Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Arndt Kremer

Eine Welt für sich. Die Insel als literarischer und sprachlicher Grenz- und Denkraum

(Sprach-)Inseln als Denkräume

Doch auch ohne eine tendenziell oder offen diskriminierende Sprachenpolitik kann eine Mehrheitsgesellschaft das Festhalten einer Minderheit an ihrer Minderheitensprache als Provokation empfinden. Ein historisches Beispiel hierfür ist die Sprachtreue der deutsch-jüdischen Exilanten, die nach 1938 vor nationalsozialistischer Verfolgung nach Israel und Palästina flohen.[29] Die "Jeckes", wie die aus deutschsprachigen Ländern stammenden aschkenasischen Juden genannt wurden, trafen auf eine relativ geschlossene, sich selbst verwaltende jüdische Gemeinschaft ("Jischuw"), die hauptsächlich aus osteuropäischen Juden bestand, die sich oft lange zuvor in Palästina niedergelassen hatten. Zu diesem Zeitpunkt war Hebräisch die dominierende Sprache des Jischuw. Bereits 1914 nutzten etwa 40 Prozent der palästinensischen Juden Ivrith, die revitalisierte und lexikalisch aufgefrischte Variante des traditionellen Hebräisch, als erste Volkssprache; bei den Kindern zwischen zwei und vierzehn Jahren lag der Anteil bei mehr als der Hälfte.[30] Die Situation änderte sich nun: Während die westlichen, akkulturierten Juden in der Vergangenheit in oft herablassender Weise den östlichen oder osteuropäischen, aus Russland, Polen oder der Ukraine stammenden Juden die Segnungen der westeuropäischen Kultur gepriesen hatten, lehrten diese in Palästina nach 1933 den akkulturierten Juden, wie ein "wahrer Jude" zu sprechen und zu sein habe: hebräisch und zionistisch. Schließlich schienen durch den Nationalsozialismus die deutsche Kultur und als ihr Medium die deutsche Sprache ein für alle Mal diskreditiert. Die osteuropäischen Juden des Jischuw sahen die teils langsamen Fortschritte der Jeckes beim Erlernen des Hebräischen als bewusste Weigerung und begegneten dem zuweilen mit Aggressionen, die sich beispielsweise gegen deutschsprachige Zeitungen in Israel und Palästina richteten.[31]

Die deutschsprachigen Juden reagierten darauf so, wie angefeindete Sprachminderheiten oft reagieren: mit einer Mischung aus Entgegenkommen und Identitätsversicherung, die sich auch in der Bildung von Sprachinseln zeigen kann. Bis 1939 hatte sich ein sehr hoher Anteil deutschsprachiger Juden in bestimmten Städten angesiedelt, vor allem in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa.[32] In Jerusalem lebten und arbeiteten viele deutschsprachige Juden in Stadtteilen wie zum Beispiel Rekhavia oder in einem Gebiet, das bis heute "das deutsche Viertel" (Moshava Germanit) genannt wird und auf eine frühe deutsche Siedlung aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Jeckes in Tel Aviv gründeten kleine Viertel mit deutsch-jüdischen Cafés, einer liberalen Synagoge und Buchläden auf Straßen, die sie mit deutsch-hebräischen Komposita benannten, beispielsweise Rehov-Ben-Yehuda-Straße. In diesen Arealen kommunizierten die Bewohner weiterhin auf Deutsch. Uri Rapp, ein Lehrer und Dozent, erinnerte sich 1990: "Es gab, vor allem in Tel Aviv und Haifa, eine Enklave, in der man Deutsch sprach. Meine Mutter hat in vierzig Jahren nie Hebräisch gelernt, und sie hat sich in Tel Aviv sehr gut zurechtgefunden."[33]

