Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Wolf Dieter Otto

"Insularisches Denken" und das Problem der Kulturbegegnung. Eine xenologische Skizze

Schiffsverkehr zwischen Insel und Kontinent

Folgt man dem Schweizer Schriftsteller Francesco Micieli, der die Debatten um die Schwarzenbach-Initiative miterlebte, ist diese Reparatur misslungen oder, positiv ausgedrückt, dauert an. Micieli, der als Kind mit seinen Eltern aus Italien in die Schweiz einwanderte, stellt fest, dass sich seit Frischs Diagnose nichts an der Ablehnung von Fremden in Teilen der Gesellschaft wirklich geändert hat.[17] Anlass zu dieser Feststellung ist seine Rückkehr nach Lützelflüh im Emmental 2012, um in seiner "Heimat" einen Vortrag zu "Gotthelf und die Fremden" zu halten. Die Plakate der jüngsten Initiative "Stoppt die Masseneinwanderung!" kann er dabei nicht übersehen. Micieli bringt in diesem Zusammenhang eine Kluft zwischen dem wissenschaftlichen Kulturdiskurs und dem Alltagsdiskurs der Einheimischen über Kultur zur Sprache. Lange Zeit war das auch in den Literatur- und Kulturwissenschaften sichtbar, die mit einem Sprachverständnis operierten, demzufolge die "Muttersprache" die entscheidende Kompetenz für kulturelle Teilhabe ist. Ausländer und Fremdsprachensprecher konnten so zwangsläufig keinen Eingang finden in den Kanon "deutscher" oder "Schweizer" Literatur – sie blieben "Gäste". Mit diesem Vorgehen liefert die Kultur- und Literaturwissenschaft ein paradigmatisches Beispiel für insularisches Denken. Allerdings lässt sich eine Kontinuität der Reparaturbemühungen feststellen, die auch den vermeintlich innersten Bezirk "identitätsstiftender" Literatur ergreift. Dass Literatur- und Kulturwissenschaften vermehrt die Grenzen ihrer jeweiligen Nationalphilologien überschreiten, steht in einem Zusammenhang mit den weltweiten Migrationsbewegungen, die es nicht mehr ohne Begründung erlauben, sich mit Kultur und Literatur verengt auf die Maßgaben eigenkultureller wissenschaftlicher Interessen zu beschäftigen.

Das Neuartige am Beispiel Micieli ist jedoch, dass die "Neubürger", die "fremden Einheimischen", die ehemaligen Migranten, sich selbst aktiv an der "Reparatur" beteiligen und so den Kulturdiskurs der einheimischen Gesellschaft um neue Perspektiven ergänzen. Es findet also ein Kulturaustausch statt, in dem die ausschließliche Konzentration auf die Innenansicht durch kulturelle Außenperspektiven aufgebrochen wird. Zwischen der "Insel" und dem "Kontinent" findet Schiffsverkehr statt. Das für die Inselbewohner Selbstverständliche und Fraglose wird in der kontinentalen Sichtweise ein Grund für Fragen und umgekehrt. Der Austausch widerspricht der Überzeugung, dass die Eigenkultur über ihr gesamtes Entwicklungspotenzial verfügt und sich die Kulturentwicklung aus sich heraus gestaltet.

Ein wesentliches Element des Aufbrechens insularischen Denkens besteht in der Überprüfung der in der eigenen Kultur existierenden Narrative, Überzeugungen und Wertesysteme, auch mit der Beteiligung der "neuen Bürger", mit der Außenwelt also, um einen Anschluss an das kontinentale Denken zu gewinnen. Für Max Frisch bedeutet das eine Auseinandersetzung mit dem schweizerischen Verständnis von Heimat und dem Nationalmythos, dem "Freiheitshelden" Wilhelm Tell,[18] dessen bekannteste Gestaltung sich selbst einer Form des Kulturaustauschs mit dem deutschen Dichter Friedrich Schiller verdankt.

Die Schweiz ist nur ein Beispiel. Vieles trifft auch auf Deutschland zu: So liegt auch hier ein wesentlicher Grund für eine Neuausrichtung nationaler Narrative in der Überprüfung des Geschichtsverständnisses. Verfolgt man den Diskurs nach 1945, wird man schnell bemerken, dass im Unterschied zur Schweiz kaum nur von einer "Reparatur" die Rede sein kann.[19] Hier hat das insularische Denken zu einem Zivilisationsbruch geführt. Nach 1945 ging es für Deutschland um eine Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker und eine Rückkehr zum kontinentalen Denken. Zum einen kommen dafür pädagogische Maßnahmen von außen in Form eines reeducation-Programms in Gang, und zum anderen beginnt ein bis heute andauernder vielfältiger internationaler Diskurs über die Gründe, die zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führten und welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Bereits ein kurzer Blick auf den Diskurs zeigt, dass an ihm immer "ausländische" Stimmen beteiligt wurden und insbesondere in der Gegenwart sind die "neuen Deutschen"[20] dabei längst wichtige Akteure.[21]

