Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Arndt Kremer

Eine Welt für sich. Die Insel als literarischer und sprachlicher Grenz- und Denkraum

Inseln als Sprachräume

Da Sprache nicht nur für Repräsentation und Vermittlung von Kultur von größter Bedeutung ist, sondern auch für die Formulierung individueller und kollektiver Identitäten,[18] ist es nicht verwunderlich, dass Sprachen oft eine wesentliche Rolle spielen bei der Gründung, Stärkung, Erhaltung und Gefährdung von Inselstaaten. Prozesse und Phänomene der Insularität können deshalb auch linguistisch betrachtet werden, weil topografisch-geografische Grenzen manchmal mit kulturellen und sprachlichen Grenzen übereinstimmen oder in Konflikt stehen.

Sprachinseln sind relativ kleine Minderheitengemeinschaften mit einer bestimmten Sprache in einem spezifischen regionalen oder nationalen Gebiet, das in einem größeren Gebiet, einer anderen Region oder Nation mit einer differenten, oft dominierenden Sprache liegt und zumeist von dieser umschlossen ist.[19] Die Grenzen sind häufig fließend, denn solche Enklaven sind weder autonom noch autark, sondern in ständigem Austausch mit den umliegenden Sprachgebieten und ihren Bewohnern. Die verschiedenen Formen dieses Austausches bringen in der Regel eine funktionale Mehrsprachigkeit innerhalb der Sprachinsel mit sich, da die Bewohner nicht nur innerhalb der Inselgemeinschaft, sondern auch mit den Menschen der Umgebung kommunizieren müssen. Die brüchige Konstellation einer Minderheitensprachengemeinschaft innerhalb einer großen Sprachgemeinschaft wird dabei immer wieder durch eine Sprachenpolitik bedroht, die die sprachliche Identität der Bewohner der Sprachinsel sprachplanerisch bekämpft und diskriminiert.[20] Der Akt der "Sprachreinigung" wird dabei zum machtpolitischen Mittel, um kulturelle und zuweilen auch territoriale Eigenständigkeiten sprachlicher und kultureller Minderheiten einzuebnen und aufzuheben. [21]

Ein bekanntes historisches Beispiel für das fragile Phänomen der Mehrsprachigkeit ist die jüdische Gemeinde in Czernowitz in der Westukraine, dessen multikulturelle Tradition durch die Ermordung der Juden während des Zweiten Weltkriegs weitgehend verloren gegangen ist. Sprachinsel-Gemeinschaften, die heute gefährdet sind, sind zum Beispiel die rätoromanisch-sprachigen Teile der Schweiz, die Gälisch sprechenden Regionen in Irland oder die kleinen Gemeinden von Sprechern "konservierter" Idiome in Amerika wie der Mennoniten in Bolivien oder der Amischen in den Vereinigten Staaten.[22] Einige dieser überseeischen Sprachinsel-Gemeinschaften haben sich starke Bindungen zum festländischen Mutterland bewahrt, das als Herkunftsland ein kultureller und linguistischer Bezugspunkt bleibt.

Die Fälle der Schweiz und Irlands zeigen, dass selbst eine stark fördernde nationale Sprachenpolitik gegenüber Sprachminderheiten nicht zwingend dazu führen muss, dass die Sprachvarietäten in diesen Enklaven überleben werden: So sind die Prognosen für das von weniger als 60.000 Sprechern alltäglich gesprochene Bündner- oder Rätoromanische in der Schweiz und das von nur noch etwa 66.000 Sprechern als Erstsprache verwendete irische Gälisch schlecht,[23] obwohl sowohl die Schweiz als auch die Republik Irland hier mit beträchtlichen eigenen und EU-Mitteln gegensteuern – und Irisch seit 2007 sogar als offizielle Amtssprache in den EU-Institutionen anerkannt ist. Wie rapide der Sprachverfall voranschreiten kann, zeigt gerade das Irische, das noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf der gesamten Insel als Umgangssprache von 3,5 Millionen Menschen gesprochen wurde.[24] Es bleibt letztlich eine offene Frage, ob die besonders seit der Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien 1922 einsetzende und teils enorme Aufwertung des Sprachprestiges des Irischen den Sprachverfall langfristig umkehren kann.[25] Ähnliches gilt für das Bündner- oder Rätoromanische, das im Kanton Graubünden neben Deutsch und Italienisch als dritte Amtssprache und in der Schweiz als vierte Landessprache anerkannt ist.[26]

