Meyer
Nora Meyer
Franziska Schade
Alexander Weyershäuser
Carola Klöck

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Spannungsfelder der Klimaanpassung

Auf Hooge herrscht Einigkeit, dass die diversen Maßnahmen nötig sind: "Je mehr Schutz, desto besser." Uneins sind sich die HoogerInnen jedoch, welche Maßnahmen wie umgesetzt werden sollen und wie effektiv die Maßnahmen schützen. Unsere Interviews zeigen insbesondere drei teils überlappende Spannungsfelder auf: Erstens das Ziel der Maßnahmen – Halligerhalt um der Natur willen oder um der Menschen willen?, – zweitens das methodische Vorgehen – stützt man sich auf Fachwissen vom Festland oder auf die Erfahrung von HoogerInnen? – sowie drittens die Strategie beziehungsweise das Erscheinungsbild: Sollen die anzustrebenden Lösungen modern und innovativ sein oder ursprünglich und traditionell?

Hallig Hooge liegt inmitten des Nationalparks Wattenmeer, ist aber selbst nicht Teil davon, sondern gehört, wie alle bewohnten Halligen, zur Entwicklungszone des Biosphärenreservats Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. Naturschutz wird im Prinzip von allen HalligbewohnerInnen befürwortet; das Leben im Einklang mit der Natur zählt gerade zu den Besonderheiten des Halliglebens. Die vielen Auflagen im Zusammenhang mit dem Nationalpark und der Biosphäre empfinden viele HoogerInnen jedoch als einschränkend und bevormundend. Insbesondere wird es aufgrund der vielen Regularien immer schwieriger, Landwirtschaft zu betreiben. Die Beweidung der Marschwiesen aber war über Jahrhunderte die Lebensgrundlage der Halligen und spielt eine wesentliche Rolle für Landschaftspflege und Halligerhalt. Entsprechend urteilen manche InterviewpartnerInnen, dass "der Bezug des Nationalparksamts zum Leben hier auf der Hallig (…) völlig verloren gegangen ist", und bemängeln die Übervorteilung der Natur, denn schließlich "geht es ja auch um die Menschen, die hier leben". Und diese, so betonen unsere InterviewpartnerInnen, wissen sehr gut mit ihrer Umwelt umzugehen und diese zu erhalten.

Ebenso wie beim Naturschutz verweisen unsere InterviewpartnerInnen auch bei Anpassungsmaßnahmen, insbesondere den Aufwarftungen, immer wieder auf ihr lokales Wissen und ihren Erfahrungsschatz. Wie bereits erwähnt, ist der LKN für Küstenschutz zuständig und hat hier auch Entscheidungshoheit. Die Kooperation habe sich im Laufe der Zeit verbessert, doch trotz der bereits bestehenden Informations- und Kommunikationsangebote des LKN besteht seitens vieler HoogerInnen der Wunsch, dass man ihre über Generationen hinweg gesammelten Erfahrungen mehr einbezieht. "Die Erfahrungen der Einheimischen werden nicht berücksichtigt", befinden InterviewpartnerInnen, dabei haben die ExpertInnen vom Festland "überhaupt keine Ahnung, wie es ist, hier zu wohnen" – "wo sollen die die auch herhaben?" Zwar können die IngenieurInnen Wellen, Strömungen oder Meeresspiegel an "ihrem Reißbrett" berechnen, doch "letztendlich ist die Praxis ausschlaggebend und nicht die Statistik". Erschwerend kommt hinzu, dass in der Vergangenheit nicht ausreichend langfristig geplant wurde. Bereits anlässlich der von 1990 bis Mitte der 2000er Jahre andauernden stückweisen Verstärkung aller Warften auf Hooge verwiesen viele BewohnerInnen darauf, dass die Maßnahmen unzureichend seien. Die jüngsten Prognosen der Forschung und die infolge von Stürmen wie Xaver beschlossenen weiteren Verstärkungen geben den Bedenken der HoogerInnen rückblickend Recht.

Schließlich wird diskutiert, ob der klassische Küstenschutz oder die Aufwarftungen irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Neben einem finanziellen Limit thematisieren manche HoogerInnen einen möglichen Wandel des Erscheinungsbildes der Hallig: "Geht das immer so weiter? Dass wir sozusagen die Deckwerke erhöhen und die Hallig immer stärker befestigen – oder verändert sich dann der Charakter?" Im Zuge der schweren Stürme von 2013 hat sowohl Hooge als auch die Landesregierung ein Umdenken gefordert: "Wenn wir die Halligen tatsächlich für die nächsten 80 bis 100 Jahre als bewohnte Halligen halten wollen, dann müssen wir uns ganz neu aufstellen." Entsprechend wurde und wird aktiv nach innovativen, gar "futuristischen", "abgefahrenen technischen Lösungen" gesucht, wie beispielsweise durch einen Architekturwettbewerb im Zuge von Hallig2050[16] oder im aktuellen Aufwarftungsprogramm, bei dem getestet wird, welche Methoden zur Aufwarftung am nachhaltigsten sind.

Gleichzeitig stehen viele HalligbewohnerInnen solchen alternativen Maßnahmen skeptisch gegenüber, denn durch einen modernen Neubau verändert sich die Optik und geht möglicherweise das "Halligtypische" verloren: "Also klar wird man das technisch erhalten können, man kann immer weiter aufwarften oder irgendwann könnte man einen Deich drum herum bauen, aber dann ist es keine Hallig mehr. Und das wollen wir auch nicht. Das will eigentlich auch keiner." Im Gegenteil, "gerade die Gäste, die Menschen wollen ja das Ursprüngliche". Das typische Halligbild mit den reetgedeckten Friesenhäusern ist somit auch ein Wirtschaftsfaktor, denn Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Halligen.[17] Folglich fordern einige InterviewpartnerInnen eine Rückbesinnung auf das Althergebrachte. Hier merken einige HoogerInnen an, dass insbesondere die Lebenserfahrungen der älteren BewohnerInnen und ihr Wissen über Stürme, Land unter und Bebauung einbezogen und auch bewahrt, quasi "archiviert" werden sollen: "Also ich glaube einfach wirklich an das, was die Alten sagen. Mitnehmen, hinhören und nochmal durchleuchten, warum das so war. (…) Eigentlich sind das für mich die Vorbilder und ich denke, da[ran] sollte man auch noch in 10, 20, 100 Jahren immer noch zurückdenken."

Fußnoten

16.
Vgl. Arbeitsgruppe Halligen 2050 (Anm. 15), S. 29ff.
17.
Allerdings kam es bereits nach der Sturmflut von 1962 zu großen Veränderungen, da die vielen zerstörten alten friesischen Häuser moderner und größer neu aufgebaut wurden.
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