So plädiert Zafer Şenocak, deutscher Schriftsteller türkischer Herkunft, für eine "Reform des Deutschseins", womit er die Abkehr von einem Nationalgefühl meint, das auf ethnischer Abstammung beruht und sich über Abgrenzung beziehungsweise Exklusion reguliert. In einem Radioessay fragte er 2010: "Kann ein guter Deutscher wirklich nur sein, wer kein Türke mehr ist? Das polarisierende Denken löst eine Verkrampfung zwischen nationalen Identitäten aus. Eine Einwanderungsgesellschaft, die erfolgreich sein will, braucht aber ein entspanntes Verhältnis gegenüber den nationalen Identitäten."[22] Für Şenocak ist das kritisierte Nationalgefühl "keine Abstraktion. Es ist ein Ferment der Identität, das im Hinterland der Sprache und des Bewusstseins gelagert ist."[23] Lokalisiert wird die Fundierung des Nationalgefühls in ethnischer Abstammung, die in der Zeit nach 1945 sowie im Kontext der Vereinigung 1990, so Şenocak, nicht oder noch nicht überwunden werden konnte.

Das Stichwort ist hier erneut die Negation der Einwanderungsgesellschaft. In dem über mehrere Jahre laufenden Projekt "Deutsche Zustände" des Soziologen und Erziehungswissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer ist dies empirisch als "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" bestätigt worden.[24] Şenocaks Kritik trifft einen wunden Punkt, von dem aber nicht gesagt werden kann, dass er in der Vergangenheit beschwiegen wurde. Ganz im Gegenteil hat dieser Diskurs sogar symbolhaft Eingang in das Kunstprogramm des Deutschen Bundestages gefunden: Im Westflügel des ehemaligen Reichstagsgebäudes steht eine Installation des Konzeptkünstlers Hans Haacke, die den Titel "Der Bevölkerung" trägt und eine Reaktion auf die Inschrift "Dem Deutschen Volke" im Giebel des Gebäudes ist. Über die Umsetzung der Installation wurde im Bundestag und in den Medien sehr kontrovers gestritten.[25] Hintergrund war die Reform des Staatsbürgerrechts im Jahr 2000, bei der das Abstammungsprinzip um Elemente des Geburtsortsprinzips ergänzt wurde.

Fußnoten

17.
Vgl. Francesco Micieli: Schwazzenbach. Schlaflos in Lützelflüh. Erzählung. Oberhofen am Thunersee 2012, S. 9–13. In Lützelflüh wuchs Micieli auf; es ist gleichzeitig der Standort des Gotthelf-Zentrums, das der Pflege des aus dem Emmental stammenden Schriftstellers Jeremias Gotthelf gewidmet ist, der in der Schweiz zum Nationalautor stilisiert worden ist. Siehe auch http://www.gotthelf.ch/de«.
18.
Vgl. Max Frisch, Wilhelm Tell für die Schule, Frankfurt/M. 1971.
19.
Für einen Überblick über den Diskurs vgl. z.B. Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Deutschland! Deutschland? Texte aus 500 Jahren von Martin Luther bis Günter Grass, Frankfurt/M. 2002.
20.
Münkler/Münkler (Anm. 12).
21.
Exemplarisch seien genannt Navid Kermani, Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, München 2009; Zafer Şenocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, Hamburg 2011.
22.
Zafer Şenocak, Migration als Einbahnstraße, 1.8.2010, https://www.deutschlandfunk.de/migration-als-einbahnstrasse.1184.de.html?dram:article_id=185396«.
23.
Şenocak (Anm. 21), S. 25
24.
Wilhelm Heitmeyer, Leben wir immer noch in zwei Gesellschaften? 20 Jahre Vereinigungsprozeß und die Situation Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: ders. (Hrsg.), Deutsch-deutsche Zustände. 20 Jahre nach dem Mauerfall, Bonn 2009, S. 13–52.
25.
Vgl. Deutscher Bundestag, Hans Haacke. Projekt "Der Bevölkerung" im Reichstagsgebäude, 12.8.2011, http://www.bundestag.de/besuche/kunst/kuenstler/haacke/haacke/198996«; Der Bevölkerung, Projekthistorie, Bundestagsdebatte zum Kunstwerk vom 5.4.2000, http://derbevoelkerung.de/das-projekt/«. Die Projektwebseite dokumentiert auch die kontroverses Stellungnahmen zu dem Projekt.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Wolf Dieter Otto für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.