Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Wolf Dieter Otto

"Insularisches Denken" und das Problem der Kulturbegegnung. Eine xenologische Skizze

Geschlossene Gemeinschaft

Einen insularischen Denk- und Verhaltensstil illustriert ein kleiner Text von Franz Kafka, der den Titel "Gemeinschaft" trägt.[5] Aus einer Gruppe von fünf Freunden wird in den Augen der sie beobachtenden Mitmenschen eine "Gemeinschaft" geformt, nur weil sie einem "Haus" zugehörig sind. Gestört wird die Freundesgruppe, die ihr Leben als "friedlich" empfindet, durch die Versuche eines Sechsten, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Die Gemeinschaft wird von Kafka als eine Festung geschildert, die sich gegen Neuankömmlinge abschirmt. Der Neue ist "lästig" und will sich immerzu "einmischen", aber sie wollen ihn nicht im geringsten Maße willkommen heißen: "Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet." Die Gruppe der Fünf ist sich der Zufälligkeit ihrer Gemeinschaftsbildung durchaus bewusst, was auch ein Grund sein könnte, eine neue Person zu akzeptieren. Aber apodiktisch heißt es nur: "Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein." Ihre Entschlossenheit führt zur Ablehnung jeglicher Kommunikation, da alle "Erklärungen" bereits "fast eine Aufnahme in unsern Kreis bedeuten" würden; die Fünf setzen auch Gewalt ein. Doch "mögen wir ihn noch so sehr wegstoßen", der Wunsch dazuzugehören ist stärker: "Er kommt wieder." Sie werden den Fremden nicht los – er ist da und als Außenseiter durchaus Teil der Gemeinschaft.

Die xenologische Lesart des Textes zeigt, dass es Kafka in diesem sehr kurzen Text prägnant gelingt, einige wichtige Elemente des extremen, ja radikalen insularischen Denkens aufzuzeigen: die Überzeugung, eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden, die Verweigerung jeglicher Kommunikation mit den anderen sowie die Bereitschaft zu gewalttätiger Verteidigung des eigenen Bezirks. Gleichwohl bleibt der andere, dessen Unzugehörigkeit fortwährend behauptet wird, anwesend und wird gerade nicht dazu gebracht, auf Zugehörigkeit zu verzichten. Ganz offensichtlich wird er als Eindringling, als Feind angesehen. In jedem Fall ist er überflüssig, der Sechste, den die Gruppe der Fünf nicht aufnehmen will. Er ist, um es mit den Worten des Soziologen Georg Simmel aus dem "Exkurs über den Fremden" auszudrücken, ein "Supernumerarius", ein Überzähliger, und seine soziale Position liegt im "Dazwischen", zwischen Zu- oder Unzugehörigkeit.[6]

Es verwundert nicht, dass Kafka keinerlei Problemlösungen andeutet, vielmehr nur Fragen provoziert: Wer ist dieser Fremde? Auf welchen Gemeinsamkeiten baut die Gemeinschaft der Fünf auf? Sind es Überzeugungen politischer oder religiöser Art, ethnische oder soziale Herkunft beziehungsweise Zugehörigkeit?

Wie eine solche Gemeinschaft zustande kommt, hat die Forschung, insbesondere zum Begriff der Nation, gezeigt: Alle Gruppenbildungsprozesse besitzen ihr zufolge den Charakter eine Konstruktion. Gruppen oder Gemeinschaften "erfinden" sich und machen diese Erfindungen in Narrativen zugänglich.[7] In den Narrativen wird freilich der Konstruktcharakter der Gemeinschaft nicht thematisiert, sondern als eine objektive Gegebenheit unter Rekurs auf "Natur" und "Geschichte" ausgegeben. So wie die eigene Herkunft wird auch die Figur des Fremden als Wunsch- oder Feindbild konstruiert; in jedem Fall handelt es sich um vorurteilsgeleitete Zerrbilder. Verflüssigt werden die gegenseitigen Zuschreibungen erst wieder, wenn es zu Kommunikation und Austausch kommt.

Fußnoten

5.
Franz Kafka, Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod, Frankfurt/M. 1976, Bd. 5, S. 108.
6.
Georg Simmel, Exkurs über den Fremden, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesammelte Werke, Bd. 2, Berlin 19685 (1908), S. 509–512, hier S. 509.
7.
Vgl. z.B. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Frankfurt/M. 1988, S. 15f.
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Autor: Wolf Dieter Otto für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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