Sprachpolitik kann Minderheitensprachen fördern, sie kann diese aber auch bekämpfen – so geschehen in Frankreich, wo eine zentralistisch gesteuerte Bevorzugung des Hochfranzösischen kleinere Sprachen wie das Okzitanische oder Bretonische bewusst diskriminiert und Stück für Stück zurückgedrängt hat. Das zeigt sich bis heute: Obwohl in allen, auch den überseeischen Staatsgebieten Frankreichs über 70 Regional- und Minderheitensprachen gesprochen werden und auch in Frankreich selbst einige nennenswerte Sprachinseln wie das Baskische und Okzitanische existieren, ist Französisch die einzige offizielle National- und Amtssprache (langue de la république) mit Verfassungsrang. Die traditionellen Sprachen werden lediglich als Regionalsprachen (langues régionales), nicht jedoch als ethnische Minderheitensprachen angesehen.[27] Entsprechend hat Frankreich die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats von 1992, die die historischen Regional- und Minderheitensprachen in Europa schützt und fördert, bis heute nicht ratifiziert.[28]

Fußnoten

18.
Vgl. David Crystal, Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Berlin 2010, S. 13.
19.
Vgl. Klaus J. Mattheier, Theorie der Sprachinsel: Voraussetzungen und Strukturierungen, in: Nina Berend/Klaus J. Mattheier (Hrsg.), Sprachinselforschung: Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig, Frankfurt/M. et al. 1994, S. 333–348.
20.
Vgl. zum Zusammenhang von Sprache und Politik Florian Coulmas, Sprache und Staat: Studien zur Sprachplanung und Sprachpolitik, Berlin 1985.
21.
Vgl. Susan Gal, Language and Political Space, in: Peter Auer/Jürgen Erich Schmidt (Hrsg.), Language and Space: An International Handbook of Linguistic Variation, Bd. 1: Theories and Methods, Berlin–Boston 2010, S. 33–50.
22.
Vgl. Peter Wiesinger, Deutsche Dialektgebiete außerhalb des deutschen Sprachgebietes: Mittel-, Südost- und Osteuropa, in: Werner Besch/Ulrich Knoop/Wolfgang Putschke (Hrsg.), Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, Bd. 1.2, Berlin–Boston 1982.
23.
Vgl. Helen Ó Murchú, More Facts about Irish, Bd. 2, Dublin 2014, S. 41.
24.
Vgl. Máirtín Ó Murchú, Aspects of the Societal Status of Modern Irish, in: Martin J. Ball/James Five (Hrsg.), The Celtic Languages, London 1993, S. 471–490.
25.
Beim Zensus von 2011 gaben zwar über 1,7 Millionen Iren (41,4% der Gesamtbevölkerung) an, Irisch zu sprechen – dies bezieht sich aber nicht auf Muttersprachenkenntnisse und mag der Tatsache geschuldet sein, dass Irisch an allen Schulen ein Pflichtfach ist. Täglich wird Irisch fast nur von Bewohnern der Gaeltacht genutzt, aber auch hier ist die Anzahl der Muttersprachler 2011 im Vergleich zu 1996 um 7% auf 69,5% gesunken; vgl. Ó Murchú (Anm. 24).
26.
Hans Goebl, Externe Sprachgeschichte der romanischen Sprachen im Zentral- und Ostalpenraum, in: Gerhard Ernst et al. (Hrsg.), Romanische Sprachgeschichte: Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen, Bd. 1, Berlin–New York 2003, S. 747–773, hier: S. 749.
27.
Vgl. Proposition de loi sur les langues régionales: le Parti socialiste tombe le masque, Pressemitteilung, 20.1.2016, http://www.federation-rps.org/2016/01/20/proposition-de-loi-sur-les-langues-régionales-le-parti-socialiste-tombe-le-masque«.
28.
Vgl. Europarat, Förderung der Charta-Ratifizierung in Frankreich, http://www.coe.int/de/web/european-charter-regional-or-minority-languages/forderung-von-charta-ratifizierungen-in-frankreich«.
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