Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Wolf Dieter Otto

"Insularisches Denken" und das Problem der Kulturbegegnung. Eine xenologische Skizze

Schlussfolgerung

Nachdem im Verlauf dieser Skizze verschiedene Figurationen insularischen Denkens diskutiert wurden, steht die Frage im Raum, worin die Attraktivität dieses Denkstils liegt. Offensichtlich ist sie so groß, dass er in unterschiedlicher Intensität in verschiedenen Kontexten immer wieder in Erscheinung tritt. Es spricht einiges dafür, dass die Insel das Bedürfnis nach einer Übersichtlichkeit von Lebensbezügen, eine Sicherheit des Gewohnten und Fraglosen sowie eine gewisse Einheitlichkeit des Denkens, Fühlens und Wahrnehmens zu befriedigen scheint, deren Vorteil auch darin besteht, mit anderen geteilt zu werden. Die Attraktivität und Verführungskraft liegt somit im enormen Potenzial der Vereinfachung des komplexen Begriffs "Kultur" auf ein räumliches Gebilde mit eindeutigen Grenzen. Einfache und leicht verständliche Antworten zur Frage von Zugehörigkeit und Unzugehörigkeit, also von Identität und Heimat, werden ermöglicht. Ihr bildhafter Ausdruck lässt kaum Fragen aufkommen.

Zur Ambivalenz der Insel-Metapher gehört die Ahnung, dass es eine Verbindung zum "Kontinent" gibt und eine extreme Isolation keine Perspektive auf die "Außenwelt" anbietet, außer der, dass es noch andere "Inseln" gibt. Das ist die Konstellation des extremen Kulturrelativismus, dem ein ebenso extremer Universalismus entgegengesetzt werden kann. Während die einen die Insel und ihre Grenzen hochhalten und durch Mauern befestigen, kennen die anderen keine Grenze und machen keinen Unterschied zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Beides sind Optionen, die den Wirklichkeitsverhältnissen nicht angemessen sind.

Angemessen sind vielmehr Denkstile, die diese Extremismen vermeiden. Die Entscheidung ist dann nicht die zwischen der Insel oder dem Kontinent, sondern vielmehr, wie Insel und Kontinent miteinander kommunizieren und kooperieren können, womit wieder an die eingangs zitierte Aussage von John Donne erinnert sei. Sie soll deshalb so interpretiert werden, dass es um das Bewusstsein von den impliziten Anschlussmöglichkeiten beider Denkstile geht. Konkret heißt das, dass es durchaus eine universale und allen Menschen gemeinsame "Kultur" gibt, die aber in spezifischer Art und Weise ausgelebt wird. Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit sind dann keine sich ausschließenden Elemente, sondern signalisieren vor allem eine andere kulturelle Praxis.[26] Eine derartige Auffassung ist dem abstrakten Begriff "Kultur" weit angemessener und legt für die Praxis der kulturellen Bildung vor allem den Verzicht auf den verführerischen Gebrauch von Metaphern von Kultur nahe. Was wird durch den Verzicht gewonnen? Die Chance besteht darin, die monokulturelle Bestimmung von "Kultur" in einen dialogischen Prozess zu überführen, in dem Innen- und Außenperspektiven gleichermaßen zur Geltung kommen.

Fußnoten

26.
Vgl. Christoph Antweiler, Was ist den Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen, Darmstadt 20092.
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Autor: Wolf Dieter Otto für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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