Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Arndt Kremer

Eine Welt für sich. Die Insel als literarischer und sprachlicher Grenz- und Denkraum

Inseln als soziale Räume

Ohne Vorstellungen dessen, was "Raum" bedeutet oder bedeuten kann, blieben Begriffe wie "Insel" oder "Verinselung" leer. Raum ist zweifellos eine umstrittene Kategorie, weil der Begriff so vieldeutig ist und unter sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachtet werden kann: Zum einen kann Raum verstanden werden als physischer Ort und damit als grundlegende geografische Größe eines städtischen, ländlichen, regionalen oder nationalen Territoriums. Darüber hinaus kann der Raum im kulturellen oder sozialen Bedeutungssinn heilig oder profan, virtuell oder real sein, er kann begrenzt und grenzenlos sein, sogar physisch, wie bei der Theorie eines unendlich expandierenden Universums. Räume können projiziert, dargestellt, reproduziert, vorgestellt werden, sie lassen sich aneignen, angreifen und verteidigen, isolieren und verbinden.[9]

Man kann den Schwerpunkt auf die Idee des Raumes als einer relativen und nicht als einer absoluten Einheit legen, die aus sozialen Beziehungen zwischen Individuen besteht und aufgebaut ist und dementsprechend von menschlichen Handlungen und Wahrnehmungen abhängt.[10] Genau dies, die unvermeidliche Verbindung einer Person mit ihrer Umgebung und Umwelt, wird in John Donnes berühmtem Satz "No man is an island" ausgedrückt.[11] Er erinnert an Aristoteles’ wichtiges Diktum, dass ein Mensch als Mitglied der (staatlichen) Gesellschaft polis per se ein "Staats-Lebewesen" oder zôon politikon ist.[12] Obwohl die Isolation in und auf einer Insel eine Tatsache und eine psychologische, ökonomische und politische Herausforderung sein kann, sind wir im Grunde nie allein. Ein Robinson Crusoe findet immer einen Freitag, ob dieser existiert oder nicht – denn auch die Erinnerung an den oder die anderen formt einen wichtigen Teil unserer individuellen Identität. Andererseits erfordert die gewohnte Routine des Alltags auch eine innere Abgeschlossenheit, ein angenehmes Ignorieren der Tatsache, dass wir von Leid umgeben sind wie die Insel von Wasser. Ein gewisses Maß an psychischer Verinselung, um die eigene Existenz von den endlosen Tragödien anderer abzugrenzen und zu distanzieren, macht uns den Alltag erst erträglich und möglich. In seinem Roman "American Gods" (2001) kommt der Fantasy-Autor Neil Gaiman deshalb zu dem Schluss, Donne habe sich geirrt: "Wären wir keine Inseln, wären wir verloren und in den Tragödien des jeweils anderen ertrunken. Wir sind isoliert […] von der Tragödie anderer, durch unsere Inselnatur."[13]

Verschiedene Interpretationen von Räumen können hilfreich sein für die Analyse von Inseln als metaphorische Ideen oder räumlich-soziale Repräsentationen: Der Philosoph Michel Foucault betont den plurizentrischen Charakter des Raumes, seine gegensätzliche Vielfalt in immer neu sich entfaltenden Vielräumen ("Heterotopien"), während dem Theologen und Soziologen Michel de Certeau zufolge Raum erst durch die Bewegung der Menschen in ihm entsteht.[14] Allein durch die Begrenzung des Meeres zwingen Inseln zum Anhalten, sie werden zu Orten des Wartens, auf ein Schiff, ein Flugzeug, auf die Flaschenpost. Poststrukturalistische Philosophen wie Gilles Deleuze und Jacques Derrida betonen dagegen den realen und virtuellen Charakter der Insel als Ort der Transformation und Vorstellungskraft.[15] Die Insel steht für den Kontrast zwischen Erde und Wasser, zwischen bewohnten und verlassenen Orten und repräsentiert daher immer eine wechselnde Vielfalt des eigenen Werdens und des Werdens anderer.[16] Als Welt für sich wird die Insel zu einer Plattform zwischenmenschlicher Begegnung, die anderen Gesetzen von Raum und Zeit zu gehorchen scheint, oder, wie es der Schriftsteller Lawrence Durrell ausgedrückt hat: "Inseln (…) sind Orte, an denen unterschiedliche Schicksale aufeinandertreffen und sich in voller Isolation der Zeit kreuzen können."[17]

Fußnoten

9.
Vgl. Nora Berning/Philipp Schulte/Christine Schwanecke (Hrsg.), Experiencing Space – Spacing Experience: Concepts, Practices, and Materialities, Trier 2014.
10.
Vgl. Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes, Frankfurt/M. 2006, S. 48–184.
11.
Die vollständige Passage lautet: "No man is an Iland, intire of itselfe; every man is a peece of the continent, a part of the maine", John Donne, Meditation XVII, Devotions upon Emergent Occasions, 1624.
12.
Vgl. Aristoteles, Politiká III, 6.
13.
Neil Gaiman, American Gods, New York 2002, S. 322.
14.
Vgl. Michel Foucault, Of Other Spaces, Heterotopias, in: Architecture, Mouvement, Continuité 5/1984, S. 46–49; Michel de Certeau, The Practice of Everyday Life. Berkeley 2002; ders., The Practices of Space, in: Marshall Blonsky (Hrsg.), On Signs, Baltimore 1985, S. 122–145.
15.
Vgl. Stewart Williams, Virtually Impossible: Deleuze and Derrida on the Political Problem of Islands (and Island Studies), in: Island Studies Journal 2/2012, S. 215–234.
16.
Vgl. Gilles Deleuze, Causes et raisons des îles désertes, in: Gilles Deleuze, L’île déserte et autres textes: Textes et entretiens 1953–1974, hrsg. von David Lapoujade, Paris 2002, S. 11–17.
17.
Lawrence Durrell, Bitter Lemons of Cyprus, London 2000, S. 20.
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