Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Julian Dörr
Olaf Kowalski

Vom Tal auf die Insel? Vom kalifornischen Liberalismus zur Sozialutopie Seasteading

Die Vision des Seasteading

Seasteading – ein Kunstwort aus sea und homesteading (Inbesitznahme, Besiedlung) – bezeichnet die Idee der künstlichen Erschaffung von dauerhaftem Wohn- und Lebensraum auf dem Meer.[3] Diese Stätten (seasteads), meist modifizierte Schiffe und Plattformen, sollen außerhalb von Gebieten, die von Staaten beansprucht werden, schwimmen oder verankert werden.[4] Verwandt sind sie mit Unternehmungen wie Women on Waves, einer Nichtregierungsorganisation, die auf Schiffen jenseits staatlicher Hoheitsgewässer Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt, oder Radio Veronica, einem Piratensender, der in den 1960er und frühen 1970er Jahren aus internationalen Gewässern in der Nordsee sein Radioprogramm verbreitete.[5] Gemeinsamer Nenner solcher Unternehmungen und Kerngedanke der "Seenahme" ist, dass sie keinerlei Gesetzen außer den selbst aufgestellten Regeln unterliegen. Die Motive reichen von der Befreiung der Wirtschaft von Regularien und Steuern (und darin Sonderwirtschaftszonen ähnlich) bis zu umfassenden gesellschaftspolitischen Zielen. Besonders prominent werden sie vom 2008 gegründeten Seasteading Institute vertreten, das auch mit Blue Frontiers zusammenarbeitet. Dessen ehemaliger Vorstand Patri Friedman – Enkel des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman und mittlerweile wieder bei Google tätig – sieht das Potenzial von solchen Inseln insbesondere darin, "die Leistung von Regierungen durch einen Wettbewerb um mobile Bewohner zu verbessern."[6]

Die simple Idee ist somit die Übertragung des Wettbewerbs auf die Ebene der Staaten: Die Regierungen konkurrieren in Form der Ausgestaltung von Institutionen und der Bereitstellung öffentlicher Güter wie Schulbildung und Infrastruktur um die Gunst mobiler Bürger, und im Idealfall führt dieser Wettbewerbsdruck zu effizienterer Verwaltung und weniger Verschwendung.[7] Sollten den Bewohnern die Verhältnisse nicht länger passen, können sie ihre Wohnplattform von den anderen abkoppeln und an eine andere Mikronation wieder andocken – eine Abstimmung mit den Füßen, oder passender, mit den Flößen. Hier kann im doppelten Sinne von einer New Frontier gesprochen werden: Nach der Erkundung der letzten unbekannten Flecken Land steht mit dem Seasteading nicht nur die Grenzverschiebung zwischen Zivilisation und Wildnis auf das Wasser an, sondern auch eine gesellschaftliche Neuvermessung. Die Metapher der New Frontier, mit der John F. Kennedy im US-Präsidentschaftswahlkampf 1960 die Bekämpfung von Armut, Diskriminierung und Kriegen bezeichnete, dient nun wieder dem Ziel einer besseren Ordnung des menschlichen Zusammenlebens und – zeitgenössisch aktualisiert – ebenso einer nachhaltigen, ressourcenschonenden und energieeffizienten,[8] kurz: einer lebenswerteren und grüneren "schönen neuen Welt".

Fußnoten

3.
Der Begriff geht zurück auf Ken Neumeyer, Sailing the Farm, Berkeley 1981.
4.
Siehe etwa die Schiffsprojekte "Freedom Ship" oder "Blueseed".
5.
Weitere Beispiele bei O. Shane Balloun, The True Obstacle to the Autonomy of Seasteads: American Law Enforcement Jurisdiction over Homesteads on the High Seas, in: U.S.F. Maritime Law Journal 2/2011, S. 410–463.
6.
Patri Friedman/Brad Taylor, Seasteading: Competitive Governments on the Ocean, in: Kyklos 2/2012, S. 218–235, hier S. 218; Übersetzungen durch die Verfasser.
7.
In eine ähnliche Richtung zielt die auf dem Festland verortete Idee funktionaler, überlappender und konkurrierender Körperschaften. Vgl. etwa Bruno S. Frey, Ein neuer Föderalismus für Europa: Die Idee der FOCJ, Tübingen 1997.
8.
Vgl. The Seasteading Institute, http://www.seasteading.org/videos/the-eight-great-moral-imperatives«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Julian Dörr, Olaf Kowalski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.