Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Jan-Martin Zollitsch

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Guam und die Frage der Dekolonisation

Ein archipelagischer Aufriss der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika öffnet den Blick für die "Greater United States", die über die nordamerikanische Landmasse hinausgehen und auch Guam einschließen.[21] Dessen Bedeutung in seiner Eigenschaft als US-Außengebiet und wichtigem US-Militärstützpunkt wächst sogar ganz beträchtlich, wenn man unter den "Greater United States" ein "Reich, das hauptsächlich aus Inseln und Überseestützpunkten besteht",[22] versteht. Die größte und bevölkerungsreichste Insel der Marianen – 167358 Einwohner*innen auf einer Fläche von 544 Quadratkilometern, wobei über ein Viertel der Inselfläche dem Militär vorbehalten ist[23] – wurde in der Forschung zuletzt nacheinander als Teil eines "imperialen Archipels" nach 1898, der "Pacific bloodlands" des Zweiten Weltkriegs und der "base nation" von heute wiederentdeckt.[24]

Nachdem Guam als koloniales Projekt auf der "kognitiven Karte" des spanischen Königreichs zunehmend verblichen war und in der Spätzeit nur noch als Strafkolonie diente, belebte die Insel nach dem nahtlos-kampflosen Übergang in US-Besitz 1898/99 kurzzeitig die amerikanische Vorstellungswelt. Der einflussreiche Marinevordenker Alfred Thayer Mahan hatte in Washington erfolgreich für die Inbesitznahme der Insel lobbyiert, wohingegen sich die ausführenden Marinesoldaten verwundert fragten: "Wieso Guam, wo liegt das überhaupt, und was wollen wir damit?"[25] Wechselnde Gouverneure der US-Marine regierten die Insel und ihre Bewohner*innen in der Folge selbstherrlich mit entwicklungsdiktatorischem Impetus oder chauvinistischem Desinteresse, ihr persönliches Regiment als zivilisatorisches Projekt verstehend, das vor allem die Macht des mittlerweile eng mit der Chamorro-Kultur verwobenen Katholizismus brechen sollte.[26] Vorsichtige Versuche einer insularen Selbstermächtigung wurden weiterhin abgewiesen, erst mit der von Washington gewährten Liberalisierung infolge des Organic Act von 1950 konnte eine – wenn auch weiterhin begrenzte und stets unter Vorbehalt schwebende – Selbstverwaltung entstehen, deren Ausgestaltung bis heute für Spannungen sorgt. So besitzt die Guamer Vertretung im US-Repräsentantenhaus kein Stimmrecht und die Bewohner*innen Guams trotz amerikanischer Staatsbürgerschaft kein Wahlrecht bei den Präsidentschaftswahlen. Die US-Verfassung gilt somit nur eingeschränkt, was Guam unverändert in einem subalternen politisch-rechtlichen Zwischenstatus als "unincorporated territory" schweben lässt.[27]

In seiner letzten Rede zur Lage der Insel drohte Gouverneur Eddie Calvo am 13. Februar 2018 fast schon mit einer Art Guamer Unabhängigkeitserklärung, indem er provokant die Ungerechtigkeiten, denen sich seine Insel fortwährend ausgesetzt sähe, mit der Situation am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs verglich: "Meine Damen und Herren, ich frage mich, wie Thomas Jefferson und Joseph Warren, würden sie heute leben, auf diese ‚taxation without representation‘ reagieren würden."[28] Auch wenn solche Forderungen nach einer "Dekolonisation" Guams bisweilen taktischem Kalkül geschuldet sind, birgt die Rede des Gouverneurs durch die Anrufung der Gründerväter der USA gegen das "Mutterland" ein paradigmatisches postkolonial-emanzipatorisches Potenzial, das über das bloße rhetorische Manöver hinausgeht.

Fußnoten

21.
Daniel Immerwahr, The Greater United States: Territory and Empire in U.S. History, in: Diplomatic History 3/2016, S. 373–391; vgl. auch Brian Russell Roberts/Michelle Ann Stephens, Archipelagic American Studies. Decontinentalizing the Study of American Culture, in: dies. (Hrsg.), Archipelagic American Studies, Durham–London 2017, S. 1–54.
22.
Immerwahr (Anm. 21), S. 390.
23.
Guam, 12.7.2018, https://www.cia.gov/library/publications/resources/the-world-factbook/geos/gq.html«.
24.
Lanny Thompson, Imperial Archipelago. Representation and Rule in the Insular Territories under U.S. Dominion after 1898, Honolulu 2010; Immerwahr (Anm. 21), S. 387; David Vine, Base Nation. How U.S. Military Bases Abroad Harm America and the World, New York 2015.
25.
Zit. nach Brief von George A. Courtright an Warren Reed West, 18.2.1941, http://www.history.navy.mil/research/publications/documentary-histories/united-states-navy-s/the-capture-of-guam/warrant-officer-geor/_jcr_content.html«.
26.
Vgl. Vicente M. Diaz, Repositioning the Missionary: Rewriting the Histories of Colonialism, Native Catholicism, and Indigeneity in Guam, Honolulu 2010; siehe auch Strasser (Anm. 18).
27.
Vgl. Moritz Pöllath, Revisiting Island Decolonization: The Pursuit of Self-Government in Pacific Island Polities under US Hegemony, in: Island Studies Journal 1/2018, S. 235–250, hier S. 237; Michael Lujan Bevacqua/Elizabeth Ua Ceallaigh Bowman, Guam, in: The Contemporary Pacific 1/2018, S. 136–144.
28.
Governor Calvo Delivers His Final State of the Island Address, 20.2.2018, http://www.kuam.com/story/37491190/2018/02/Tuesday/governor-calvo-delivers-his-final-state-of-the-island-address«.
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