Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Julian Dörr
Olaf Kowalski

Vom Tal auf die Insel? Vom kalifornischen Liberalismus zur Sozialutopie Seasteading

Utopisten unter sich

Das Denken und Reden der "Seevangelisten"[9] erinnert so, bei aller visionären Progressivität, an die Tradition staatsphilosophischer Entwürfe der Utopisten. Die augenfälligste Ähnlichkeit besteht schon im Topos der Insel, geht doch bereits der Begriff der Utopie auf die fiktive Insel "Utopia" (1516) des englischen Humanisten Thomas Morus zurück. Als "Nicht-Ort", so der griechische Wortursprung, befreit sie den kritischen Blick auf die bestehenden Verhältnisse, entwirft eine radikal andere Gesellschaftsordnung und "schickt die Vorstellungskraft auf Reise".[10] Von Morus’ unmittelbaren Nachfolgern, den Philosophen Tommaso Campanella ("Der Sonnenstaat", 1623) und Francis Bacon ("Nova Atlantis", 1627), die ihre Entwürfe ebenfalls auf Inseln situierten, geht über die Jahrhunderte eine ungebrochene Faszination utopischen Denkens aus, die ihren Anfang und markanten Ideengeber in Platons "Politeia" hat,[11] das allerdings auch bis zu den totalitären Umsetzungen nationalsozialistischen oder kommunistischen Gedankenguts im 20. Jahrhundert reicht.[12] Angesichts dessen lautete der grundsätzliche antiutopische Einwand des Philosophen Karl Popper: "Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln".[13] Mit anderen Worten: "Die verwirklichte Utopie ist eine Diktatur."[14] In deren Untergang wurde dann das Heranbrechen eines "post-utopischen Zeitalters"[15] erkannt, in dem die Unterordnung individueller Freiheit unter kollektive Ideale überwunden schien.[16]

Im Reich der Gedanken jedoch lotet die Utopie Horizonte des Möglichen aus.[17] Dabei sind bereits in den drei genannten Inselmodellen grundlegende Gemeinsamkeiten, aber auch Varianten utopischen Denkens ausgebreitet, die sich nicht in einem gemeinsamen Nenner – allenfalls in dem der Insel – erschöpfen.[18] Neben den umfassenden institutionellen Entwürfen einer sozialistisch-kommunistischen Gesellschafts- und Eigentumsordnung bei Morus oder religiös-paradiesischer Zustände bei Campanella wird vor allem die Utopie Bacons von der Idee einer wissenschaftlichen Unterwerfung der Natur durch den Menschen (dessen eigene Natur inbegriffen) dominiert und begründet eine Kontinuitätslinie, in der sich auch die technologisch optimistischen kalifornischen Projekte wiederfinden. Mehr noch schließen sie mit der Idee eines flexiblen Minimalstaates und geringer Regulierung aber an einen libertär-anarchistischen Strang utopischen Denkens an, wie er sich im Romanzyklus "Gargantua und Pantagruel" (1532) des Humanisten und Arztes François Rabelais zeigt, und der sich mit einem "Tu, was Dir gefällt!" gerade gegen die regelbasierten Institutionen der anderen Klassiker wendet.[19] Auch die Vertreter des Seasteading wollen erklärtermaßen Ernst machen und ihre neuen Welten realisieren. In der Betonung technologischer Möglichkeiten weisen sie also einerseits Elemente klassisch-utopischen Denkens auf, unterscheiden sich jedoch andererseits durch die Abkehr von dessen totalitären Zügen. Denn den kalifornischen Visionären geht es um eine grundlegende Minimierung gesellschaftlicher Regeln und um Modellvielfalt im Wettbewerb.

Fußnoten

9.
Als Selbstzuschreibung bei http://www.blue-frontiers.com/de/about«.
10.
Vgl. Otfried Höffe, Ethik. Eine Einführung, München 2013, S. 102.
11.
Vgl. Reinhold Zippelius, Geschichte der Staatsideen, München 200310, S. 76.
12.
Vgl. Johann Braun, Einführung in die Rechtsphilosophie, Tübingen 20112, S. 85ff.
13.
Karl Popper, Das Elend des Historizismus, Tübingen 19744, S. VIII.
14.
Das einordnend Braun (Anm. 12), S. 162.
15.
Vgl. Richard Saage, Keine ideale Gesellschaft mehr, nirgends. Die Zukunft der politischen Utopie, in: Indes 2/2012, S. 70ff., hier S. 70.
16.
Zum anti-individuellen Zug utopischen Denkens vgl. Braun (Anm. 12), S. 95ff., S. 103ff.
17.
Rüdiger Voigt, Utopisches Staatsdenken, in: ders. (Hrsg.), Staatsdenken. Zum Stand der Staatstheorie heute, Baden-Baden 2016, S. 231–234, hier S. 233.
18.
Siehe z.B. Otfried Höffe (Hrsg.), Politische Utopien der Neuzeit, Berlin–Boston 2016; Thomas Schölderle (Hrsg.), Idealstaat oder Gedankenexperiment? Zum Staatsverständnis in den klassischen Utopien, Baden-Baden 2014.
19.
Vgl. Richard Saage, Das Ende der politischen Utopie?, Frankfurt/M. 1990, S. 26ff. Beispielhaft auch Robert Nozick, Anarchie, Staat, Utopia, München 1976.
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