Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Jan-Martin Zollitsch

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Island Studies als Forschungsprogramm

Das Potenzial von Inseln als "heuristischen Denkfiguren"[5] erschöpft sich indes nicht im Nachzeichnen von (dislozierten) Inseldiskursen und ihren (lokalisierbaren) Auswirkungen. Auf der anderen Seite leitet auch eine Essenzialisierung des Ortes "Insel" fehl, also die Reduzierung auf natürliche, vermeintlich wesenseigene, unveränderliche Gegebenheiten. Die Popularität einer Reihe inselzentrierter evolutionsbiologischer und ethnologischer Klassiker[6] ließ Inseln fast schon zu einem fixen Prinzip und zu Angelpunkten der Wissenschaft werden. Lange strukturierte so auch das statische Modell der Insel als eines (ab)geschlossenen Ökosystems die Ausrichtung inselbiogeografischer Artenschutzprojekte,[7] bevor "Biodiversität" zu einem dynamischeren, übergreifenden Leitbegriff werden konnte.[8] Jenseits suggestiv geprägter Forschung, die Inseln entweder als "Fokus" versteht – oft genug auch als "Topos" (griech. "Ort"), in einem von feststehenden Begrifflichkeiten geprägten Reden über Inseln – oder als "Locus" (lat. "Ort") – der Verabsolutierung einer geografischen Bedingung als Erfahrung vor Ort –, mehren sich mittlerweile die Forderungen nach einem "archipelagischen Denken".[9]

Als wichtiger Denkanstoß mag hier die postmoderne Zersplitterung und spielerische Dekonstruktion althergebrachter Gewissheiten gewirkt haben, zum Ausdruck gebracht etwa in der provozierenden Überspitzung "No Island Is an Island" (2000) des italienischen Kulturhistorikers Carlo Ginzburg.[10] Ein Forum für methodische Überlegungen in diese Richtung – wie auch für die Präsentation von Forschungsergebnissen – bietet seit 2006 das halbjährlich erscheinende, internationale "Island Studies Journal", eine frei zugängliche digitale Fachzeitschrift, die vom Institute of Island Studies der kanadischen University of Prince Edward Island betreut wird. Sie führt das gleichnamige junge Forschungsfeld an, das sich gegenwärtig an der Profilierung der erkenntnistheoretischen Versprechen vorzugsweise kleinerer Inseln versucht.

Das im Entstehen begriffene Fach mit der Bezeichnung "Island Studies" empfängt dabei Impulse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, was für eine gewisse Heterogenität und Anzahl an Debatten sorgt. Die Bandbreite behandelter Aspekte ist folglich vielfältig und reicht, um nur einige Beispiele zu nennen, von den verkehrspolitischen Herausforderungen Hongkongs bis hin zu den "Island Studies" als explizit "dekolonialem Projekt", von den Auswirkungen des Klimawandels auf Inseln in vergleichender, interdisziplinärer Perspektive bis hin zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten von Inseln zwischen kooperativen Gegenentwürfen zu patriarchalen Wirtschaftsverhältnissen und ihrer Funktion als Finanzparadiese in einem "archipelagisch" strukturierten Weltwirtschaftssystem. Für den Moment entfällt das Gros der Beiträge auf die Sozialwissenschaften, doch besteht Aussicht darauf, dass über die Thematik "Inseln" generell die Geistes- und Naturwissenschaften in einen gegenstandsorientierten Austausch treten könnten.

Multiperspektivisch-archipelagisches Denken

In neueren Studien werden Inseln differenzierter als "archipelagisch" entworfen, als "Beziehungsgeflechte"[11] inklusive ihres "Hinterlands".[12] Über einen schematischen Zentrum-Peripherie-Dualismus hinaus tritt ein Pluralismus sich überlagernder Prozesse und Räume in den Vordergrund.[13] Überspitzt gesagt: Das Eiland ist ein Archipel.

Um diesen Gedanken nicht beliebig erscheinen zu lassen, bedarf es der Methodisierung: "Ein Archipel umfasst eine Inselgruppe einschließlich des dazwischen liegenden Gewässers."[14] Ausgehend von dieser Standarddefinition könnte "archipelagisch" bedeuten, die vermeintliche Evidenz "Insel" – ein zeichenhaft und isoliert aus dem uniformen Blau des Gewässers aufragender Monolith – aufzubrechen und für den Kontext zu erschließen. Archipelagische Konstellationen – und damit eben auch Inseln – sind so als verflochten und zugleich offen zu denken, als modular-anschlussfähig. Sie können Beziehungen aufzeigen – vom interinsularen Austausch bis zur Einbindung in globale Prozesse –, Asymmetrien offenlegen und vor allem Multiperspektivität beanspruchen. Die Insel ist nicht selbstevident, es ist die Perspektive, die Mobilität, die die Insel konstituiert.[15] Über die Frage nach der "richtigen" Berücksichtigung der historisch oft subalternen, indigen-originären Inselperspektive jenseits der Fortsetzung extern-kolonialer Überformungen wird innerhalb des Forschungsfelds kontrovers diskutiert, wie der Ethnologe Adam Grydehøj, Herausgeber des "Island Studies Journal", unlängst in zwei durchaus selbstkritischen Beiträgen offenbarte.[16]

Fußnoten

5.
Elaine Stratford et al., Conversations on Human Geography and Island Studies, in: Elaine Stratford (Hrsg.), Island Geographies. Essays and Conversations, New York–Abingdon 2017, S. 144–159, hier S. 151.
6.
Vgl. z.B. Charles Darwin, On the Origin of Species, London 1859; Margaret Mead, Coming of Age in Samoa, New York 1928.
7.
Siehe dazu auch den Beitrag von Rebecca Hofmann und Uwe Lübken in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Libby Robin, No Island Is an Island, 18.12.2014, https://aeon.co/essays/island-mindedness-has-no-place-in-a-cosmopolitan-age«.
9.
Elaine Stratford et al., Envisioning the Archipelago, in: Island Studies Journal 2/2011, S. 113–130, hier S. 120; vgl. Owe Ronström, Finding Their Place: Islands as Locus and Focus, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 153–165.
10.
Carlo Ginzburg, No Island Is an Island. Four Glances at English Literature in a World Perspective, New York 2000.
11.
Michael Borgolte/Nikolas Jaspert, Maritimes Mittelalter – Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.), Maritimes Mittelalter. Meere als Kommunikationsräume, Ostfildern 2016, S. 9–34, hier S. 19.
12.
Godfrey Baldacchino, The Coming of Age of Island Studies, in: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 3/2004, S. 272–283, hier S. 273.
13.
Vgl. Markus P. M. Vink, Indian Ocean Studies and the "New Thalassology", in: Journal of Global History 1/2007, S. 41–62.
14.
Andreas Mieth/Hans-Rudolf Bork, Inseln der Erde. Landschaften und Kulturen, Darmstadt 2009, S. 15.
15.
Vgl. Stratford et al. (Anm. 5), S. 157. Siehe auch den Beitrag von Arndt Kremer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
16.
Vgl. Adam Grydehøj, Editorial: A Future of Island Studies, in: Island Studies Journal 1/2017, S. 3–16; ders., Hearing Voices: Colonialism, Outsider Perspectives, Island and Indigenous Issues, and Publishing Ethics, in: Island Studies Journal 1/2018, S. 3–12.
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