Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Wolf Dieter Otto

"Insularisches Denken" und das Problem der Kulturbegegnung. Eine xenologische Skizze

"Überfremdung" durch "Gäste"

Während im Text von Kafka die Grenze zu den Fremden ganz deutlich markiert wird, thematisiert Max Frisch in seinem Essay "Überfremdung" von 1965 die Reaktion der Landesbewohner auf die Ankunft von Fremden, die zum Zwecke der Arbeitsaufnahme angeworben worden waren.[8] Mit diesem Text wandte sich der Schweizer Schriftsteller gegen die nach ihrem Initiator benannte "Schwarzenbach-Initiative", die vor dem Hintergrund der Anwerbeabkommen der 1960er Jahre den Anteil ausländischer Bevölkerung in jedem Kanton auf zehn Prozent beschränken wollte. Seine Aktualität gewinnt der Text angesichts der aktuellen Konjunktur des Begriffs "Überfremdung" in fremdenfeindlichen Diskursen.

Im Kontext der Analyse insularischen Denkens nimmt der Essay jedoch einen anderen Stellenwert ein. Im Unterschied zu Kafkas literarischem Szenarium einer schroffen Entgegensetzung des Eigenen und des Fremden geht Frisch von dem realen Umstand aus, dass die Fremden nur in ihrer Funktion als "Arbeitskräfte" willkommen geheißen wurden, nun aber "Menschen" gekommen seien und die Einheimischen sich durch das "andere" Verhalten der "Gastarbeiter" in ihrem nationalen und kulturellen Selbstverständnis bedroht fühlten.[9] Frisch würde die Bezeichnung "Fremdarbeiter" bevorzugen, weil sie aus der "Fremde" kommen, als Zuwanderer im Sinne des lateinischen peregrinus, das ohne wertende Konnotation eine Person bezeichnet, die von außen kommt.[10] Der Begriff "Fremdarbeiter" war aber aufgrund seiner NS-belasteten Vergangenheit im Deutschen disqualifiziert, was dazu führte, dass sich die Bezeichnung "Gastarbeiter" durchsetzte. Im Gegensatz zu peregrinus schwingt im deutschsprachigen Begriff des Gastes immer die Doppeldeutigkeit von "Gast" und "Feind" mit.[11]

Statt der Gemeinsamkeiten werden die Unterschiede überbetont, was zur schroffen Abgrenzung und dem Wunsch nach Begrenzung der "Überfremdung" durch Kontingentierung führt, um sich nicht "fremd im eigenen Land" zu fühlen. In dieser Figuration der Wahrnehmung des Fremden dominiert der Wunsch nach Kontrolle, nicht zuletzt auch, um das Eigenbild des für seine "Humanität und Toleranz" berühmten "kleinen Herrenvolkes" aufrecht zu erhalten. Max Frisch führt die Fremdenfeindlichkeit seiner Landsleute auf die Folgen der "geistigen Landesverteidigung" während des Zweiten Weltkriegs zurück, einer Haltung, die zur Besinnung auf die "schweizerischen Werte" aufrief. Dieses Selbstbild der eigenen Humanität und Toleranz verfestigte sich nach dem Krieg, anstatt nach überstandener Gefahr überprüft zu werden. Genau dieses Ziel verfolgt Frisch, der zu den ersten Schweizer Intellektuellen gehörte, die eine kritische Hinterfragung der Vergangenheit verlangten, um für neue Herausforderungen wie etwa Migrationsprozesse gerüstet zu sein.

Die Widersprüche in diesem Selbstbild umfassen mehrere Ebenen. Auf der einen Seite steht die funktionale Auffassung der Fremden als Arbeitskräfte, die vor allem nützlich für die Volkswirtschaft sind und zumindest als "Kostenfaktoren" berechenbar und kontrollierbar scheinen. Der Vorteil der ökonomischen Auffassung besteht in der Ausblendung aller kulturellen Faktoren. Auf der anderen Seite lässt sich Humanität und Toleranz als Faktor von "Weltoffenheit" gut mit der Auffassung der Fremden als "Gäste" in Verbindung bringen. Der Vorteil des Gastverhältnisses besteht darin, dass der Aufenthalt per se vom "Hausherrn" begrenzt, also nur von vorübergehender Dauer ist. Der Übergang von einer Willkommenskultur zu eine Abschiebekultur ist auf dieser Ebene fließend möglich.[12]

