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Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Marlene Meyer
Nora Meyer
Franziska Schade
Alexander Weyershäuser
Carola Klöck

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Vielfältige Herausforderungen

Schon heute macht sich der Klimawandel auf Hooge bemerkbar. Unsere Interviews bestätigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse: Die Halligen und das gesamte Wattenmeer verändern sich. Insbesondere der Anstieg des Meeresspiegels und damit einhergehende häufigere beziehungsweise vor allem intensivere Stürme stellen Hooge (wie auch die benachbarten Halligen und Inseln) vor neue Herausforderungen. Im Gegensatz zu Inseln zum Beispiel im Südpazifik kann sich Deutschland jedoch eine Vielzahl von Anpassungsmaßnahmen leisten. Auch wenn dabei Spannungen wie die beschriebenen unvermeidbar sind, vertrauen die HalligbewohnerInnen auf Anpassungsmöglichkeiten und auch den politischen Willen, in die Halligen zu investieren. Nicht zuletzt dank der Lobby-Bemühungen durch die Halligen verspricht der aktuelle Koalitionsvertrag der schleswig-holsteinischen Landesregierung aus CDU, Grünen und FDP, "die langfristige Bewohnbarkeit der nordfriesischen Halligen in Zeiten des Klimawandels [zu] gewährleisten."[18] Zumindest für die nächsten 100 Jahre scheint die Existenz der Halligen gesichert.

Doch was genau soll wie erhalten werden? Ebenso wie die Folgen des Klimawandels bereiten soziale und wirtschaftliche Herausforderungen den HoogerInnen Sorge.[19] Auf unsere Frage nach gegenwärtigen Herausforderungen auf der Hallig thematisieren viele nicht nur Umweltveränderungen, sondern auch den demografischen Wandel – vor allem an jungen Familien fehlt es auf Hooge –, mangelnde Arbeitsmöglichkeiten und die teure Wohnsituation. Mit Leuchtturmprojekten wie der Kennzeichnung von Hooge als "Fairtrade Hallig", dem Programm "Hand gegen Koje", bei dem Freiwillige bei den anfallenden Arbeiten auf der Hallig mithelfen und im Gegenzug eine kostenlose Unterkunft bekommen, oder Plänen gegen den demografischen Wandel steuert Hooge gegen. Letztendlich bildet eine mittel- bis langfristige Wohnmöglichkeit die Grundlage für die sozialen Maßnahmen auf Hallig Hooge. Hierfür ist aber eine zukunftsorientierte Befestigung und Aufwarftung entscheidend. Umweltbedingte Herausforderungen und sozialökonomische Probleme hängen zusammen.

Halligen sind weltweit einzigartig; sie finden sich nur im Wattenmeer Schleswig-Holsteins und Süddänemarks. Schon seit Jahrhunderten stellt dieser Lebensraum die Menschen vor große Herausforderungen. Heute kommt mit dem Klimawandel eine neue Herausforderung hinzu. Vielfältige Anpassungsmaßnahmen sind unumgänglich, will man die Halligen als Ökosystem und Lebensraum erhalten. Wie in unserem Beitrag gezeigt wird, ist ein Eingreifen in die Natur auf den Halligen nichts Neues; ohne permanenten Küstenschutz gäbe es die Halligen nicht mehr. Entsprechend unterstützt die Bevölkerung umfassende Anpassungsmaßnahmen. Nichtsdestotrotz herrscht Uneinigkeit, wie genau der Klimawandel die Hallig betrifft, welche Maßnahmen wie umgesetzt werden sollten und wie effektiv sie sind. Spannungsfelder ergeben sich insbesondere in Bezug auf Halligerhalt um der Natur willen versus um der Menschen willen, auf Fachwissen vom Festland versus Erfahrung von HoogerInnen sowie auf Modernität und Innovation versus Ursprünglichkeit und Tradition.

Solche Spannungsfelder und Kontroversen sind unvermeidlich. Unsere Untersuchung fügt sich in die Fachliteratur, die Klimaanpassung als einen politischen Prozess beschreibt, der eng mit anderen sozialen und ökologischen Prozessen verbunden ist. Die Umweltwissenschaftlerin Siri Eriksen und ihre Kollegen merken in diesem Sinne an: "Anpassung sollte explizit als ein umstrittener sozio-politischer Prozess verstanden werden, der beeinflusst, wie individuelle und kollektive Akteure mit vielfältigen Arten von zeitgleich auftretenden Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft umgehen."[20] Anpassungspolitik muss demokratisch ausgehandelt werden. Eine Befragung und starker Einbezug der lokalen Bevölkerung sind dazu unerlässlich. Wir hoffen, mit unserer Arbeit hierzu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.

Fußnoten

18.
CDU, Grüne und FDP, Koalitionsvertrag 2017–2022: Das Ziel verbindet, Kiel 2017, http://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/_documents/koalitionsvertrag2017_2022.pdf?__blob=publicationFile&v=2«.
19.
Dieser Befund spiegelt die Erkenntnisse von Untersuchungen im Südpazifik wider. Vgl. z.B. Mortreux/Barnett (Anm. 2).
20.
Vgl. Siri Eriksen/Andrea J. Nightingale/Hallie Eakin, Reframing Adaptation: The Political Nature of Climate Change Adaptation, in: Global Environmental Change 35/2015, S. 523–533, hier S. 524; eigene Übersetzung.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marlene Meyer, Nora Meyer, Franziska Schade, Alexander Weyershäuser, Carola Klöck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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