Dieses Phänomen blieb auch nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 bestehen. Intellektuelle Führer des deutschen Judentums wie der Religionsphilosoph Martin Buber, der Philosoph Hugo Bergmann und der Religionshistoriker Gershom Scholem lebten, permanent oder nur für eine Weile, in diesen relativ kleinen Nachbarschaften, in denen Apotheken, Ärzte und Anwälte, kurzum eine ganze Umgebung, bevorzugt auf Deutsch kommunizierte.[34] Dennoch können die deutschsprachigen Siedlungen in Palästina nicht als typische Sprachinseln bezeichnet werden, da die deutschsprachigen Areale in Jerusalem, Tel Aviv oder Haifa ziemlich partiell, gebrochen und zerstreut waren. Daher fehlten ihnen der starke Zusammenhalt und die eindeutig abzugrenzende Lokalisation – beides Merkmale, die dem Sozialpsychologen John Edwards zufolge zu den Hauptmerkmalen sprachlicher Minderheiten und auch von Sprachinseln gehören.[35] Eben darin unterschieden sie sich beispielsweise von den jiddischsprachigen Schtetl-Kulturen in Polen, Russland oder der Ukraine, die in funktionaler Mehrsprachigkeit mit der sie umgebenden Mehrheitssprachgemeinschaft kommunizierten, dabei aber in recht genau abgetrennten Siedlungen nahezu vollständig von eben dieser Mehrheit umschlossen waren. Die Sprachinseln der deutsch-jüdischen Exilanten waren also vor allem auch Denkräume, die "eher in den Köpfen der Sprachinsulaner als in der Landschaft" existierten. Statt von Sprachinseln ließe sich hier also besser von "Sprachinselmentalitäten" reden.[36]

Diese "imagined communities"[37] scheinen viel unabhängiger von sozialen, kulturellen und geografischen Realitäten gewesen zu sein als gedacht. Abgetrennt von ihrem deutschen Vaterland, wo sie diskriminiert und verfolgt wurden, und von Zionisten und Hebraisten beschuldigt, den wahren jüdischen Glauben nicht annehmen zu wollen, hielten viele deutschsprachige Juden in Palästina an ihrer Muttersprache fest, die aufgrund des nationalsozialistischen Terrors massiv an Prestige eingebüßt hatte und auch deshalb von der Mehrheit des Jischuv abgelehnt oder sogar angefeindet wurde. Die deutschsprachigen Jeckes konnten sich nicht oder erst spät in den neuen Kultur- und Sprachraum in Israel und Palästina einfinden. Ihr kultureller Erinnerungsraum der Weimarer Republik existierte nach 1933 nicht mehr, ihr aus Quellen des 18. Jahrhunderts (Goethe, Schiller, Lessing etc.) gespeister humanistischer Bildungsraum hatte den Einbruch der nationalsozialistischen Barbarei nicht verhindern können. Verloren in und zwischen diesen Räumen, schufen sich viele deutschsprachige Jeckes Ersatzräume: Sprach- und Kulturinseln des Inneren.[38]

Fußnoten

29.
Vgl. Michael Volkmann, Neuorientierung in Palästina: Erwachsenenbildung deutschsprachiger jüdischer Einwanderer 1933 bis 1948, Köln–Weimar–Wien 1994, S. 62.
30.
Vgl. Central Bureau of Statistics [Israel], Statistical Abstract of Israel, Jerusalem 1957–58, S. 366.
31.
Vgl. Arndt Kremer, Lost Spaces, Lost in Space: Spatial Memory and Language Attitudes of German-Jewish Immigrants to Palestine, in: Sabine Sander (Hrsg.), Language as Bridge and Border. Linguistic, Cultural, and Political Constellations in 18th to 20th Century German-Jewish Thought, Berlin 2015, S. 155–177, hier S. 162.
32.
Vgl. Einwanderung in Palästina, in: Gideon Greif/Colin McPherson/Laurence Weinbaum (Hrsg.), Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen, Köln–Weimar–Wien 2000, S. 30–43, hier 38.
33.
Zit. in: Das Sprachenproblem, in: Anne Betten/Myriam Du-nour (Hrsg.), Wir sind die Letzten. Fragt uns aus: Gespräche mit den Emigranten der dreißiger Jahre in Israel, Gerlingen 1995, S. 299–341, hier S. 310.
34.
Vgl. Was ist ein Jude?, in: Greif/Motherson/Weinbaum (Anm. 32), S. 1–7, hier: S. 2–4.
35.
Vgl. John Edwards, Notes for a Minority-Language Typology: Procedures and Justification, in: Journal of Multilingual and Multicultural Development 1–2/1990, S. 137–151, hier S. 142f.
36.
Mattheier (Anm. 19), S. 335.
37.
Benedict Anderson, Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, New York 2006.
38.
Vgl. Kremer (Anm. 31), S. 166ff.
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