Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Julian Dörr
Olaf Kowalski

Vom Tal auf die Insel? Vom kalifornischen Liberalismus zur Sozialutopie Seasteading

Kalifornischer Liberalismus

Im Silicon Valley sind solche libertären Ordnungsvorstellungen weit verbreitet. Von Larry Page, Vorstandsvorsitzender von Alphabet, dem Mutterkonzern Googles, ist ein eindrückliches, das negative Staatsverständnis offenbarende Zitat überliefert: "Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind. Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben."[20] Obwohl angesichts der Bandbreite an Weltanschauungen eine Generalisierung zu einem einzelnen Paradigma schwerfällt, kann unter den führenden Vertretern des Silicon Valley dennoch eine Tendenz der Staatsskepsis festgestellt werden, sodass zumindest von einem Liberalismus kalifornischer Prägung ausgegangenen werden kann.[21]

Diese Ordnungsidee rückt das Individuum und den Markt ins Zentrum, zielt auf weniger und zugleich klügere Regulierung und weist eine tief sitzende Ablehnung gegenüber Einschränkungen persönlicher Freiheit auf. Wie weit die kalifornische Spielart von der kontinentaleuropäischen Tradition des Liberalismus entfernt ist, die die freie Entfaltung des Menschen in einem Ordnungsrahmen sucht und entsprechend dem wirkungsmächtigen Staat eine ganz entscheidende Funktion beimisst,[22] zeigt der Umgang mit neuen Technologien und Geschäftsmodellen: Aus Sicht der kalifornischen Ordnungsidee gilt es, zunächst für Zukunftsfelder (künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren) Restriktionen möglichst zu beseitigen und erst im Nachhinein gegebenenfalls regulativ einzuschreiten. Somit müssen Verbote und Beschränkungen, denen ihre Geschäftsmodelle gerade in Europa unterliegen, den Unternehmen des Silicon Valley unverständlich erscheinen.

Hier klingt ein weiteres Kennzeichen der kalifornischen Ideologie an. Für das High-Tech-Tal ist ein Denken charakteristisch, das mit Blick auf soziale Probleme wie Armut, Ungleichheit oder Korruption Lösungen nicht in politisch-institutionellen Maßnahmen, sondern vorrangig in der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien sucht. Die totale Durchdringung der Welt durch die geeignete Technik ermöglicht die Selbstermächtigung des Menschen mittels Vernetzung, Transparenz und Effizienz:[23] Verwirklichungen hiervon können in Konzepten der "liquid democracy" oder "Kryptowährungen" gefunden wenden. Es überrascht kaum, dass die Vertreter des Silicon Valley aus dieser tiefen Überzeugung des "Solutionismus" einen Selbstanspruch zur Weltverbesserung ableiten. [24] Denn sie sind es, die als Technologietreiber vorangehen: "Die Welt steht vor vielen wirklich großen Herausforderungen, und unser Unternehmen liefert die Infrastruktur dafür, diese Herausforderungen zu meistern."[25]

Oft betreiben solche Unternehmen also nicht nur ihr Geschäft, sondern verfolgen darüber hinaus eine Agenda der Sozialreform. Neben der Inszenierung von über reine Kaufprozesse hinausgehenden sozialen Erlebnisräumen[26] finden sich bezeichnende Unternehmensmotti wie "Don’t be evil" bei Google und etwa bei Alphabet mit dem "Project Loon" das Vorhaben, mittels smarter Ballons das Internet in die entlegensten Ecken der Welt bringen. Dieses Sendungsbewusstsein ist auch auf die Entstehungsbedingungen des Silicon Valley in den 1990er Jahren zurückzuführen, die diese Californian Ideology als das "bizarre Mischmasch aus anarchistischer Hippie-Weltanschauung und ökonomischem Liberalismus, angereichert mit einem Schuss technologischem Determinismus" hervorgebracht haben.[27] Während die Technikgläubigkeit in der Überzeugung von den emanzipatorischen Möglichkeiten eines neuen Zeitalters, mit einem virtuellen Ort der Freiheit ohne staatliche Überwachung sowie uneingeschränktem Zugang zu Informationen für alle Menschen wurzelt, verweist das libertäre Element auf die Traditionslinie der Hippie-Bewegung mit ihrem Impetus, verschiedene Lebensstile zu erproben und jeden bedingungslos sein individuelles Glück suchen zu lassen.

