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20.8.2003 | Von:
Markus C. Pohlmann

Die "Desorganisation" der Tiger

Die neue Phase wirtschaftlicher Modernisierung in Südkorea und Taiwan

Ausblick

Bisher gab es gute Gründe, von einem "organisierten Kapitalismus" in den asiatischen Schwellenländern zu sprechen. Die von Scott Lash und John Urry für Europa entwickelten Regeln passten nur zu gut auf die Situation der Tigerökonomien: Je später die Industrialisierung in einem Land einsetze, je mehr vorkapitalistische Institutionen überlebten und je niedriger die Bevölkerungszahl eines Landes sei, desto stärker organisiert werde seine Wirtschaft sein.[35] All dies trifft in spezifischer Weise für die asiatischen Schwellenländer zu: Die Industrialisierung setzte spät ein, sie wiesen zahlreiche vorkapitalistische Institutionen auf und waren vergleichsweise kleine Ökonomien. Und in der Tat erschien Südkoreas Wirtschaft so sehr durch die korporatistischen Arrangements eines autoritären Entwicklungstaates gekennzeichnet,[36] dass sogar von einem Staatskapitalismus die Rede war.[37] Und in Taiwan hatte sich ein "Partei-Staatskapitalismus" ausgebildet, der die KMT zu einer der reichsten Parteien der Welt werden ließ. Darüber hinaus scheint aber noch eine Regel von Lash und Urry zuzutreffen: Je stärker der Kapitalismus organisiert sei, desto langsamer werde er sich desorganisieren. Und genau diese langsame Desorganisation der ostasiatischen Wirtschaftsmodelle erleben wir derzeit.

Sowohl die südkoreanischen Großunternehmensgruppen als auch die taiwanesischen Unternehmensnetzwerke können sich dem damit verbundenen Druck immer weniger entziehen. Dieser ist auch deswegen so stark, weil zwei sozialstrukturelle Entwicklungen aufeinander treffen und sich wechselseitig verstärken: Eine deutliche gesellschaftliche Aufwertung neuer Mittelschichten geht mit einem Generationswechsel innerhalb der Eliten einher, der ein Festhalten an traditionalen Arrangements deutlich erschwert. Die Desorganisation zentraler Parameter der althergebrachten Wirtschaftsmodelle ist die Folge.

Innergesellschaftlich ist die Dynamik der industriellen, politischen und sozialen Transformation in Südkorea von einem "Statuskonflikt" zwischen Elite- und Subelitegruppen geprägt. Dieser spielt m.E. eine noch stärkere Rolle für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Landes als jener zwischen Kapital und Arbeit. Der Konflikt zwischen Eliten und Subeliten in den Chaebol - also zwischen den neuen alten Eliten und der neuen Mittelklasse - treibt derzeit die Desorganisation der Chaebol von innen voran. Das Ausbleiben eines Wandels der Organisationsstrukturen erwies sich nicht nur als teuer und hat zu einem Durchschlagen der (durch eine "financial panic" ausgelösten) asiatischen Finanzkrise beigetragen. Es hat auch dazu geführt, dass das Innovationspotential der "neuen Mittelklassen" nicht wirklich genutzt wurde. Deshalb trieb der ungelöste Konflikt zwischen Eliten und Subeliten die faktische Desorganisation der Chaebol - und damit des südkoreanischen Wirtschaftsmodells insgesamt - weiter voran. Davon war auch das System industrieller Beziehungen betroffen. Seine Neustrukturierung, die erst Mitte bzw. Ende der neunziger Jahre einsetzte, ist von der Suche nach einem neuen "Sozialpakt" mit formellen Beteiligungsrechten geprägt, der jedoch gesellschaftlich noch sehr umstritten ist. Aber auch diese Desorganisation und Neuausrichtung ist, wie jene nach den neuen Konturen und Aufgaben eines Post-Entwicklungsstaates, von oben organisiert. Der Entwicklungspfad Südkoreas vor, während und nach der Krise lässt sich deshalb am ehesten als "teilweise radikale Desorganisation" des Wirtschaftsmodells "von oben" kennzeichnen.

In Taiwan hingegen ist in den vergangenen Jahren eher eine "schleichende Desorganisation" des Wirtschaftsmodells "von innen" zu beobachten. Sie hat das Land - nach einer kontinuierlichen ökonomischen Entwicklung in den neunziger Jahren - heute an den Rand einer Wirtschaftskrise geführt; diese ist gekennzeichnet durch eine nur langsame strategische Neupositionierung in der Weltwirtschaft sowie die weitgehende Verlagerung der gesamten arbeitsintensiven Produktion ins ökonomische Hinterland der Volksrepublik China. Die schleichende Desorganisation macht sich zunächst in der sukzessiven Abkehr von dem neotraditionalen Modell chinesischer Unternehmensnetzwerke bemerkbar; sie sorgt zusammen mit der offenen Elitenstruktur dafür, dass die Spannungen zwischen den aufstrebenden neuen Mittelschichten und den ökonomischen Eliten viel geringer ausgeprägt sind als in Südkorea. Die Desorganisation zeigt sich dann auch in der nach wie vor großen Vertretungsschwäche der Gewerkschaften, die noch zu keinem neuen System industrieller Beziehungen gefunden haben. Am deutlichsten erkennbar ist sie jedoch an den Konturen des Entwicklungstaates, die in den neunziger Jahren aufgrund der Dominanz der KMT nur langsam verblassten.

Sowohl in Südkorea als auch in Taiwan lässt sich die Desorganisation der Wirtschaftsmodelle derzeit an den Unsicherheiten, Turbulenzen und Rückschlägen in der ökonomischen und sozialen Entwicklung ablesen. Beide Ökonomien befinden sich in einer "Statuspassage", deren Ausgang nicht nur ungewiss, sondern auch von mehr oder weniger starken Modernisierungsspannungen überschattet ist. Die ostasiatischen Tigerökonomien stehen am Ende ihrer "Gründerzeit". An der Wegscheide zwischen Familien- und Managerkapitalismus müssen die ostasiatischen Firmen zu neuen Unternehmensformen finden, die in stärkerem Maße Professionalität zulassen und die Entfaltungsmöglichkeiten der aufsteigenden "neuen Mittelschichten" berücksichtigen. Die Selbstverständlichkeit der tendenziell autokratischen, "neotraditionalen Arrangements" der "Gründerzeit" hat nachgelassen. Zwischen Desorganisation und Restrukturierung müssen die Tigerökonomien nun zu neuen Wirtschaftsmodellen finden, um ihren Weg ins Zentrum der Weltwirtschaft fortzusetzen.


Fußnoten

35.
Vgl. Scott Lash/John Urry, The End of Organized Capitalism, Cambridge 1987, S. 4 f.
36.
Vgl. dazu ausführlicher Markus Pohlmann (Anm. 12), S. 132.
37.
Vgl. Gary G. Hamilton/Nicole Woolsey Biggart, Market, Culture and Authority. A Comparative Analysis of Management and Organization in the Far East, in: American Journal, 94 (1988), S. 62ff.