Die Gastzuschreibung ist ein beliebtes Vorgehen von Inselbewohnern, die gerne unter sich bleiben, aber nicht fremdenfeindlich und zudem weltoffen erscheinen wollen. Dem Gast wird ein Extraraum, der "Transitraum" zugewiesen, er gehört nicht dazu und soll auch nicht dazugehören. Die Migrationsgeschichte zeigt, dass die Gastfunktion und das Gastrecht vor allem in nomadischen Gesellschaften einen wichtigen Zwischenbereich für den Umgang mit dem als bedrohlich empfundenen unbekannten Fremden erfüllte, aber keine Grundlage für seine dauerhafte Integration sein kann.[13] Die funktionale Auffassung der Menschen als bloße Arbeitskräfte gepaart mit dem Gastverhältnis reduziert alle Anstrengungen zur gegenseitigen Vermittlung von Kulturen auf ein Minimum, weil es sich – aufgrund des zeitlich begrenzten Aufenthalts des Gastes – ja "ohnehin nicht lohnt", und erhöht die kulturellen Folgekosten um ein Vielfaches für alle, aber vor allem für die Neubürger, weil zum Beispiel durch vernachlässigte oder nicht erfolgte Bildungsmaßnahmen (Sprachkursangebote, kulturelle Überbrückungsmaßnahmen, monokulturelle Lehrerausbildung) das Gefühl erzeugt wird, Mitbürger zweiter Klasse zu sein. Ein Kristallisationspunkt insularischen Denkens ist hier also die Weigerung, sich als ein Einwanderungsland zu sehen und politisch und kulturell darauf einzustellen.[14]

Frischs kritische Einwände halten den Schweizern ein Selbstbild vor, das an der Realität der schlechten Behandlung der Fremden scheitert. Sie werden ihren eigenen Ansprüchen bezüglich Humanität, Freiheit und Toleranz nicht gerecht. Im erweiterten Sinn stehen diese Einwände im Kontext der Thematisierung des Begriffs Heimat, da sich die Begriffe "Heimat" und "Gast" fast schon zwangsläufig gegenseitig ausschließen, und der Frage, inwieweit die Schweiz eine Heimat sein kann, und zwar auch für jene Neubürger.[15] Für die Frage, welche Bereitschaft und Fähigkeit in einer Gesellschaft existiert, Fremde als gleichberechtigte Bürger aufzunehmen, ist die kritische Inspektion der eigenen Kultur und ihres Wertehaushalts von höchster Bedeutung. In diesem Fall geht es konkret darum, dass Frisch den Verdacht hat, dass Toleranz nur als Wert proklamiert, nicht aber praktiziert wird. Aus diesem Grund erwähnt er am Ende seines Essays die Notwendigkeit, den "Begriff der Schweiz in die Reparatur" zu schicken.[16]

Fußnoten

8.
Max Frisch, Überfremdung, in: ders., Öffentlichkeit als Partner, Frankfurt/M. 1967, S. 100–104.
9.
Vgl. ebd. Die berühmt gewordene Formulierung lautet: "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen."
10.
Vgl. das Bedeutungsspektrum des Begriffs "fremd" im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GF08627#XGF08627«.
11.
Der lateinische Ausdruck für Gast, hospes, bedeutet im Deutschen "Gast" und "Fremder"; im Englischen ist der lateinische Ursprung z.B. im Wort hospitality (Gastfreundschaft) erhalten geblieben. Vgl. Corinna Albrecht/Alois Wierlacher, Kulturwissenschaftliche Xenologie, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), Konzepte der Kulturwissenschaften, Stuttgart–Weimar 2003, S. 280–306, insb. S. 297.
12.
Vgl. dazu Herfried Münkler/Marina Münkler, Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft, Berlin 2016, S. 149–163, insb. S. 151f., S. 162.
13.
Vgl. ebd. Für eine breite Auffächerung des Themas siehe Alois Wierlacher (Hrsg.), Gastlichkeit. Rahmenthema der Kulinaristik, Berlin–Münster 2011.
14.
Die daraus resultierende Enttäuschung dokumentiert Can Merey, Der ewige Gast. Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden, München 2018.
15.
Vgl. auch Frischs Fragebogen zum Thema Heimat in: Max Frisch, Tagebuch 1966–1971, Frankfurt/M. 1979, S. 382–385.
16.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Proklamierte und praktizierte Toleranz, in: Alois Wierlacher/Wolf Dieter Otto (Hrsg.), Toleranztheorie in Deutschland (1949–1999). Eine anthologische Dokumentation, Tübingen 2002, S. 143–150.
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Autor: Wolf Dieter Otto für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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