Unabhängig von der Frage, ob es sich bei der philanthropischen Rhetorik möglicherweise bloß um cleveres Marketing handelt, lässt sich der wirtschaftliche Erfolg des kalifornischen Liberalismus, um den die Welt das Tal beneidet, nicht bestreiten – auch wenn paradoxerweise der Staat in der Frühphase maßgeblich dazu beigetragen hat.[28] Auch kulturell übt das kalifornische Narrativ eine hohe Anziehungskraft aus.[29] Nicht nur locken die Unternehmen als Gegenmodell zur "Old Economy" Arbeitskräfte aus der ganzen Welt an, für die der dort ausgeprägte Lebensstil attraktiv ist. Auch auf Veranstaltungen wie dem "Burning Man Festival", dessen Ursprünge ebenfalls in San Francisco liegen, versammeln sich Tausende von Besuchern auf einem Provisorium in der Wüste von Nevada, um gemeinsam Kunst zu produzieren und der menschlichen Kreativität ihren Lauf zu lassen. Wesentliches Anliegen dabei ist die Regellosigkeit: Alles ist erlaubt, solange es niemandem schadet – eine Reminiszenz an die Parole Rabelais’. Ein ähnliches Konzept liegt dem Kunst- und Kulturfestival "Ephemerisle" zugrunde, das seit 2009 am und auf dem Wasser des San Joaquin River Deltas stattfindet. Hinter dem Gedanken des Seasteading, neues, unberührtes Territorium in Besitz zu nehmen und das soziale Zusammenleben strukturell neu zu ordnen, steckt also die größere Ideologie des kalifornischen Liberalismus. Auf der Insel kann in Reinform all dies umgesetzt werden: "Eine Kolonialisierung von Meeres- und Inselräumen als Modelle idealisierter libertärer Gemeinschaften."[30]

Fußnoten

20.
Zit. nach Mathias Döpfner, Warum wir Google fürchten, 16.4.2014, http://www.faz.net/-12897463.html«.
21.
Im US-amerikanischen Sprachraum werden Liberale oft als "libertarians" bezeichnet, weil "liberals" linkspolitisch konnotiert ist.
22.
Siehe z.B. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen 1952.
23.
Eindrücklich zugespitzt wird dies in der Dystopie "The Circle" von Dave Eggers, London 2014: Dort verhindert eine Heerschar von Kameras, die von den Nutzern überall aufgestellt werden und auf die die gesamte Community in Echtzeit zugreifen kann, jegliche Kriminalität, da alles transparent und überwacht ist.
24.
Vgl. Evgeny Morozov, Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen, München 2013.
25.
Vgl. Mark Zuckerberg, Facebook’s Letter from Mark Zuckerberg – Full Text, 1.2.2012, http://www.theguardian.com/technology/2012/feb/01/facebook-letter-mark-zuckerberg-text«.
26.
Ein gutes Beispiel hierfür ist das Unternehmen Airbnb, dessen Mitgründer Brian Chesky postulierte: "Wir wollen Reisen das Magische wiedergeben.", http://www.wiwo.de/14949408-all.html«.
27.
Richard Barbrook/Andy Cameron, The Californian Ideology, in: Science as Culture 6/1996, S. 44–72, hier S. 59.
28.
So ging die Basisinnovation des Internets aus dem Projekt Arpanet des US-Militärs hervor, vgl. z.B. John Naughton, The Evolution of the Internet: from Military Experiment to General Purpose Technology, in: Journal of Cyber Policy 1/2016, S. 5–28.
29.
Zur Bedeutung von Leiterzählungen für das Verständnis der Marktwirtschaft siehe Jens Beckert, Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, Berlin 2018.
30.
Philip Steinberg/Elizabeth Nyman/Mauro Caraccioli, Freedom, Capital, and Floating Sovereignties in the Seasteading Vision, in: Antipode 4/2012, S. 1532–1555, hier S. 1532.
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Autoren: Julian Dörr, Olaf Kowalski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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