Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Jan-Martin Zollitsch

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Guam und der Versuch der (Selbst-)Verortung

Im Sommer 2017 – auf der Höhe des kriegsrhetorischen Schlagabtauschs zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un – hatte sich Calvo warnend gegen eine die Insel überwölbende Darstellung in den Medien gewandt mit dem Hinweis, dass es sich bei Guam nicht bloß um einen Militärstützpunkt handele, sondern hier auch Menschen lebten.[29] Tatsächlich wurde die Insel – "eine Obskurität irgendwo da draußen im riesigen blauen Bereich des Globus", wie die "New York Times" schrieb[30] – in der damaligen Berichterstattung häufig auf ihre Lage reduziert: Auf Kartenausschnitten, die die Entfernungen zwischen Guam und Washington respektive Pjöngjang illustrieren sollten, erschien die Insel maßstabsgetreu unsichtbar als blauer Punkt, der nur abstrakt durch eine über das blaue Meer gelegte Einkreisung als Land ausgewiesen wurde.

Diese eher simuliert-entworfene denn erfahrene Lage Guams hat ihre historischen Vorläufer: So fungierte der Archipel als regelmäßiger Zwischenhalt zur Orientierung und Proviantierung auf der Route der sogenannten "Manila-Galeonen", die jahrhundertelang den Seehandel zwischen Ostasien und Mittelamerika prägten. Später diente die Insel als Kohlestation, als Durchgangspunkt des 1903 eingerichteten ersten transpazifischen Telegrafenkabels sowie als Tankstopp entlang der ersten Linienflugverbindung über den Pazifik ab 1936. Auch die amerikanischen Kriegsschiffe kaperten die Insel 1898 quasi nebenbei, unterwegs von Hawaii zu den Philippinen. Als "einsamer Außenposten, den wir nie richtig befestigt haben", wurde Guam im Zweiten Weltkrieg rasch von Japan besetzt – ein Versäumnis, das der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 23. Februar 1942 in einer Radioansprache thematisierte, in der er die Amerikaner*innen auch über die strategische Bedeutung der unzähligen Inseln im Pazifik aufklärte, selbst wenn diese "auf den meisten Karten nur als kleine Punkte oder gar nicht erscheinen" würden. 1944 wurde Guam im Zuge der "Island-Hopping"-Gegenoffensive wiedererobert und zu einem wichtigen militärischen Knotenpunkt ausgebaut. Mit Atomwaffen aufgerüstet funktionierte der "Wachhund"[31] Guam als vorgelagerte Drohkulisse im Kalten Krieg. Andererseits bot sich die Insel als "intermediate place", als "Zwischenort", so US-Außenminister John Foster Dulles am 26. Juli 1953 in einem Telegramm an die US-Botschaft in Südkorea, auch für amerikanisch-asiatische Gesprächstreffen an. Politiker auf der Durchreise schienen dabei stets bemüht, dem Vorurteil entgegenzutreten, sie sähen in Guam nur "einen bequemen Zwischenstopp auf dem Weg nach woanders", wie es der damalige US-Präsident Ronald Reagan während eines Stopovers 1984 ausdrückte.

Als Richard Nixon, einer seiner Vorgänger, 1972 über Guam nach China reiste, sprach die Lokalzeitung selbstbewusst vom privilegierten Beobachterstatus der Insel als "Aussichtspunkt",[32] stets den gegenwärtigen Stand der US-Asienpolitik beaufsichtigend. In der Gegenrichtung wickelte Guam unter Nixons Nachfolger Gerald Ford nach dem Fall der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon im letzten Akt des Vietnamkriegs 1975 einen großen Teil des Flüchtlingsstroms aus Südostasien in die Vereinigten Staaten ab. Die folgenden Jahrzehnte brachten eine Abschwächung der militärischen Sinnbelehnung Guams mit sich, wodurch sich die Insel erfolgreich als Tourismusdestination neu erfinden konnte und zwischenzeitlich sogar als "neues Hongkong"[33] gehandelt wurde. Dieser immer wieder von Krisen unterbrochene Trend der Demilitarisierung und Prosperität wurde spätestens mit der seit einigen Jahren geplanten Modernisierung der militärischen Infrastruktur im Marianen-Archipel widerrufen oder zumindest entkoppelt. Guam fand sich so im "Wendekreis" des von US-Präsident Barack Obama in seiner ersten Amtszeit ausgerufenen "Schwenks nach Asien" wieder. Das Raketenabwehrsystem, das die Insel seit 2013 virtuell beschirmt, symbolisiert diese erneuerte militärische Überformung. Dagegen wenden sich zivilgesellschaftliche Gruppen, die in ihren Anliegen (Demilitarisierung, Dekolonisation, Umweltschutz) nicht insular-isoliert bleiben, sondern sich vielmehr archipelagisch vernetzen und Anschluss suchen sowohl an die Chamorro-Diaspora (Hawaii, Westküste der USA) als auch zu gleichgesinnten Bewegungen an anderen Brennpunkten des Protests im pazifischen Raum.[34]

Die Inseln des Pazifiks sind so gegenwärtig Schauplatz einer strapazierten Beziehung zwischen Vereinigten Staaten und Außengebieten – amerikanischer "Kriegsspiele"[35] und forscher Guamer Selbstentwürfe – wie auch weltpolitischer Konstellationen; zumal am Horizont immer deutlicher die Möglichkeit künstlicher Inseln aufscheint.[36] Ein archipelagischer Blick kann helfen, diese Spannungsfelder sichtbar zu machen. Die hier neu entworfene Strategie des "Inselspringens" hatte schließlich nicht nur die epochalen Fahrten der Phönizier*innen, Wikinger*innen und Polynesier*innen angeleitet, sondern auch die europäische Expansion, Inseln und Inselentwürfe als "geistige Trittsteine" auslegend.[37]

Fußnoten

29.
Guam Governor Says North Korea’s Talk of Revenge Is no Threat, 9.8.2017, http://www.reuters.com/article/us-northkorea-missiles-usa-guam-governor-idUSKBN1AP0AW«.
30.
Doug Mack, Guam Is Suddenly in the News. But What Is It Like to Travel There?, 18.8.2017, https://nyti.ms/2v7bGo4«.
31.
Charles Beardsley, Guam. Past and Present, Tokio–Rutland 1964, S. 247. Zum kolonialen Subtext dieser Allegorie – Guam als "Wachhund" an der Leine der USA – vgl. Camilla Fojas, Islands of Empire. Pop Culture and U.S. Power, Austin 2014, S. 181.
32.
Our Wish of Godspeed as Nixon Heads West, Pacific Daily News, 21.2.1972.
33.
Could Guam Be Another Hong Kong?, New York Times, 27.7.1983.
34.
Vgl. Tiara R. Na’puti/Michael Lujan Bevacqua, Militarization and Resistance from Guåhan: Protecting and Defending Pågat, in: American Quarterly 3/2015, S. 837–858.
35.
Ebd., S. 837.
36.
Vgl. dazu auch den Beitrag von Julian Dörr und Olaf Kowalski in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
37.
John Gillis, Islands of the Mind. How the Human Imagination Created the Atlantic World, New York 2004, S. 62.
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